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Krächzen, krähen - Kunst!

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Chanteuse, Diseuse, bravourös: Annette Postels Opernparodien kommen beim Pullacher Publikum genauso gut an wie ihre Chanson-Interpretationen. foto: robert brouczek
Chanteuse, Diseuse, bravourös: Annette Postels Opernparodien kommen beim Pullacher Publikum genauso gut an wie ihre Chanson-Interpretationen. foto: robert brouczek

Pullach - So war es schon bei Händels Primadonnen und bei Maria Callas: Nach Vorstellungsende im Pullacher Bürgerhaus schwimmt Annette Postel im Beifall. Das Publikum erlebte Opernparodien vom Feinsten. Dabei galt im ersten Teil des Abends nur eine Devise: durchhalten.

„Sing oder stirb“ ist die reißerische Drohung, die den Abend mit Annette Postel beherrschte. Und als verlassene Heroine in der Todesszene aus Henry Purcells Barockoper „Dido und Aeneas“ verströmt „La Postel“ wahrlich ihr Herzblut. Aber nur, um nach der Pause als triebgesteuertes Ännchen in Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ den „feschen Burschen“ nachzustellen.

Und nun gelingt dieser Frau etwas Sensationelles, was auch ihre unglaubliche Stimmtechnik untermauert. Während sie noch mit ironischer Soubrettenerotik spielt, scheint sich ihr leichter Sopran mit treffsicheren Spitzentönen zu verwandeln und reift zur Chanteuse. „Er war gerade 18 Jahr’, fast noch ein Kind mit weichem Haar“, singt sie - nein, sie durchlebt dieses melancholische Lied, das durch die unvergessliche Dalida weltberühmt wurde. Ohne jedoch die französische Legende zu kopieren.

Es ist mehr als ein Trapezakt, wie Postel die Singspielkoketterie von Weber mit der reifen Melancholie des Dalida-Evergreens über das unbekümmerte Spiel mit der Liebe verknüpft. „Ich habe vergessen ganz und gar, ich war zweimal 18 Jahr.“

Es ist eine Vorstellung, die Resignation mit Verlangen verbindet. Zugleich gelingt Annette Postel mit diesem Wechselbad der Gefühle die stimmige Zusammenführung zweier grundverschiedener Charaktere. Sie verweist damit auf die stilisierende Künstlichkeit der Oper, die doch an die tiefsten Erfahrungen des Menschen rührt.

Die Primadonna aus Schwaben ist auch eine Diseuse von allerhöchsten Gnaden, eine Verführerin und in andauernde Zickenkriege verstrickt. Mal mit sich selber, mal mit Konkurrentinnen. Koloratur kann die Prostel zum tobenden Wutausbruch einsetzen. Als „Königin der Nacht“ aus Mozarts „Zauberflöte“ mutiert sie zur Furie und meckert über ihr Stimmfach, das ihr Zofen und doofe Blondinen aufdrängt.

Mit ihrer Barockperücke schlägt sie alle und jeden in die Flucht. Sie krächzt und kräht, dass es schon wieder ein Kunststück ist. Sie ringt ihrer Stimme Unglaubliches ab, fordert sie heraus wie zu einem Duell. Sie kann so ruppig und doch so zärtlich sein und Gioachino Rossinis höllische Verzierungen geraten bombensicher. Als Lispelmaus mag sie zu Recht in Franz Lehárs „Giuditta“ behaupten „Meine Lippen küssen so heiß“. Nur geht der ganze Sex dieses Schmachtfetzens verloren, wenn sie ständig mit S-Lauten zu kämpfen hat. Ihre Lispelattacken sind unerhört, voller Selbstironie.

Selbst dem Fußball-Zirkus, der durchaus opernhafte Züge hat, erweist sie ihre Referenz: „Ich wusste gar nicht, das Schweinsteiger kein bayrisches Hobby ist, sondern ein Name.“ Aber weitaus aufschlussreicher ist doch das Geständnis, dass eine Sängerin vor einem Auftritt keinen Verkehr haben darf - weder auf der Straße noch sonst irgendwo.

Schade, dass der Beginn lahmt, eher zum Durchhalten denn zum Bleiben animiert. Dafür wird der zweite Teil zum himmelstürmenden Ereignis. Währenddessen lässt Klaus Webel sein Klavier zwischen Oper und Chanson chauffieren. Der junge Mann zeigt sich in lückenloser Symbiose mit Postel.

von Manfred Stanka

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