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Christine und Joachim Erven aus Kirchheim.

Seit 31 Jahren im Wohnmobil auf Tour

Camping wider Willen: Zum Traumurlaub überredet

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Camping-Urlaub kam für Christine Erven nie in Frage. Dann stieg sie ins Wohnmobil. Die Tour endete im Chaos - und machte sie zur echten Camperin.

Kirchheim – Die Premiere lief absolut chaotisch: Senf- und Marmeladengläser flogen quer durch den Innenraum. Der vermeintlich leere Rastplatz der Ski-Talstation entpuppte sich als Liebes-Treff. Auf dem zweiten Parkplatz war das Brauchwasser aus – Dusche, Abwaschen und Toilette funktionierten nicht mehr. Während eines mächtigen Gewitters fiel auch noch die große, seitliche Fensterscheibe heraus. So hatte sich die Familie Erven aus Kirchheim das Leben mit Wohnmobil nicht vorgestellt.

„Die erste Fahrt war Chaos pur – aber wir haben uns als Familie so toll zusammengerauft, improvisiert und harmonisiert. Seither war ich Feuer und Flamme für Urlaub im Reisemobil“, sagt Christine Erven rückblickend. Und das, obwohl sie so einen Urlaub immer strikt abgelehnt hatte. Und obwohl sie dieser Tour nur ihrem Mann zuliebe zugestimmt hatte, „um ihm danach haarklein aufzulisten, warum wir das nie wieder machen werden“, sagt Christine Erven und lacht.

Christine und Joachim Erven aus Kirchheim.

Doch es blieben keine Gründe übrig gegen das Reisen im Wohnmobil nach dieser Pleiten-Pech-und Pannen-Tour im Sommer 1987 zur Adria. Denn es waren typische Anfänger-Fehler plus viel Pech. Die nicht richtig verriegelte Kühlschranktür und die falsch berechnete Mengen Brauchwasser. Es sind unvergessliche Erinnerungen. Abgeschreckt haben sie die Familie Erven nicht. Vielmehr kaufte sie sich nur kurze Zeit später ein gebrauchtes Wohnmobil, machte damit 18 Reisen in vier Jahren: Skandinavien, Frankreich, zum Skifahren oder ein verlängertes Wochenende in Südtirol.

Aus einem Dorf, aber in Göteborg kennengelernt

Die beiden Rheinländer Christine (66) und Joachim (67) Erven wohnen seit 42 Jahren in Bayern, seit gut 30 Jahren in Kirchheim. Aufgewachsen sind sie im selben Dorf. „Kennengelernt haben wir uns aber in Göteborg“, erzählt sie. Ebenso außergewöhnlich wie der Beginn ihrer Liebe war der Start in das Hobby Wohnmobil. „Ich war schon als Junge gerne campen und im Zelt unterwegs“, sagt der emeritierte Mathematik-Professor. Seine Ehefrau musste er erst überzeugen.

Doch es gab gute Gründe für diese Art des Urlaubs: Ende der 1980er Jahre waren die beiden Söhne Matthias und Christoph noch klein, die Ervens verbrachten den Urlaub in Ferienwohnungen in Österreich. „Mein Mann wollte unbedingt weiter weg, doch das war für Vier zu teuer“, erzählt die 66-Jährige. „Wir waren mit unserem Wohnmobil zum ersten Mal in Schweden, das hätten wir uns zu viert im Hotel nie leisten können“, ergänzt er.

Vor 27 Jahren wurde dann der neue Knaus für 64 000 Mark angeschafft, damals ein Schnäppchen. Er hat an der Front im Obergeschoss keine Scheibe, „die geht sowieso ständig durch Steinschlag kaputt“, sagt sie. Für ihn war damals wichtig: Das Auto muss so groß sein, dass alle vier ohne Umbau darin sitzen und schlafen können. „Das ständige Umbauen bei anderen Modellen ist doch furchtbar.“

Sat-Schüssel für Fußballspiele

Frühere Schlafplätze der Söhne im Wohnmobil.

Seither waren sie mit ihrem fahrenden Hotel in fast allen Ländern Mittel- und Nordeuropas unterwegs. Mit dabei immer die Fahrräder, eine Satellitenschüssel, damit Joachim Erven seine geliebten Fußballspiele sehen kann, sowie eine große Tasche mit Werkzeug – die sie aber selten brauchten. Höchstgeschwindigkeit der 95 PS-Ducato-Maschine: 110 Stundenkilometer. Da reist man eher gemütlich.

Und doch sehr komfortabel: Christine Erven genießt es, dass sie auch im Stau auf die eigene Toilette gehen, ein kühles Getränk auf dem Kühlschrank holen oder sich hinlegen kann. Fahren kann sie das Wohnmobil natürlich auch, „aber meistens fahre ich“, betont ihr Ehemann.

Nur ein einziges negatives Erlebnis bleibt den beiden in Erinnerung: In Toulouse wurde ihr Reisemobil aufgebrochen und durchwühlt. Auf der Suche nach Wertsachen nahmen die Diebe eine Tasche unter dem Vordersitz mit. „Die enthielt aber nur die Kinder-Kassetten unserer Jungs. Die mussten dann leider den Rest der Reise Johnny Cash und Simon & Garfunkel hören“, sagt Joachim Erven und lacht.

Fast ein Oldtimer

168 000 Kilometer hat das Wohnmobil mittlerweile auf dem Tacho. Noch drei Jahre, dann bekommt der Knaus der Ervens das H-Kennzeichen für Oldtimer und darf wieder in Umweltzonen fahren, etwa nach München.

Einen Lieblingsort können die beiden Kirchheimer gar nicht nennen, „es war fast überall schön. Vor allem die Freiheit, das Spontane und wie schnell man mit den Einheimischen ins Gespräch kommt, das liebe ich“, sagt Christine Erven. Gerade sind sie wieder aufgebrochen im Wohnmobil: erst nach Tschechien, danach an ihren Lieblingsplatz im südlichen Europa: nach Süd-Frankreich.

Zur Serie

Die Zahl der Wohnmobile in Deutschland nähert sich einer magischen Zahl: Knapp 500 000 Stück waren es laut der letzten Bestandsaufnahme des Kraftfahrt-Bundesamts. Im Kreis München stieg die Zahl von 2010 bis 2018 gleich um 30 Prozent oder 680 Fahrzeuge an – von 2260 auf 2940 Wohnmobile. Dabei muss es nicht das Serienmodell sein, für das sich die reisefreudigen Landkreisbürger entscheiden. Als Wohnmobil kann man letztlich alles verstehen, was durch die Lande fährt und als mobiles Zuhause taugt. Wir haben Menschen befragt, die die Freiheit auf vier Rädern suchen und leidenschaftlich gerne fernab ausgetretener Pfade unterwegs sind.

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