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Hilft gern ehrenamtlich: Christa Kettl bei der Lebensmittelausgabe der Kirchheimer Tafel.

Nachwuchssorgen und fehlender Respekt

Vereine ringen um Ehrenamtliche

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Angriffe auf Retter, fehlender Nachwuchs und Gruppen, die sich auflösen: Das Ehrenamt hat ein Imageproblem. Um das zu ändern, müssen die Vereine bei sich anfangen.

Landkreis – Peter Möws möchte aufhören. Nach zwölf Jahren will der 69-Jährige sein Amt als Vorsitzender der Kirchheimer Tafel abgeben. Seit Monaten sucht er einen Nachfolger. Ohne Erfolg. Es gibt Interessenten. Aber wenn Möws ihnen erklärt, welche Anforderungen das ehrenamtliche Engagement für rund 80 Bedürftige mit sich bringt – dann hat bisher jeder abgewunken. Denn „es ist anstrengend“, sagt er. Wer seine Aufgabe als Leiter übernehmen möchte, „muss Führungserfahrung mitbringen“.

Reservisten geben auf

Und es hapert nicht nur an Freiwilligen für den Chefposten: Vereine lösen sich mangels Nachwuchs und Mitgliedern auf. In Garching hat die1908 gegründete Soldaten- und Reservisten-Kameradschaft aufgegeben. Die Zahl der Mitglieder war gesunken. Es fand sich niemand, der den Verein führen wollte.

Wie viele Vereine existieren und wie viele Menschen sich für andere engagieren, darüber liegen im Landkreis München keine Zahlen vor, heißt es im Landratsamt. Einen Überblick für Bayern vermittelt der Freiwilligensurvey, ein Ehrenamtsbarometer, herausgegeben vom bayerischen Sozialministerium. Die jüngste Erhebung stammt von 2014 und sagt: Bayernweit engagieren sich 47 Prozent der Bevölkerung. Die Mehrheit der rund 28 600 Befragten über 14 Jahre engagiert sich also nicht. Positiv formuliert: Fast die Hälfte setzt sich ein. Ein Blick auf die Ergebnisse aus den vorausgegangenen Jahren belegt: Die Zahl der Helfenden hat zugenommen – von 36 Prozent im Jahr 2009 auf 47 Prozent im Jahr 2014.

Kämpfen für eigene Interessen

Zu beobachten ist außerdem: Das Engagement wird politischer. Ehrenamt umfasst politische Partizipation – und politischen Protest. Zum Beispiel Bürgerinitiativen, in denen Menschen gemeinsam über einen begrenzten Zeitraum für oder gegen eine Sache kämpfen. Die Initiative in Haar gegen die Hochhaus-Bebauung, der Zusammenschluss von Anwohnern gegen die Bebauung westlich der Gruber Straße in Aying, und derzeit die aktive Gruppe Aschheimer und Dornacher, um Kosten für die Ersterschließung ihrer Straßen zu sparen. Dort wird am 16. September abgestimmt. Diese Beispiele zeigen: Ehrenamt funktioniert heute nicht mehr nur aus Selbstlosigkeit, sondern dient zum persönlichen Zweck. Aber Verantwortung im Vorstand übernehmen? Sich über Jahre binden? Das ist vielen zu viel.

Kreisbrandrat Josef Vielhuber sagt: Die Feuerwehren müssen auf Freiwillige zugehen.

Zu spüren bekommen das insbesondere Träger, die in ihrer Arbeit nicht auf Planbarkeit und Verlässlichkeit verzichten können. Einrichtungen der Pflege oder der Hospizarbeit, das BRK oder die Feuerwehr. Kreisbrandrat Josef Vielhuber hat die 45 Freiwilligen Feuerwehren im Landkreis seit 14 Jahren fest im Blick. Es gibt genügend Aktive. Zum Jahresende 2017 waren es 4100 Retter, 135 mehr als noch Ende 2016. Die Nachwuchsarbeit funktioniert auch. 2017 hat die Jugendfeuerwehr im Landkreis erstmals mehr als 500 Mitglieder gezählt.

Und doch: Auch Vielhuber spricht davon, dass sich vor allem junge Leute „nicht mehr so in der Pflicht fühlen“. Regelmäßige Versammlungen, Übungen, Prüfungen und eine langfristige Bindung scheuen viele. Außerdem habe sich das Freizeitverhalten, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die schulischen und beruflichen Anforderungen verändert, sagt Vielhuber. Dazu kommt, dass Leute aus einer Vielzahl von Angeboten wählen können.

„Biostrategische Passung“ nennt das Philippe Ludwig, Koordinator für bürgerschaftliches Engagement im Landratsamt München. Er hat für den Landkreis zusammen mit den Kommunen Unterschleißheim, Oberschleißheim, Garching, Ismaning und Unterföhring die Freiwilligenmesse „Habe die Ehre“ organisiert, die am Samstag, 15. September, (10 bis 17 Uhr, Bürgerhaus Unterschleißheim) Organisationen und Interessierte, die ehrenamtlich arbeiten möchten, zusammenbringen soll. Und die fürs Ehrenamt werben soll.

Ludwig sagt: Es sei ein Umdenken nötig. Wer auf ehrenamtliche Mithilfe setzt, muss auf Veränderungen innerhalb der Gesellschaft reagieren. Dazu gehöre, dass Engagierte heute mitreden wollten. Entscheidungen lediglich auf Vorstandsebene zu fällen und dann mitzuteilen, sei nicht mehr zeitgemäß.

Doch was nutzen die individuellsten Möglichkeiten, wenn Interessierte nicht von ihnen erfahren? Auch im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit müsse sich was tun, sagt Ludwig. Wer über zu wenig Interessenten klagt, solle sein Kommunikationsverhalten anpassen. Digitale Kommunikation und Ansprache über verschiedene Kanäle sei wichtig, um vor allem junge Mitglieder zu generieren. Das müssten viele Vereine, Organisationen und Träger erst lernen. Zum „Wir sind“ muss das „Wir bieten“ dazukommen. Diese Erkenntnis hat sich bei den Feuerwehren durchgesetzt. „Wir können nicht darauf warten, dass jemand zu uns kommt. Wir müssen uns etwas einfallen lassen“, sagt Kreisbrandrat Vielhuber.

Ehrenamt professioneller machen

In der Summe, sagt Koordinator Ludwig, sei ein professionelles Management notwendig, um das Ehrenamt in die Zukunft zu führen. Seine Aufgabe ist es, die Vernetzung der einzelnen Organisationen voranzutreiben. Die Nachbarschaftshilfen im Landkreis sind schon in einer Arbeitsgemeinschaft organisiert. Mit ihr entwickelt Ludwig Konzepte, an deren Ende ein Ehrenamts-Management stehen soll. Eine Professionalisierung im Aufbau der ehrenamtlichen Arbeit und im Umgang mit den freiwilligen Helfern.

Philippe Ludwig koordiniert bürgerschaftliches Engagement im Landratsamt.

Bereits jetzt gibt es im Landkreis zudem vier Freiwilligen-Agenturen: mit Sitz in Unterschleißheim, Ismaning, Ottobrunn und Oberhaching. Sie registrieren Daten und Wünsche von Menschen, die sich engagieren wollen – und vermitteln passende Angebote. Eine fünfte Freiwilligen-Agentur, die „Stiftung Gute Tat“, sitzt in München und ist auch für den Landkreis zuständig. Die Finanzierung dieser Angebote läuft jeweils über die Kommunen.

Denn nicht jeder Verein kann so viel Glück haben wie der Ismaninger Krieger- und Soldatenverein, gegründet 1874. Als der im Jahr 2010 bemerkte, dass es unter den Mitgliedern bis zu acht Todesfälle im Jahr gab, musste eine Lösung her. Nur ein Jahr später öffnete sich der Verein. Nun dürfen auch Menschen, die nicht bei der Bundeswehr gedient haben, dazukommen. Auch Frauen sind willkommen. Die Zahl der Mitglieder beträgt heute 169. 

Neuer Name, neues Image

Der Vorsitzende, Dieter Eisenträger, ist hochzufrieden. Einen Niedergang wie in Garching braucht er nicht fürchten. Aber auch er weiß: Der Verein muss ein attraktives Angebot machen – und offen bleiben für Veränderungen. Als nächstes wollen die Mitglieder über einen neuen Namen nachdenken. Krieger und Soldaten? Das klingt für viele zu militärisch und rechtsorientiert.

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