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Finger weg! Ablenkung, oft auch am Smartphone, spielt laut Polizei bei über der Hälfte aller Unfälle eine Rolle. 

Doch es gibt Probleme mit dem Datenschutz

Kirchheimer Start-up entwickelt Smartphone-Blitzer

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Ein Kirchheimer Start-up hat einen Smartphone-Blitzer entwickelt. Über Kameras können so Autofahrer entlarvt werden, die während der Fahrt am Handy tippen. Doch es gibt es Problem mit dem Datenschutz. 

Kirchheim – Es sind wenige Worte, die verheerende Folgen haben können. Ein „Bin gleich daheim“ oder ein „Brauchst du was vom Bäcker?“. Während ein Autofahrer diese Sätze in sein Smartphone tippt, sind seine Augen auf den Bildschirm gerichtet und nicht dahin, wo sie es sollten: auf die Straße. Fünf Sekunden texten bei Tempo 50 bedeuten 70 Meter Blindflug. Und was das bedeuten kann, zeigt die Unfallstatistik der Polizei.

Lukas Meilhammer Geschäftsführer „Mcity AI“. 

Ahnden kann die Polizei Verstöße hierzulande jedoch nur, wenn sie die Handy-Sünder in flagranti erwischt. Zumindest bislang. Ein fünfköpfiges Start-Up arbeitet an einer Software, dank der der Bußgeldbescheid nachträglich zugestellt werden kann, selbst wenn kein Beamter vor Ort ist. Die Jungunternehmer von „Mcity AI“ tüfteln an einem Smartphone-Blitzer.

Smartphone-Blitzer: Kameras filmen Autofahrer

Und der funktioniert, vereinfacht ausgedrückt, so: An Laternen oder Ampeln montierte Kameras filmen vorbeifahrende Autos. Eine zur Frontscheibe hinein, eine andere ins Seitenfenster. Denn: Wer textet, tut das erfahrungsgemäß im Bereich der Mittelkonsole, erklärt Lukas Meilhammer aus Kirchheim, Geschäftsführer von „Mcity AI“. Ein Algorithmus filtert die Bilddaten. Die Künstliche Intelligenz (KI) kann so trainiert werden, erklärt 31-Jährige, dass sie anhand von Handhaltung und Blickrichtung erkennt, ob der Fahrer mit dem Handy hantiert.

Bilder werden an die Polizei weitergeleitet

Registriert das System einen Verstoß, leitet es die Bilder, eine Infrarot- und eine Farbaufnahme, weiter an die Polizei oder eine andere Stelle, wo sie nochmals gesichtet werden. Ein Mitarbeiter entscheidet schließlich, ob das übermittelte Bild tatsächlich einen Verstoß erfasst hat. Und das wäre wohl in den meisten Fällen so: Der KI attestiert Meilhammer eine Trefferquote von 80 Prozent.

So zumindest die Theorie. Denn noch ist die Technik nicht aus dem Labor der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München auf die Straße gewandert. Wo eine respektive zwei Kameras den öffentlichen Raum filmen, sind Datenschutz-Bedenken nicht weit. Beim Polizeipräsidium München waren diese sogar so groß, dass nach Angaben eines Sprechers eine Zusammenarbeit, die „Mcity AI“ angeboten hatte, ausgeschlagen wurde.

Polizei hat Datenschutzbedenken

Lukas Meilhammer kann das nicht verstehen. Das System nehme zwar pro Tag 2,5 bis 4 Terabyte an Daten auf, doch die Aufnahmen werden „rigoros ausgemerzt“, betont der Kirchheimer Jungunternehmer: „Erst wenn ein Verstoß geahndet wird, kommt das Bild überhaupt ins System.“ Der Algorithmus könne sogar so programmiert werden, dass er Nummernschilder schwärzt, bis der Verstoß verifiziert ist. Die Polizei winkte dennoch ab.

Dabei hat Meilhammer sogar schon ein Versuchskaninchen an der Hand: seine Heimatgemeinde. Wie Kirchheims Wirtschaftsförderer Tobias Schock bestätigt, könne man sich durchaus vorstellen, den Smartphone-Blitzer in Kooperation mit der Polizei zu erproben. Als Teststrecke käme die staugeplagte Staatsstraße 2082 in Frage. Allerdings nur dann, wenn alle Datenschutz-Probleme ausgeräumt sind: „Das wird bei uns ganz groß geschrieben.“

Keiner will das System einsetzen

Ein dreiviertel Jahr haben die fünf Start-Upper an ihrer Software gearbeitet. Der „Datenschutz-Wahn“, wie es Meilhammer formuliert, bremst sie nun aber aus. Auch ein Förderprogramm habe ihnen eine Absage erteilt, weil der Bewerter unter anderem „die rechtliche Umsetzbarkeit“ angezweifelt habe. Dabei wäre Geld wichtig. Wichtig, um die KI zu trainieren. Mit bis zu zwanzigtausend Datensätzen, schätzt der Luftfahrt-Ingenieur, müsste man sie speisen, um Kinderkrankheiten auszutreiben und die Trefferquote zu optimieren, sodass nur tatsächliche Verstöße weitergeleitet werden. Nur müsste sich eben jemand finden, der das System einsetzt. Ein Teufelskreis.

Bis sich jemand findet der fas Projekt erst finanziell und dann wirklich auf die Straße bringt, bleibt der Smartphone-Blitzer aber im Labor. Meilhammer und seine Mitstreiter orientieren sich daher derzeit beruflich um. An ihrer Erfindung zweifeln sie aber nicht. Dass allein deren abschreckende Wirkung durchaus hilfreich wäre, zeigen jüngste Kontrollen der Polizei. In und um München haben die Beamten Mitte Januar am Aktionstag „Ablenkung im Straßenverkehr“ 245 Handyverstöße geahndet.

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