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Bissig bis zur Schmerzgrenze: Der Kabarettist Gerhard Polt räumt mit vorweihnachtlichen Gebräuchen auf. Was bleibt ist ein bissiger Blick auf die Unzulänglichkeiten der Spezies Mensch.

Vor der Tür liegt der besoffene Engel

Wenn Gerhard Polt seine Geschichten aus der „pränatalen Zeit“ erzählt, ist Schluss mit allem Besinnlichen. 

Von Bert Brosch

Kirchheim– Hochkarätiger hätte das Kirchheimer Kulturjahr wohl kaum enden können als mit dem Altmeister des hintersinnigen bayerischen Humors, dem Satiriker Gerhard Polt (74). Gemeinsam mit dem brillanten Quartett der „NouWell Cousines“ präsentierte er im extrem gut besuchten Gymnasium Kirchheim Geschichten aus der „pränatalen Zeit“, den Wochen vor Weihnachten.

Die vielen Gäste kommen spät, haben Probleme in der beinahe überfüllten Gymnasium-Aula ihre Plätze zu finden. Daher kommt auch er ein paar Minuten später als geplant auf die Bühne. Grußlos setzt er sich an den Tisch, die vier jungen Musiker spielen einen „Finnischen Walzer“, dann erzählt er: Nikolaus, Weihnachten, Nachbarn. Aber er liest nicht nur, er spielt, zelebriert alle Rollen – und es sind viele – mit jeweils eigenen Stimmen, Dialekten, Tonlagen.

Erstaunlich autobiografisch die erste Geschichte, als der kleine Gerhard im Nachkriegs-München auf den Nikolaus trifft. „Da hab‘ ich schnell erkannt, dass der Nikolaus kein Heiliger, sondern ein Mensch und der Krampus ein Arschloch.“ Obwohl er auf die traditionelle Frage „Bist du auch immer schön brav gewesen?“ mit einem festen „Ja“ antwortete, wurde er vom Krampus in den Sack gesteckt. Einige Jahre später rächte er sich dafür, gemeinsam mit einer Horde Buben, vor dem Nikolaus-Studentendienst in der Schellingstraße bitterböse. „Jeder der unzähligen Ersatzheiligen wurde mit Latten, Wasserbomben, Zwillen und Eiern bedacht.“ Sein persönliches Ziel war es, dem Nikolaus den Bart anzuzünden. „Noch heute denke ich daran, wenn ich selbst als Nikolaus in der Nachbarschaft gebucht bin und die entscheidende Frage stelle: Bist du auch immer schön brav gewesen?“

Das Publikum in Kirchheim ist begeistert, obgleich es wohl die meisten Geschichten auswendig kennen dürfte, zumindest die Pointe. Da ist die Familie Böhm, die sich bei der Aktion „Einsamer Abfent“ einen Einsamen aus dem Katalog aussuchen soll: bitte keinen Deppen. Der ist doch nur entwicklungsverzögert. Keinen Ausländer, keinen Zuchthäusler, keinen tatterigen Rentner, keinen Raucher. „Vielleicht einen deutschen Beamten.“

Bei Polt ist der Blickwinkel auf die stillen Tage ein besonderer: Mit beißender Ironie seziert er das rituelle Absolvieren des vorweihnachtlichen Pflichtprogramms, er spielt den engstirnigen und wenig reflektierenden Bürger. Klischees sind ideal geeignet: Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit oder die Abgehobenheit der Intellektuellen, Neureichen, Politiker. Eine ganz unweihnachtliche Geschichte handelt von den Grattlern. „Der Nachbar hat 42 Würstl gegrillt, obwohl laut Nachbarschaftsordnung nur acht zulässig wären. Das weiß ich so genau, weil ich eine Drohne mit Kamera habe – jede Wurst ist exakt dokumentiert. Von solchen Grattlern bin ich umgeben.“

Eine Paraderolle Polts sind die Menschen an den Stammtischen – und Saufgelage: Kraftfahrer Hofinger will am Heiligen Nachmittag noch schnell seinen Spezln im „Atzinger“ eine schöne Weihnacht wünschen. Exakt 24 Weißbiere und diverse Obstler später schleppen ihn die Kumpels vor seine Wohnungstüre, von oben bis unten voll mit seinen Körpersäften. Als der Sohn die Türe in freudiger Erwartung des Christkinds öffnet, liegt er da. „Da is‘ er ja, der bsuffene Rauschgoldengel“, entfährt es der Mutter. Das ist Weihnachten á la Gerhard Polt.

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