Neueste Attraktion: Auf einem Kreuzfahrtschiff hat „Maurer Rides“ eine ihrer Achterbahnen montiert.
+
Neueste Attraktion: Auf einem Kreuzfahrtschiff hat „Maurer Rides“ eine ihrer Achterbahnen montiert.

Adrenalinkick made in Kirchheim

„Schon eine kranke Idee“: Diese Firma hat eine Achterbahn auf ein Kreuzfahrtschiff gebaut

  • Max Wochinger
    vonMax Wochinger
    schließen

Die Achterbahnbauer von der Firma „Maurer Rides“ aus Kirchheim gehören zu den innovativsten der Branche. Das beweist ihr neuster Meilenstein: eine Achterbahn auf einem Kreuzfahrtschiff.

Kirchheim – Das Oktoberfest ist ein Geschichtsbuch der Achterbahnen. Das „Toboggan“ von 1933, eine heute primitive Holzrutsche mit Förderband, steht unweit des „SkyFall“, des höchsten mobilen Freifallturms der Welt. Dazwischen liegt die Achterbahn „Wilde Maus“. Gebaut haben sie Ingenieure von Maurer Rides in Kirchheim, 1994 war das. Inzwischen gehört auch die „Wilde Maus“ zum alten Eisen, die neuen Achterbahnen des Unternehmens sollen versprechen, was jeder Fahrgast verlangt: den ultimativen Kick. Den gibt’s jetzt auch auf riesigen Kreuzfahrtschiffen. Eine Weltpremiere, Made in Kirchheim.

57 Meter über dem Meeresspiegel, 220 Meter lang, 1,2 g Beschleunigung: Die neue Achterbahn von Maurer Rides beschleunigt so schnell wie Formel 1-Autos – und das mitten auf dem Mittelmeer, Pazifik oder Atlantik. „Bolt“ heißt die Anlage, „Blitz“. Bald schon gibt es drei Kreuzfahrtschiffe auf der Welt mit der Technik aus Kirchheim.

„Schon vor zwölf Jahren haben Kreuzfahrtreedereien bei uns angefragt“, erzählt Entwickler Torsten Schmidt, 41. Nach den damaligen Berechnung war eine Achterbahn auf einem Schiff nicht möglich, sagt der Ingenieur. Wegen der Bewegung des Schiffs und des Winds. Dazu kommt die Salzluft, die an den Teilen der Achterbahn nagt. Schmidt: „Es ist schon eine kranke Idee.“

Traumberuf Achterbahn-Ingenieur: Torsten Schmidt vor einer Testanlage in der Montagehalle in Kirchheim.

Jedoch haben sich die technischen Möglichkeiten weiterentwickelt. Nach vielen Tests und einer Probefahrt auf einem Gelände in Kirchheim installierte Maurer Rides Ende 2020 die weltweit erste Achterbahn auf einem Schiff. Die Fertigstellung kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt, wegen des Coronavirus sind die meisten Kreuzfahrten abgesagt. Das Schiff mit der Achterbahn aus Kirchheim wartet nun auf die Überfahrt von Europa nach Miami.

Die Wagen der Achterbahn sehen aus wie Motorräder. Besucher können sie auch so bedienen: In einem bestimmten Geschwindigkeitsbereich können Besucher das Tempo selbst steuern, mit dem Gasgriff und einem Boost-Knopf am Lenker. Laut Maurer Rides ist die selbststeuernde Achterbahn weltweit einzigartig.

Ein Touchscreen am Wagen zeigt die Geschwindigkeit und Rundenzeit an, und macht gleichzeitig Videos von den Fahrenden. Mit einer App können Besucher das Video nach der Fahrt kostenpflichtig herunterladen und in Sozialen Medien teilen. „Interaktivität und Multimedia liegen voll im Trend“, erklärt Schmidt.

Die Verkleidungsteile für die „Spike“-Fahrzeuge im Skyline Park.

Möglich ist der Spaß wegen „Spike“, dem Achterbahn-System der 40-köpfigen Firma. Die Wagen sind autark, sie haben eine eigene Stromversorgung und eigenen Elektromotor. Einzelne Bauteile und Prototypen hält die Firma geheim, Fotos sind nicht erlaubt. Das Zahnrad-System verspreche eine 100-prozentige Traktion. Es kommt ohne Schmierung aus, so Schmidt: „Darauf sind wir stolz.“

Achterbahn auf Kreuzfahrtschiff: Video einer Testfahrt

Dieses Wissen kostet: ab drei Millionen Euro gibt es eine Achterbahn von Maurer Rides. „Nach oben gibt es keine Grenze“, sagt Schmidt. Von der Idee bis zur fertigen Achterbahn dauert es eineinhalb bis drei Jahre. Die Firma entwickelt Ideen, produziert einen Großteil der Anlagen selbst und nimmt sie vor Ort in Betrieb. 77 Attraktionen in 22 Ländern hat das Unternehmen schon errichtet, in China, Mexiko oder den USA.

Die Anlagen müssen die Kirchheimer ständig überholen – für die Sicherheit der Besucher. „Heutzutage sind Achterbahnen das Sicherste, was es gibt“, sagt Schmidt. Die Systeme seien redundant, heißt: die Bauteile sind doppelt abgesichert. Freizeitparks verlassen sich auf die Sicherheit der Anlagen – sie verlangen hohe Eintrittsgelder.

„Das Marketing der Veranstalter ist immer auf der Suche nach neuen Attraktionen.“ Dabei spiele auch Ökologie eine Rolle. Die Bremsenergie der Wagen kann erstmals in das Stromnetz zurückgeführt werden. „Im Vergleich zu anderen Achterbahnen braucht unser System nur wenige Kilowattstunden.“

Trotz Effizienz und Sicherheit: Kostenpflichtige Videos, selbststeuernde Wagen, Achterbahnen auf Schiffen – brauchen Menschen diese Attraktionen wirklich? „Viele Dinge braucht es nicht wirklich, aber jeder Mensch sucht nach seinem Spaß“, sagt Schmidt. Ohne Achterbahnen würde etwas verloren gehen in dieser Welt. Der Ingenieur sucht seinen Kick beim Motorradfahren. Nicht auf einem Kreuzfahrtschiff, sondern auf der Straße.

Weitere Nachrichten aus Kirchheim und dem Landkreis München finden Sie hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare