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Mit zwei Rädern zum Erfolg: Alfred Lindner (r.), Geschäftsführer der Rolli -World, und Mitarbeiter Alexander Stenz (l. auf einem Liftstuhl).

Rolli-World für ein Leben möglichst ohne Barrieren

Hier läuft’s rund

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Seit 41 Jahren ist Alfred Lindner auf einen Rollstuhl angewiesen. Und in Sachen Rollstuhl ist er Experte. Gemeinsam mit Sylvia Niemann hat er die Firma Rolli-World gegründet. Das Besondere: Die beiden Chefs leben Gleichberechtigung und zählen Menschen mit Behinderung zu ihren Mitarbeitern.

Heimstetten– Der Weg in die Rolli-World in Heimsteten ist barrierefrei. Vom Parkplatz fährt man mit dem Aufzug in den ersten Stock einer ehemaligen Lagerhalle. Was dem Besucher gleich ins Auge springt, sind die Schilder an den Türen: Es gibt drei „Rolli-WCs“ und ein „Fußgänger-WC“. Hier ist eben vieles anders. Denn nicht nur die beiden Chefs meistern ihr Leben mit einer Behinderung, sondern neun der mittlerweile 20 Mitarbeiter.

Schmucksteine machen Rollstuhl femininer

Der Verkaufsraum ist ein riesiges Loft. Hier finden Kunden neben Reha-Produkten Rollstühle aller Art: Stehrollstühle, Sportstühle, E-Stühle, Ausführungen, die mit 4,8 Kilo besonders leicht sind, repräsentative Rollstühle für Manager oder feminine Exemplare. „Zum Ausgehen am Abend“, sagt Chef Alfred Lindner, „manche sind mit Swarovski-Steinen besetzt.“ 

Die Kunden, die bis aus der Schweiz oder aus Belgien kommen, können direkt in die Werkstatt hineinschauen. Bei der Rolli-World arbeiten die Mechaniker unabhängig von Herstellerfirmen, kombinieren Hilfsmittel verschiedener Produzenten und fertigen Sonderbauten ganz nach den Wünschen und Bedürfnissen der Käufer. 

Im Mai 2005 haben Alfred Lindner und Sylvia Niemann die Rolli-World an der Hauptstraße in Heimstetten gegründet. Inzwischen ist der Betrieb gewachsen und in die Poinger Straße 2 umgezogen. „Im Freundeskreis haben mich viele bestärkt, selbst eine Firma zu gründen, vor allem die, die selbst schwerbehindert sind“, erzählt Lindner. „Sie sagten, du bist unser Mann, du kennst dich mit Technik aus und weißt, was wir brauchen.“ 

Seine erste Ausbildung schloss der heute 59-Jährige als Maurer ab. Nach einem Unfall schulte er als 18-Jähriger zum Elektroniker um, sammelte als Angestellter in der Sanitätsbranche Erfahrungen und spielte in seiner Freizeit Rollstuhl-Basketball und Rollstuhl-Rugby. Zahlreiche Pokale zeugen von dieser Leidenschaft und auch von seinen Erfolgen im Rollstuhl-Tanz. 

Freunde bestärken ihn: „Du bist unser Mann.“

Der Entschluss, sich selbstständig zu machen, reifte, als sein früherer Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste. Gemeinsam mit seiner Kollegin Sylvia Niemann wagte er die Firmengründung, unterstützt von der Agentur für Arbeit. Während Lindner für den technischen Bereich zuständig ist, managt die quirlige Sylvia Niemann Verwaltung und Buchhaltung. „Die Kunden schätzen es, dass wir selbst Betroffene sind und die Wünsche und Bedürfnisse von Schwerbehinderten kennen“, sagt die 51-Jährige. 

Unterstützt wird sie von Sebastian Friedl aus Isen (Kreis Erding). Der junge Mann, der aufgrund eines OP-Fehlers querschnittsgelähmt ist, kam 2016 als Kunde zum ersten Mal in die Rolli-World. „Ich war auf Anhieb begeistert“, sagt der 26-Jährige mit einem Lächeln. Dass der Kaufmann im Gesundheitswesen hier gleich seinen Arbeitsplatz finden sollte, „habe ich absolut nicht geahnt“. Nach einem Praktikum wurde Friedl angestellt, seither kümmert er sich neben der Buchhaltung auch um den Aufbau der Homepage.

„Ziel ist es, Menschen selbstständig und mobil zu machen“

Ihren Schwerpunkt setzt die Rolli-World GmbH auf „Aktivrollstühle“. Dabei geht es um die optimale Versorgung aktiver Rollstuhlfahrer „Unser höchstes Ziel ist es, Menschen selbstständig und mobil zu machen“, sagt Lindner, der täglich im umgebauten VW-Passat von Hohenlinden (Kreis Ebersberg) ins Geschäft oder zu Kunden fährt. Er weiß: Je öfter jemand mit dem Rollstuhl festsitzt, desto weniger wird er in Zukunft unterwegs sein. Der Kunde soll sich um den Rollstuhl keine Gedanken mehr machen müssen und sich ganz auf seinen Alltag konzentrieren können. „Viele unserer Kunden sind berufstätig, einige machen Leistungssport“, erzählt Lindner, zum Beispiel der Monoskifahrer Martin Braxenthaler, der bei den Paralympics dreimal Gold gewann, und viele Teile seines Equipments aus der Rolli-World bezieht. 

In der intensiven Beratung von „Handicap zu Handicap“, wie Lindner sagt, liegt eben eine besondere Kompetenz. Neben viel Fleiß führte ihn gerade die Bereicherung durch seine schwerbehinderten Mitarbeiter zum Erfolg. Und darauf ist er stolz: „Unser Betrieb zeigt, dass Inklusion funktioniert und man einen Betrieb mit einer Schwerbehindertenrate von 45 Prozent gut führen kann.“

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