Schwierige Erinnerung: Walter Chmielewski beim Durchstöbern alter Fotos.

Sohn eines KZ-Kommandanten erzählt

Mein Vater, der Massenmörder

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Unterhaching - Walter Chmielewskis Vater war ein Sadist: Der KZ-Kommandant erschlug Häftlinge eigenhändig, saß dafür 18 Jahre im Straubinger Zuchthaus. Nun erzählt sein Sohn die Familiengeschichte – er sieht sich als „Sohn des Teufels“.

Walter Chmielewski erzählt mit 86 Jahren die grausige Geschichte seines Vaters, des KZ-Kommandanten.

Hasst er seinen Vater? Walter Chmielewski, 86, sitzt an einem Tisch in seiner Unterhachinger Wohnung, er hat einen Anzug an, die Krawatte sitzt, das Einstecktuch auch. Er ist eine korrekte Erscheinung, und er will nicht übertreiben. Aber er will eine unglaubliche Geschichte erzählen. Sie handelt von einem liebevollen Vater, von einem KZ-Kommandanten, von Altnazis und von archäologischen Grabungen auf einem KZ-Gelände. Das alles will Walter Chmielewski nun korrekt erzählen. Jetzt endlich, mit 86. „Es ist schwierig, da passt so vieles nicht zusammen.“ Aber es arbeitete wohl schon lange in ihm.

Der Vater „war als KZ-Kommandant ein Teufel“, sagt er dann. Aber „als Vater doch ein normaler Mensch“. Ein Vater, der seinem Sohn die Wünsche von den Augen ablas. Der ihm zu Weihnachten, mitten im Krieg, die sehnlichst gewünschte Märklin-Eisenbahn schenkte. Der ihm ein Boot besorgte, mit dem er auf der Gusen, einem Fluss bei Linz, paddeln konnte. Das Boot war niegelnagelneu, auf einer Seite war allerdings ein Zeichen eingebrannt: KLM – Konzentrationslager Mauthausen. Das Boot hatten KZ-Häftlinge gebaut.

Womit wir mitten in der Geschichte sind, die Walter Chmielewski beschäftigt. Sein Vater Carl hatte eben viele Seiten, die untrennbar verbunden sind. Er war Familienvater und ab 1940 KZ-Kommandant in Gusen, einem Außenlager des KZ Mauthausen (bei Linz), ab 1942 Kommandant in dem niederländischen KZ Herzogenbusch.

Sohn Walter war als Kind öfters im KZ – im Gebäude der Kommandantur, dem Verwaltungsgebäude der SS. Er ging zum Arzt der SS. Oder zum Friseur. Die Misshandlung der Häftlinge sah er aus der Ferne. Er sah, wie Häftlinge auf dem Appellplatz zusammenbrachen. Wie sie mit Gewehrkolben zusammengeschlagen wurden. Er hörte, wenn es wieder Tote im Steinbruch gab. „Ich habe auch gewusst, wo das Krematorium ist.“ Nach 1945, als die Amerikaner das Lager endlich befreiten, ging Walter erneut ins Lager – er musste die Leichen beerdigen. Er kann darüber entsetzliche Details erzählen.

Vater und Massenmörder: Carl Chmielewski in den 1980er-Jahren. Er starb 1991.

Die Opferzahlen waren vor allem in Gusen enorm – mindestens 44 000 Tote. In Gusen wurde vergast, aber auch mit Brachialgewalt gemordet. Carl Chmielewski war oft persönlich daran beteiligt. Er schlug Häftlinge mit der Peitsche tot, er ordnete das so genannte Totbaden an, bei dem Häftlinge so lange mit eiskalten Wasser bespritzt wurden, bis sie tot zusammenbrachen. Der Massenmörder vergewaltigte weibliche Häftlinge, er raubte Wertsachen, bis es sogar der SS zu viel wurde. Sie degradierte ihn.

„Die schrecklichsten Dinge passierten im Suff“, meint sein Sohn heute. Der Vater „hat dann gesagt, heute war wieder ein fürchterlicher Tag, ihm sei der Faden gerissen – das war ein geflügeltes Wort.“ Und die Mutter, die das alles nicht wahrhaben wollte, stand hilflos daneben und sagte: „Menschenskind, Carl, wie kann man denn so etwas nur machen?“

Als Carl Chmielewski 1961 vor Gericht stand, konnten ihm 293 Morde persönlich nachgewiesen werden. Sein Sohn hat, wie er heute sagt, vom Prozess nur in der Zeitung gelesen. Er hat auch später, während der langen Haftjahre, seinen Vater nie im Zuchthaus Straubing besucht. Walter Chmielewski wuchs im Nachkriegs-München ohne Vater auf. Er wurde erst Radio-Mechaniker bei „Radio Sensburg“ am Stachus, wechselte dann zur Sparte Lüftung und Heizung. Erst als er 75 war, schloss er sein technisches Büro für Klimatechnik.

Und dann holte ihn langsam die Vergangenheit ein.

Walter Chmielewskis Geschichte ist ungewöhnlich, aber er steht nicht ganz allein. Es gibt einige Nachkommen von NS-Tätern, die sich kritisch mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt haben. Niklas Frank, Sohn des NS-Generalgouverneurs in Polen, Hans Frank, war in den späten 1980er-Jahren einer der ersten, er schrieb „Der Vater. Eine Abrechnung“. Später folgten Katrin Himmler mit einer sehr differenzierten Familiengeschichte ihres Großonkels, des SS-Reichsführers Heinrich Himmler, sowie Rainer Höß, Enkel des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß.

Walter Chmielewski entschied sich erst im vergangenen Jahr dazu, seine Geschichte nun doch zu erzählen. Da war er schon 85. Er suchte einen Autor, dem er von der Last der Vergangenheit erzählen konnte – und fand den freiberuflichen Schriftsteller Holger Schaeben. Erst ging es hin und her. Chmielewski rief Schaeben an, erzählte die Geschichte, wollte dann aber doch nicht. Irgendwann wurde es Schaeben zu bunt: Er fuhr aus Nordrhein-Westfalen zu Chmielewski und überredete ihn. „Der Sohn des Teufels“ heißt das Buch, das soeben erschienen ist (Offizin Verlag, 24,80 Euro). Es ist manchmal literarisch ausgeschmückt, aber die Fakten stimmen. „Wir hatten einen Draht zueinander“, sagt Schaeben heute. „Die Geschichte mit seinem Vater, das war etwas, das unterschwellig in ihm gearbeitet hat.“ Vielleicht auch, weil die Geschichte nach 1945 einfach nicht aufhören wollte.

Denn irgendwann, in den frühen 1980er-Jahren, rief eine Frau bei ihm an. Sie stellte sich als Lebensgefährtin seines Vaters vor und lud ihn ein, ihn zu besuchen. Der Vater, das erfuhr Walter Chmielewski nun, war wieder frei – 1979 hatte ihn Ministerpräsident Franz Josef Strauß begnadigt. Walter Chmielewski zögerte, aber dann kam er zum Kaffee vorbei. Er war enttäuscht. „Die Begrüßung war kühl“, die Vergangenheit tabu, das Gespräch oberflächlich und „fast etwas peinlich“.

1991 starb der Vater in Bernau am Chiemsee. „Das war emotional null, ich war unberührt“, sagt Walter Chmielewski. Dennoch fuhr er zur Beerdigung. Jetzt stellte sich heraus, dass der Vater mit seiner Vergangenheit nicht gebrochen hatte. Zur Beerdigung erschien auch die Tochter von Heinrich Himmler, Gudrun Burwitz, die von München aus über den Verein „Stille Hilfe“ viele verurteilte NS-Kriegsverbrecher jahrzehntelang umsorgt und betreut hat – wie sich jetzt herausstellte auch Carl Chmielewski. Als die Trauergemeinde nach der Bestattung noch beisammen saß, dämmerte es dem Sohn Walter, in welche Gesellschaft er da geraten war. Lauter Altnazis hockten da beieinander, sagt Walter. „Mir hat gegraut.“ Schnell verabschiedete er sich.

Eine Sache vom Vater aber blieb ihm, und an sie hat sich Walter Chmielewski erst wieder erinnert, als ihn der Buchautor Schaeben besuchte: eine Kiste voller Unterlagen vom Vater. Persönliches wie etwa Briefe hatte die Mutter schon vor Kriegsende verbrannt, als sie sich von dem notorischen Ehebrecher Carl Chmielewski trennte. Dennoch gab es Aufzeichnungen von Carl Chmielewski: Notizen aus dem Straubinger Gefängnis über archäologische Grabungen auf dem KZ-Gelände. Tatsächlich hatten Häftlinge unter Anleitung des Hobbyforschers Chmielewski nach Relikten aus der späten Bronzezeit gesucht. Die Unterlagen „wollte der Vater zu Geld machen“. Das hat Walter Chmielewski verhindert. Er hat die Unterlagen kürzlich der KZ-Gedenkstätte Gusen übergeben. Damit die Geschichte endlich ein Ende hat.

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