Durchschnittsalter: über 60. Derzeit sind beim Sängerkreis Ottobrunn alle Stimmen besetzt – nur, wie lange noch? foto: fkn

Besorgte Töne: Chöre bangen um Nachwuchs

Landkreis - Viele Chorgemeinschaften haben ein Altersproblem und Nachwuchs zu finden ist schwer. Moderneres Repertoire soll Abhilfe schaffen.

Landkreis - Gut die Hälfte der aktiven Mitglieder des Sängerkreises Ottobrunn ist über 60 Jahre alt. Auch beim Männergesangsverein Unterföhring liegt das Durchschnittsalter weit jenseits der 50 - genau wie beim Männerchor Arget-Sauerlach. „Ja mei, mia san hoid a Rentnerband“, bringt es deren Vorsitzender Walter Wakenhut lachend auf den Punkt.

Dass Wakenhut und seinen Kollegen überhaupt noch zum Lachen zumute ist, liegt daran, dass die meisten Chöre im Moment noch gut aufgestellt sind. „Bei uns sind alle Stimmen besetzt“, stellt Franz Solfrank vom Männergesangsverein Unterföhring fest. Auch Peter Seeberg vom Sängerkreis Ottobrunn ist „noch sehr zufrieden“.

Doch angesichts des hohen Durchschnittsalters der Sänger machen sich mancherorts schon erste Mängel bemerktbar. Der Singkreis Pullach etwa hält Ausschau nach den Stimmlagen Tenor und hoher Sopran; bei der Chorvereinigung Haar mangelt es vor allem an Tenor- und Bass-Stimmen. Um den „Männermangel“ in seinem Chor zu beseitigen, ist der Haarer Leiter Michael Frey sogar kompromissbereit: „Die sängerische Qualität ist gar nicht so wichtig, sondern eher das Zusammenspiel. Der Chor muss ineinandergreifen.“

Die Gründe für die musikalischen Nachwuchssorgen sind vielschichtig. „Das Problem ist, dass die Jungen untertags in der Arbeit sind und abends zu müde, um zu singen“, glaubt Wakenhut, dessen Argeter Männerchor schon über 100 Jahre alt ist.

Der Unterföhringer Solfrank glaubt, dass das Problem in der Bevölkerungsexplosion der Landkreis-Gemeinden liege: „Es ist einfach sehr schwierig, die Zugezogenen für die örtlichen Vereine zu begeistern.“ Der „Illusion“, richtig junge Nachwuchsmusiker für seinen Traditions-Chor zu finden, gibt er sich daher gar nicht hin: „Wir suchen über 40-jährige, g’standene Männer, die in ihrer Freizeit etwas Interessantes machen wollen.“

Ideen, wie man das laut Michael Frey etwas „verstaubte Image“ der Chöre aufpolieren könnte, gibt es viele. Mit „moderner Musik als Teil des Konzertes“ könnten Freys Meinung nach „neue Zielgruppen angesprochen“ werden. Und: „Man muss einfach zeigen, dass Chöre heute auch ganz anders können.“

Mit der Anpassung seines Repertoires will auch der Unterföhringer Männergesangsverein an neue Hörer- und damit auch neue Sänger gelangen. Allerdings schwebt den Verantwortlichen kein Schwenk zu moderner, englischer Musik vor, sondern eher der „Aschheimer Weg“: Dort konnte man mit zeitgemäß Bayerischem à la Hubert von Goisern neue Sänger gewinnen. „Mit Opern und Operetten kann man Junge nicht mehr locken“, weiß Vorsitzender Solfrank. Deshalb wollen wir „moderner werden; modern aber nicht im Sinne von englisch, sondern im Sinne von regional“.

In Ottobrunn hält man auch die gute Stimmung im Sängerkreis für einen Grund dafür, „dass wir noch keinen Notruf absetzen mussten“. Neben der musikalischen Qualität ist laut zweitem Vositzendem Seeberg der offene Umgang im Verein wichtig: „Wir lachen viel, haben sehr viel Spaß. Wir sind bekannt als die lustigen Sänger!“

Auch in Werbung wird intensiviert: Die allermeisten Chöre sind im Internet zu finden. Und während etwa Walter Wakenhut in Arget-Sauerlach zusätzlich Mundpropaganda betreibt und „im Bekanntenkreis herumfragt“, sprechen die Unterföhringer im Rahmen ihrer Auftritte potentielle Mitsänger an. Aktives Abwerben ist dagegen (noch) ein Tabu unter den Chören. Doch wehrt man sich auch nicht, wenn doch ein Sänger von einer Gruppe zur anderen wechselt. „Wir haben schon den einen oder anderen aus anderen Chören dazubekommen“, gibt der Ottobrunner Seeberg zu. Denn: Was sonst solle er machen? „Dass die Chöre ganz verschwinden, kann ja auch niemand wollen.“ zip

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