Das verpflanzte Biotop mit Magerrasen und Wall – für die Gemeinde nach einem Jahr eine erfolgreiche Maßnahme. Für den Verein „IG Wall“ ein eher trauriger Zustand.
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Das verpflanzte Biotop mit Magerrasen und Wall – für die Gemeinde nach einem Jahr eine erfolgreiche Maßnahme. Für den Verein „IG Wall“ ein eher trauriger Zustand.

Artenschutzverein unzufrieden – Experte anderer Meinung

Schöner neuer Lebensraum – oder? Kritik an Biotop-Umzug

  • Bert Brosch
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Für die neue Ortsmitte musste in Kirchheim ein Biotop umziehen. Während eine Experte den Umzug als geglückt erachtet, kritisiert der Artenschutzverein „IG Wall“ diesen.

Kirchheim – Im Juli 2020 wurde das Magerrasen-Biotop am Jugendzentrum vorsichtig abgegraben und auf die andere Seite der Heimstettener Straße versetzt. Die Gemeinde zieht eine zufriedene Zwischenbilanz, den Falter „Idas Bläuling“ habe ein Biologe am neuen Standort mehrfach gesichtet. Der Verein „IG Wall“ bezweifelt das und sieht den Zustand des neuen Biotops als „bescheiden“ an.

Der Eingriff in den Altgrasbestand an der Verlängerung der Ludwigstraße (neue Hauptstraße) war wegen der Erschließungsarbeiten für die neue Ortsmitte „Kirchheim 2030“ notwendig. Das Biotop nördlich des Jugendzentrums wurde dafür teils verpflanzt und soll so erhalten werden.

„Übertragung vom Altbiotop ist vorerst geglückt“

Der Verein für Klima-, Natur- und Artenschutz in Kirchheim „IG Wall“ zeigte sich zwar erfreut über den Erhalt und Umzug eines Biotop-Teils, nicht aber über das Vorgehen. Laut der Vereinsvorsitzenden Constanze Friemert wurde die Ausgleichsfläche nicht vorab angepasst oder bepflanzt, sodass nicht gewährleistet sei, dass übertragene Tiere in die neue Fläche einwandern und abgehobene Pflanzen diese Prozedur überleben.

Für die Gemeinde zog Diplom-Biologe Albert Lang eine positive Bilanz. Er hatte das neue Biotop an drei Tagen untersucht. Er fand auf der ebenen Kiesfläche ein „lückiges, aber stetes Keimen der gewünschten Artengarnitur“, die Gehölzpflanzung auf der Wallkrone und an der Straße habe sich „wegen des regenreichen Frühjahrs gut entwickelt, es gibt keinen erkennbaren Ausfall“. Bei der Suche nach dem sensiblen Falter „Idas Bläuling“ fand Lang neun Männchen und vier Weibchen. „Die Übertragung vom Altbiotop ist vorerst geglückt. Der Fokus liegt nunmehr auf der Entwicklung und Optimierung der Gesamtfläche für die Bedürfnisse des Falters“, schreibt Lang.

Stammt das Falter-Foto gar nicht aus dem Biotop?

Norbert Steinmeier vom Bund Naturschutz überrascht es nicht, dass es den Fachleuten gelang, den Falter im Ersatzbiotop anzusiedeln. „Der Idas-Bläuling ist zwar grundsätzlich selten, in Bayern stark gefährdet. Er hat aber in Stadt und Landkreis München einen Hotspot, ist in der Schotterebene nicht so selten.“ Wenn man also einen für ihn geeigneten Lebensraum schaffe, sei die Chance groß, dass man ihn wieder ansiedeln kann.

Richtiger Falter, falsches Foto: Diese Aufnahme stammt nicht aus dem neuen Biotop. Das räumt die Gemeinde ein.

Ganz anders sieht das die „IG Wall“. Die Sichtung des Falters sei nur eine verkürzte und geschönte Beurteilung. „Ein paar gesichtete Falter sind noch keine erfolgreiche Biotopverpflanzung“, sagt Friemert. Der aktuelle Zustand des Neubiotops sei bescheiden und habe sich seit der Sodenübertragung im September 2020 nicht verbessert. Der Rindenmulch unterhalb der Sträucher sorge dafür, dass diese Flächen weder von Unkräutern noch von Wildbienen besiedelt werden könne. Diese vermeintlichen Unkräuter seien aber Nahrungspflanzen für viele Insekten, auch den Idas-Bläuling. Dessen Raupen würden bis zur Verpuppung von Ameisen umsorgt und geschützt. Sie habe Ausschau nach Ameisen gehalten, die in der Nachmittagssonne aktiv hätten herumkrabbeln müssen. „Wir haben“, so Friemert, „nur eine einzelne Ameise gefunden.“ Im Gegensatz zum Quellbiotop, wo es von Ameisen und Bläulingen nur so wimmle.

Sie gehe daher auch davon aus, dass das von der Gemeinde verbreitete Foto von Idas Bläuling nicht vom neuen Biotop. „Wenn man dort einen Bläuling gesehen hat, dann war der zufällig da, weil er einen Flugradius von 400 Metern hat“, sagt Friemert. Von einer gelungenen Verpflanzung könne erst die Rede sein, wenn die im Ursprungsbiotop vorhandenen Insekten und Futterpflanzen vollständig vorhanden sind. „Wer den aktuellen traurigen Zustand als gelungen bezeichnet, disqualifiziert sich selbst“, resümiert Friemert.

Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) bestätigt, dass das Bild des Bläulings nicht aus dem verpflanzten Biotop, sondern aus „der Wildnis“ stamme. „Aber der Biologe hat zeitgleich bis zu 13 Falter auf der neuen Fläche festgestellt. Noch ist diese nicht fertig. Der kleine, erste Erfolg zeigt aber, dass der sensible Umgang mit unserem Bestandsgrün funktionieren kann und dem Artenschutz dient“, so Böltl. Er sei enttäuscht, dass die IG Wall immer wieder mit Falschaussagen arbeite, um die Bürger zu verunsichern.

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