Ex-Gemeinderat Rainer Ehrenberger (Mitte beim roten Band) hatte jahrelang um die Barrierefreihei des Pfarrer-Caspar-Mayr-Platzes gekämpft. Jetzt durfte er ihn offiziell mit Bürgermeister Maximilian Böltl (links) und Pfarrer Werner Kienle eröffnen, die Kinder des Kindergartens St. Andreas sangen dazu "Wenn der Sommer kommt".
+
Ex-Gemeinderat Rainer Ehrenberger (Mitte beim roten Band) hatte jahrelang um die Barrierefreihei des Pfarrer-Caspar-Mayr-Platzes gekämpft. Jetzt durfte er ihn offiziell mit Bürgermeister Maximilian Böltl (links) und Pfarrer Werner Kienle eröffnen, die Kinder des Kindergartens St. Andreas sangen dazu "Wenn der Sommer kommt".

Wiederbelebungsversuche

Kirchheims Ortsmitte darf nicht sterben

  • Bert Brosch
    vonBert Brosch
    schließen

Nach der Schließung der Postfiliale geht es nur schleppend voran mit der Belebung der Kirchheimer Ortsmitte.   

Kirchheim– Barrierefrei ist der Großteil des zentralen Pfarrer Caspar-Mayr-Platzes mittlerweile. Beim anderen Problemfall des Kirchheimer Ortszentrums, der geschlossenen Post-Filiale, hat sich trotz Bemühungen von Bürgermeister Maximilian Böltl und Wirtschaftsförderer Tobias Schock nach einem Jahr nichts zur Belebung des Platzes getan.

Postfiliale seit Mai 2018 geschlossen

Im Mai 2018 schlossen Postbank und Postfiliale. Die Geschäfte rund um den Platz, Metzger, Bäcker, Optiker, Änderungsschneiderei, Buchladen und das Blumenatelier befürchteten Schlimmstes, weil der „Frequenzbringer“ für die Laufkundschaft fehlen würde. Böltl und Schock versprachen alles zu tun, um den Platz am Leben zu erhalten. Im Gespräch waren unter anderem als Post-Nachmieter ein Obst- und Gemüsegeschäft, ein Bio-Laden, eine Eisdiele, ein großes Familien-Café, ein Weinladen mit Ausschank. Nichts davonkonnte bislang realisiert werden.

Kostenlose WLAN scheitert an Protest

Für Wirtschaftsförderer Schock ist Kirchheims Ortskern der schönste in Oberbayern, leider sei er aktuell nur „ein Maibaum mit Parkplatz“. Das wollte er in einem umfangreichen Konzept vor einem Jahr rasch ändern. Er kreierte ein neues Logo, das alle Geschäfte rund um den Platz „offensiv nutzen“ und gemeinsam um Kunden werben sollten. Als Slogan schlug er vor: „Kaufhaus unter freiem Himmel“, mit gemeinsamen Fahnen, Blumen und einer noch zu findenden „Kirchheim-Blüte“, einheitlichen Sonnenschirmen, Stühlen und Tischen auf den Plätzen, indirekt beleuchteten Bäumen als Zeichen, wo der Ortskern beginnt.

Teils erheblicher Umsatzrückgang

Schock empfahl die Sperrung der Straße vor der ehemaligen Post und die Nutzung des Gesamtareals als Biergarten, sodass man sich gemütlich unter den Maibaum setzen könne. Radler sollten Vorrang bekommen vor Autos. Für die Jugend sollte kostenfreies WLAN auf dem Platz installiert werden, dazu Liege- und Sitzmöbel sowie ein offener Bücherschrank. Den Pfarrgarten und die Wiese sah Schock als ideal für Open-Air-Konzerte, Lesungen oder Kasperl-Theater. „Unser Ziel ist es, den bisherigen Magneten Post so schnell wie möglich wieder zu beleben“, sagte Schock 2018.

Nur der Bücherschrank und zwei Holzbänke stehen

Realisiert davon ist bislang nur der Bücherschrank und zwei große Holzbänke. „Nicht alles war als Sofortmaßnahmen zu werten. Ich wollte bei den Gemeinderäten ein Bewusstsein für die Notwendigkeit schaffen und bei passender Gelegenheit umsetzen, zum Beispiel zur Landesgartenschau“, sagt Schock. Dass sich das Postgebäude in einem baulich so schlechten Zugang befinde und eine neue Nutzung nicht einfach umzusetzen ist, sei nicht absehbar gewesen. „Zudem besteht ein laufender Mietvertrag mit der Postbank, sodass der Eigentümer keinen Zeitdruck verspürt.“

Gemeinde prüft Zwischenlösung

Die Gemeinde favorisiere daher nun den Ansatz einer Zwischenlösung und prüfe parallel die Wege für eine größere bauliche Lösung. „Weitere damit verbundene Maßnahmen, wie die Sperrung der Durchfahrtsstraße vor dem Gebäude sowie die Gestaltung des Maibaumplatzes sind daher leider erst bei einer ordentlichen Instandsetzung des Postgebäudes sinnvoll umsetzbar“, sagt Schock. Liegestühle habe die Gemeinde angeschafft, Holzliegen aufgestellt, ebenso den Bücherschrank.

Einem Pfandbecher-System stimmen nur drei Wirte zu 

Der WLAN-Hotspot sei auf großen Widerstand der Interessensgemeinschaft „Strahlungsfreies Kirchheim“ gestoßen, daher habe man dies aufgegeben. „Einer möglichen Einführung eines Pfandbecher-Systems haben drei Gastronomen zugestimmt. Das Thema der gemeinsamen Beflaggung ist aus rechtlicher Sicht kompliziert, viele Vorgaben müssen eingehalten werden, wir wollen zumindest eine rudimentäre Beflaggung realisieren.“

Geschäftsleute klagen

Für die Geschäftsleute rund um den Platz ist das Ergebnis ernüchternd. „Es wurde viel versprochen und nichts gemacht“, sagt Amina Engin von der Änderungsschneiderei, seit 25 Jahren am Platz. „Hier ist doch alles tot, ich habe ein Drittel weniger Kunden, seit die Post zu ist.“ Elly Barthel vom Blumenatelier hat es besser: „Wir hatten das Glück, dass zwei andere Blumengeschäfte in Kirchheim geschlossen haben, sind daher die einzigen und letzten. Gemeinsam mit der Stammkundschaft haben wir so keinen Rückgang.“ So auch das Optikgeschäft Pfleger, allerdings habe man keine Laufkundschaft, die Kunden kämen gezielt, auch ohne Post.

Buchladen setzt auf Eigeninitiative

„Wenn die Gemeinde nichts tut, müssen wir eben selbst aktiv werden“, sagt Sabine Günther vom Buchladen. Sie hat ihr Sortiment umgebaut und erweitert mit Spielsachen, Lotto-Automat und Zusatzsortiment wie Wein oder Honig. „Das belohnen meine Kunden, daher haben wir keinen Umsatz-Rückgang. Wir wollen unser Ortszentrum nicht sterben lassen – aber schön wäre es, wenn die Gemeinde mehr täte“, sagt Sabine Günther.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Sturzgeburt auf dem Wohnzimmerteppich
Rebecca Nadler bringt ihr zweites Kind ungeplant zu Hause zur Welt – für den Weg zur Klinik bleibt keine Zeit.
Sturzgeburt auf dem Wohnzimmerteppich
Nach Trump-Vergleich und Nordkorea-Vorwurf: Jetzt wehrt sich Pullachs Bürgermeisterin
Pullachs Bürgermeisterin musste sich zuletzt viele Vorwürfe gefallen lassen. Jetzt meldet sich Susanna Tausendfreund aus dem Urlaub zu Wort und wehrt sich gegen die …
Nach Trump-Vergleich und Nordkorea-Vorwurf: Jetzt wehrt sich Pullachs Bürgermeisterin
Coronavirus im Landkreis München: Zwei weitere Fälle
Das Coronavirus ist immer noch präsent im Landkreis München. Doch die Infektionen werden deutlich weniger. Alle Informationen gibt es hier im Ticker.
Coronavirus im Landkreis München: Zwei weitere Fälle

Kommentare