„Die gebe ich nicht wieder her“: (v.l.) Manuela Müller, Leiterin des katholischen Kita-Verbundes Kirchheim-Heimstetten-Haar, Guisell Spiegeler Quinonez und Kathrin Unger, Leiterin des Kindergarten/Hort St. Andreas.
+
„Die gebe ich nicht wieder her“: (v.l.) Manuela Müller, Leiterin des katholischen Kita-Verbundes Kirchheim-Heimstetten-Haar, Guisell Spiegeler Quinonez und Kathrin Unger, Leiterin des Kindergarten/Hort St. Andreas.

Betreuungspilotprojekt im Kindergarten

St. Andreas: Zu Besuch beim Erzieherinnen-Neuzugang aus Guatemala

  • Bert Brosch
    VonBert Brosch
    schließen

Weil ihm das Personal gefehlt hat, suchte der Landkreis vor zwei Jahren nach spanisch sprechenden Erzieherinnen. Guisell Spiegeler Quinonez ist eine davon. Wir haben sie besucht.

Kirchheim – Guisell Spiegeler Quinonez (32) hat den wohl längsten Arbeitsweg all ihrer Kolleginnen hinter sich. Über ihre Heimat Guatemala und den Zwischenstopp Berlin kam sie in den Kindergarten St. Andreas in Kirchheim. Dort ist sie nun angekommen – als eine von acht spanisch sprechenden Erzieherinnen eines Pilotprojekts im Landkreis München.

Im Landkreis fehlen aktuell 250 Erzieher, um alle möglichen Betreuungsplätze zu besetzen. Auch in Kirchheim gibt es eine lange Warteliste in Kindergärten und Horte, weil Personal fehlt. Erzieherinnnen wie die Guatemaltekin Spiegeler Quinonez sollen helfen, diese Löcher zu stopfen.

„Die gebe ich nicht wieder her“

Guisell Spiegeler Quinonez, der erste Teil des Nachnamens lässt es erahnen, hat deutsche Großeltern, besitzt sie auch einen deutschen Pass. Doch: „Deutsch haben wir zu Hause nie gesprochen, das musste ich erst lernen, damit ich eine Chance in Deutschland hatte“, sagt die Erzieherin, die seit ein paar Monaten im Kindergarten und Hort St. Andreas arbeitet. Dort ist man überaus zufrieden mit der Neuen. „Die Guisell hat sich so toll eingelebt, ist flexibel, derart beliebt bei den Kindern, Eltern und Kolleginnen – die gebe ich nicht wieder her“, sagt Einrichtungsleiterin Kathrin Unger. Spiegeler Quinonez und St. Andreas – ein Glücksfall also. Bis es so weit war, hat es aber viel Geduld und Aufwand gebraucht.

Rückblick: Weil Betreuungspersonal fehlte, kamen der Landkreis, die Landeshauptstadt München, die Arbeitsagentur und die Bundesbehörde „Zentrale Auslands- und Fachvermittlung“ 2019 auf die Idee, Erzieherinnen im Ausland anzuwerben. „Es gibt in Spanien, Süditalien, Griechenland und Ost-Europa eine gute Ausbildung für Erzieherinnen, aber kaum Jobs“, berichtet Harald Neubauer, der Leiter des Geschäftsbereichs Arbeit, Jugend und Soziales im Landratsamt. In Spanien gibt es sogar eine Erzieher-Hochschule, „sehr ähnlich zu unserem System“.

Auch andere europäische Staaten suchen „verzweifelt“ nach Personal

Allerdings ist die Nachfrage nach gut geschulten Erzieherinnen nicht nur im Großraum München da, „alle anderen europäischen Staaten suchen ebenso wie wir verzweifelt nach Personal“, sagt Neubauer. Um die Vorzüge des Landkreises herauszuarbeiten, produzierten die Verantwortlichen kurze Videos und stellten diese in Spanien in den sozialen Netzwerken online. 19 Frauen meldeten sich auf die Clips und wurden in die landkreiseigene Jugendherberge Burg Schwaneck in Pullach eingeladen, wo sie sich ihren potenziellen neuen Arbeitgebern vorstellten. Mit Erfolg: „Wir konnten nach diesem Wochenende an die Landeshauptstadt zehn und für den Landkreis acht Erzieherinnen vermitteln“, erzählt Neubauer und lächelt. Eine davon war Spiegeler Quinonez.

Die 32-Jährige kam aber nicht aus Valencia oder Barcelona nach Pullach, sondern aus Berlin. Dorthin war sie gezogen, um deutsch zu lernen. Über eine europäische Agentur erfuhr sie von der Erzieherinnen-Suche im Landkreis – und rutschte in das Projekt.

Sprache als Einstiegshindernis

Als das Angebot aus Kirchheim kam, sagte Spiegeler Quinonez sofort zu. Doch trotz ihres Berlin-Aufenthalts war auch für sie die Sprache anfangs eines des Hauptprobleme. Als Einstellungskriterium galt eigentlich das international anerkannte Sprachniveau „B2“, damit sich die Kandidatinnen „spontan und mühelos mit Deutschen unterhalten“ können. Doch dies erfüllte keine der Bewerberinnen, sie mussten also vormittags in die Kitas, und nachmittags zum Deutschunterricht. „Corona stoppte alles, vier Wochen gab es keinen Kurs, dann nur online - das ist verdammt schwierig, so eine neue Sprache zu lernen“, erklärt Spiegeler Quinonez, die mittlerweile die B2-Prüfung bestanden hat und fließend deutsch sprich, mit leichtem spanischen Einschlag.

Der Kommunikation mit den Kindern tut das keinen Abbruch, die machen sich nichts daraus, dass die „Guisell“ aus Zentralamerika kommt. „Den Kindern ist es egal“, sagt Kita-Chefin Unger. Nicht nur deswegen fühlt sich Spiegeler Quinonez, so erzählt sie, so wohl in St. Andreas und in Kirchheim. „Leider habe ich wegen Corona außerhalb der Kolleginnen noch keine Freunde im Ort. Ich hoffe, das ändert sich jetzt.“ Während des Lockdowns widmete sie sich neben dem Deutschlernen daher vor allem dem Sport: Mit Radeln und Laufen hielt sich die Marathonläuferin fit. Nach Sprache und neuer Heimat hat sie nun ein neues Ziel vor Augen: „Jetzt will ich die bayerischen Biergärten kennen lernen.“

Weitere Nachrichten aus Kirchheim und dem Landkreis München finden Sie hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare