Genua Marketing-Leiter Dietmar Bruhns ist begeistert von Muhammads Fachkenntnissen. „Noch ein bisschen mehr Deutsch, dann wird er ein ganz normaler Lehrling bei uns“, sagt er. 
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Genua Marketing-Leiter Dietmar Bruhns ist begeistert von Muhammads Fachkenntnissen. „Noch ein bisschen mehr Deutsch, dann wird er ein ganz normaler Lehrling bei uns“, sagt er. 
Die aktuellen Flüchtlingszahlen im Landkreis München.
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Die aktuellen Flüchtlingszahlen im Landkreis München.
Charles stammt aus Nigeria, ist seit zwei Jahren in Deutschland und macht eine Lehre zum Vulkaniseur in Parsdorf (Kreis Ebersberg). Er hofft, dass er bleiben darf.
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Charles stammt aus Nigeria, ist seit zwei Jahren in Deutschland und macht eine Lehre zum Vulkaniseur in Parsdorf (Kreis Ebersberg). Er hofft, dass er bleiben darf.
Für Bernhard Schneck, Geschäftsführer bei Genua, ist die Wirtschaft für das Schließen der Fachkräfte-Lücke verantwortlich. „Daher bilden wir 32 Azubis aus.“
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Für Bernhard Schneck , Geschäftsführer bei Genua, ist die Wirtschaft für das Schließen der Fachkräfte-Lücke ve rantwortlich. „Daher bilden wir 32 Azubis aus.“

Asylbewerber auf dem Arbeitsmarkt

Muhammad nimmt keinem den Job weg

In Stadt und Landkreis München sind 1359 Lehrstellen unbesetzt, meldet die Agentur für Arbeit. Gleichzeitig arbeiten laut IHK aktuell im gesamten Landkreis nur 210 Azubis aus einem der Hauptflüchtlings-Länder., 

Obwohl, so die Hoffnung, Flüchtlinge die vakanten Plätze ausfüllen sollten. Muhammad (22) und Charles (40) sind zwei von ihnen, die dafür viel investieren.

Jeden Morgen radelt Charles eine halbe Stunde von Heimstetten nach Parsdorf zum Reifen- und Fahrwerkservice Nabholz. „Dort lerne ich Vulkaniseur und Fahrwerk-Techniker.“ Er hofft darauf, dass der Winter schneelos bleibt. Charles stammt aus Nigeria, er flüchtete aus wirtschaftlichen Gründen, sagt er ganz offen. „Ich hatte Schulden, die wuchsen immer höher, weil ich keinen Job mehr hatte und die Wirtschaft am Boden liegt.“ In seinem Heimatort arbeitete er in einer Autowerkstatt. „Natürlich ohne Ausbildung, Bücher oder Computer. Ich bekam es von Kollegen gezeigt und machte einfach“, sagt Charles in gutem Deutsch. „Ich hoffe fest, dass ich bleiben kann!“ Die Anerkennungsquote für Flüchtlinge aus Nigeria liegt aktuell bei nur acht Prozent.

Zimmerchen zum Lernen

Charles lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Der Helferkreis Asyl in Kirchheim half ihm bei Sprachkursen, wie auch bei der Ausbildungsstelle bei Nabholz. „Was mir jetzt neben der Aufenthaltsgenehmigung fehlt, das ist ein eigenes Zimmer, im Moment sind wir vier in einem kleinen Raum. Wenn ich meine Fach- oder Deutschbücher lesen will, ist das nicht so toll. Zum Glück hat mir der Helferkreis auch da geholfen mit einem Zimmerchen, das ich zum Lernen nutzen kann.“ Die Kollegen und Vorgesetzten bei Nabholz seien sehr freundlich und nett. „Nur wenn sie Bairisch reden oder der Lehrer in der Berufsschule sehr schnell spricht, da habe ich noch ein paar Probleme.“

Muhammad hat gute Aussichtn beim IT-Spezialisten „genua“

Muhammad strahlt: „Ich bin so glücklich, dass ich hier in Sicherheit bin und bei einer tollen Firma.“ Er ist jeden Morgen und Abend 80 Minuten mit U- und S-Bahn vom Flüchtlingsheim Fürstenried nach Kirchheim unterwegs. Bei „genua“, Spezialist für IT-Sicherheit, absolvierte er ein dreimonatiges Praktikum, jetzt ein einjähriges Einstiegsqualifizierungs-Programm.

„Wir haben für Flüchtlinge zwei zusätzliche Praktikums- und Ausbildungsplätze geschaffen, dass keiner sagen kann, die Flüchtlinge nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“, sagt Genua-Geschäftsführer Bernhard Schneck. „Muhammad ist fachlich top, nur sein Deutsch muss er weiter verbessern, um Prüfungen schreiben zu können. Dann beginnt er im September ganz regulär mit einer Ausbildung zum Fachinformatiker Systemintegration“, sagt Marketing-Leiter Dietmar Bruhns. Schneck ergänzt: „Der wird als ganz normaler Azubi mitlaufen, ohne Vor- oder Nachteile. Wir brauchen dringend guten Nachwuchs, daher bilden wir 32 junge Menschen aus – für Fachkräfte ist die Industrie zuständig, nicht die Politik.“

Todesdrohungen in Kabul

Muhammad stammt aus Kabul in Afghanistan. Er arbeitete als Übersetzer für die NATO-Truppen, stand irgendwann im Visier der islamistischen Taliban. „Meine Eltern, vier Brüder und eine Schwester leben noch in Kabul, um die habe ich Angst,“ sagt der schmale junge Mann leise, der fließend Englisch und gut Deutsch spricht. In Afghanistan studierte er Elektrotechnik, hat mit Diplom abgeschlossen, dieses wird aber in Deutschland noch nicht anerkannt. Nach unmissverständlichen Todes-Drohungen der Islamisten entschied er sich zur Flucht.

Im Dezember 2015 kam er in Rosenheim an. „Man schickte mich ins Lager nach Dornach, dort arbeitet eine Ehefrau eines Genua-Mitarbeiters, so kam der Kontakt zustande“, erzählt Muhammad. Gefragt nach dem Hauptunterschied zwischen seiner alten und neuen Heimat, sagt er nur ein Wort: „Frieden!“

Zahl der Flüchtlinge in Arbeitsverhältnissen

Aktuelle Zahlen zum Thema Flüchtlinge und Arbeit zu bekommen, ist ausgesprochen schwierig. Die aktuellsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit – wenn man in diesem Fall noch von aktuell sprechen kann – stammen aus dem März 2016, das neue Lehrjahr hat aber im September begonnen. Das Landratsamt München ist sehr bemüht, hat aber keine aussagekräftigen Statistiken, da die Kommunen, die Arbeitsagentur oder die Unternehmen die Zahlen nicht melden müssten. Die „besten“ Zahlen stammen daher von der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern, hier werden die Mitgliedsbetriebe recht zeitnah erfasst. Die Situation im Landkreis München Einwohner: 340 000 Unternehmen: 43 000 Beschäftigte: 210 000 Offene/unbesetzte Ausbildungsstellen: 1359 Flüchtlinge im Landkreis: 4300 Hauptherkunftsänder: Afghanistan, Syrien, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan und Somalia Flüchtlinge mit einer Ausbildungsstelle im Landkreis: 210 (Stand November 2016) Sozialversicherungspflichtig beschäftigte Flüchtlinge: 1009 (März 2016) Geringfügig entlohnte/kurzfristig beschäftigte Flüchtlinge (Mini-Jobs): 197 (März 2016).

Projekt „Integration durch Arbeit“ (Ida)

Beim Projekt „IdA“ ziehen die Bayerische Staatsregierung, die Bundesagentur für Arbeit und die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) an einem Strang, nehmen viel Geld in die Hand. Bislang konnten in Bayern 39 000 Flüchtlinge in Praktika, Ausbildung und Arbeit vermittelt werden, teilt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer des vbw mit. „Der rasche Zugang zu Ausbildung und Arbeit ist der Schlüssel für eine gelungene Integration. Deutsche Sprachkenntnisse sind das A und O für die gesellschaftliche und berufliche Integration, so stehen allgemeinsprachliche und berufsbezogene Deutschkurse im Mittelpunkt des Projekts“, sagt Bertram Brossardt. „IdA Bayern Turbo“ ist eine Maßnahme, die Sprachförderung, Berufsvorbereitung und -orientierung, Ermittlung der Kompetenzen und Qualifikation beinhaltet. Das heißt konkret: Ein mindestens zweimonatiger Sprachkurs und im Anschluss eine sechsmonatige Qualifizierung, etwa in Form eines Praktikums, das auf die betriebliche Ausbildung vorbereitet. Laut Brossardt konnten in der ersten Phase von 390 Teilnehmer 120 vermittelt werden, 41 in eine Ausbildung, 14 in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und 50 in eine Einstiegsqualifizierung.

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