Klavier- und Cembalobaumeister Robert Fies: Der Mann, der die Töne baut

Riemerling - Sie sind seit 44 Jahren liiert. Ihre Partnerschaft ist leidenschaftlich und beständig. Und doch tasten sie sich jeden Tag aufs Neue aneinander heran, Klavierbauer Robert Fies und seine Instrumente. Entscheidend für ihre enge Bindung und Eintracht sei „die Kommunikation miteinander".

Sein Erweckungserlebnis hatte Robert Fies als Sechsjähriger. Er saß zum ersten Mal vor den 88 Tasten eines Klaviers und entschied, das Instrument spielen zu lernen - und es bauen zu lernen. Weil seine Eltern ihm kein Klavier kaufen und keinen Unterricht ermöglichen konnten, übte er fortan beim Nachbarn, fuchste sich in Noten- und Harmonielehre hinein. Später erfüllte er sich seinen Berufswunsch.

Als Klavier- und Cembalobaumeister hat sich Fies, der heute den Fachbetrieb „Piano Fies“ in Riemerling führt, im Lauf der Jahre einen Namen gemacht. Der heute 50-Jährige berichtet von seinem Werdegang maßvoll, fast beiläufig. Als erzähle er gerade, er komme vom Mittagessen und müsse nun zur Post. Und das, obwohl er allen Grund hätte, doppelt zu unterstreichen, dass er mit weltberühmten Dirigenten und Pianisten wie Sir Colin Davis und Carmen Piazzini gearbeitet hat.

Fies, aus dem baden-württembergischen Oberkirch-Nußbach stammend, redet strukturiert, ruhig und bedacht, die Hände auf dem Schoß gefaltet. Bewegung kommt immer dann in Oberkörper und Hände, wenn er von seiner Arbeit erzählt - je euphorischer, umso dialektgeschwängerter. „Es fasziniert mich, wenn man Musik live hört und in ihrem Entstehungsmoment dabei ist.“ Es habe ihn von jeher gereizt, Teil dieses Klang-Augenblicks zu sein. „Als Klavierbauer schaffe ich die kunsthandwerklichen Grundlagen dafür.“

Das Handwerk lernte Fies in Karlsruhe. Er arbeitete dort für den Südwestrundfunk sowie für das Badische Staatstheater. „Da bin ich schlagartig ins Konzertleben eingetaucht und habe erst einmal nichts anderes gemacht.“ Als 28-Jähriger begann Fies in München für den Bayerischen Rundfunk (BR) zu arbeiten. Er betreute Künstler sowohl bei CD-Produktionen als auch bei Live-Konzerten, etwa im Herkulessaal oder in der Philharmonie. In dieser Zeit traf er auf Lorin Maazel, damals Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters. Der Maestro sei sein Sprungbrett gewesen, sagt Fies. Maazel habe fortan ausschließlich mit ihm, Fies, arbeiten wollen. „Er hat mich sogar einmal aus dem Urlaub kommen lassen.“

Die Herausforderung, mit (welt)bekannten Pianisten zu arbeiten, bestehe darin, „Verständnis für den Künstler“ aufzubringen, sagt Fies und meint damit folgendes: Jeder Pianist will sich musikalisch artikulieren. Klang ist jedoch eine subjektive Empfindung. Fies’ Aufgabe ist es, den Konzertflügel so zu präparieren, dass er optimal auf die Bedürfnisse des Künstlers - nun ja - abgestimmt ist. Einfühlungsvermögen und Menschenkenntnis sind dafür Voraussetzung.

Verschmitzt lächelnd erzählt Fies von seiner ersten Begegnung mit Sir Colin Davis. Kurz vor einem Konzert saß Fies am Flügel und musste das Instrument unter Zeitdruck stimmen. Als er gerade konzentriert der Töne lauschte, klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Fies drehte sich nicht etwa um, er hielt sein Ohr weiter an den Flügel und sagte: „Ich habe jetzt keine Zeit, ich muss mich beeilen und den Flügel stimmen.“ Die Person hinter ihm entgegnete: „Ja, ich weiß“, und ging wieder. Nach dem ersten Soundcheck trat ein Mann mit Kaffeetasse in den Regieraum und nickte Fies zu: „Ich habe schon gewusst, dass Du keine Zeit hast.“ Es war Sir Colin Davis.

Eine weitere Stufe auf der Karriereleiter erklomm Fies im Jahr 2000. Für einen Kunden habe er einen „Steinway“-Flügel hergerichtet. Klaviertechniker Franz Mohr, einer der bedeutendsten Männer hinter den Kulissen des internationalen Konzertlebens und außerdem Cheftechniker bei „Steinway“, wollte den Mann kennenlernen, der diesen Flügel bearbeitet und zur Konzertreife gebracht hat. Da war Fies auf einen Schlag bei dem Klavierhersteller bekannt.

Beim BR war Fies immer freischaffend tätig. Irgendwann gelangte er an den Punkt, an dem er Sicherheit suchte. Im November 2003 eröffnete er seinen Betrieb in Riemerling. Angefangen hat er in einem 20-Quadratmeter-Raum. Heute misst „Piano Fies“ in der Otto-Hahn-Straße 34 rund 400 Quadratmeter, Robert Fies leitet das Geschäft gemeinsam mit seiner Frau Sabine. Rund 100 Klaviere und Flügel zieren die Zimmer. Fies verkauft, stimmt, repariert und restauriert die Instrumente. Zeit für Hobbies bleibt da keine. Die einzige klavierlose Zeit schaufelt sich das Ehepaar morgens frei. „Vor dem Kaffee gibt‘s das Wort Klavier für mich nicht“, sagt Sabine Fies. Um 8 Uhr betreten die Zwei dann die Klavierwelt, in der sich beide „zu Hause“ fühlen. Robert Fies beseelt das Klavier und das Klavier beseelt ihn. „Wer hat schon das Privileg, jeden Tag ein solch erfülltes Leben zu führen?“

Auch interessant

Kommentare