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Nicht nur Kinder mit körperlichen Einschränkungen brauchen eine Schulbegleitung, auch immer mehr andere. 

„Viel wichtiger als Fachwissen ist die innere Haltung“

Wenn der Stuhl durchs Klassenzimmer fliegt: Erlebnisse aus der Arbeit eines Schulbelgeiters

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Schulbegleiter ermöglichen Kindern mit besonderen Bedürfnissen, normal am Unterricht teilnehmen zu können. Die Nachfrage nach diesem Angebot wächst stetig.

Landkreis– Wenn das Kind so unruhig ist, dass ein normaler Unterricht für die Klasse kaum möglich ist, es auf dem Schulhof Ärger mit den Klassenkameraden gibt – dann bietet ein Schulbegleiter oft einen Ausweg. Eine solche Unterstützung hat ein Ziel: Kindern mit besonderen Bedürfnissen wie allen Kindern die Teilnahme am Unterricht zu ermöglichen.

Viele Ursachen

Die Gründe, warum es bei manchen in der Schule nicht rund läuft, sind vielfältig: neben einer körperlichen oder geistigen Einschränkung können das ADHS, Autismus oder andere Entwicklungsstörungen sein oder sozial-emotionale Beeinträchtigungen, etwa wenn das Kind oder der Jugendliche traumatische Erfahrungen gemacht hat oder in einem recht schwierigen Umfeld aufwächst. Und die Erfahrungen an Schulen zeigen: diese Kinder werden immer mehr. Wird die Schule dem besonderen Betreuungsbedarf eines Kindes mit ihren Möglichkeiten nicht mehr gerecht, kommt ein Schulbegleiter ins Spiel, der die Kinder im Schulalltag unterstützt. Die Nachfrage wächst stetig. Im vergangenen Schuljahr war die Zahl der Schulbegleitungen, die das Landratsamt finanziert, im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent gestiegen. Mehr als 200 sind es derzeit. Der Bezirk, der für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung zuständig ist, finanziert derzeit 145. Fast zwei Millionen Euro kostet ihn das, 2015 waren es noch 105 Schulbegleiter.

Steigende Nachfrage

Das merken auch diejenigen welche den Dienst anbieten, wie etwa die Arbeiterwohlfahrt München-Land. Wurden dort vor neun Jahren noch zwei bis drei Schulbegleitungen pro Jahr organisiert, sind es mittlerweile mehr als 100. Drei Teilzeitkräfte kümmern sich bei der AWO München-Land um die Vermittlung. „Zu allererst braucht es ein Kinder- und Jugendpsychiatrisches Gutachten, das für das Kind eine Schulbegleitung empfiehlt“, erklärt Koordinatorin Cornelia Scharnagl. Auch die Schule wird befragt. Ist klar, dass eine Schulbegleitung sinnvoll ist, wird ein entsprechender Antrag beim zuständigen Amt gestellt. Wird der bewilligt, geht die Suche nach einem geeigneten Schulbegleiter los. Ein Prozess, der im schlechtesten Fall ein Schuljahr dauert, ,,oder auch ganz schnell gehen kann“, wie Scharnagl sagt.

Persönlichkeit zählt

Die Kunst dabei: Überhaupt einen Schulbegleiter zu finden, der zum jeweiligen Kind passt. Hierfür gibt das Gutachten bereits Empfehlungen. „Ein besonders unruhiges Kind etwa braucht einen ruhigen, ausgleichenden Begleiter, ein Kind, das leicht in Rage gerät, einen Begleiter, der Grenzen setzen kann“, erklärt Scharnagls Kollegin Carina Pömp. So vielfältig wie die Besonderheiten der Kinder sind die Hintergründe der Schulbegleiter. „Wir haben Fachkräfte aus dem Sozialbereich, Pädagogen, aber auch einen Mountainbikelehrer“, sagt Scharnagl. „Viel wichtiger als Fachwissen ist die innere Haltung“, sagt Carina Pömp. Man müsse offen und flexibel sein und dem Kind und seinen Eigenarten grundsätzlich positiv begegnen. „Es braucht da keine Menschen mit Helfersyndrom, sondern Begleiter mit gesunder Autorität und Flexibilität, die auch mit einem schwierigen Lebensumfeld der Kinder klarkommen“, so Pömp. Bei einem ersten Besuch beim Kind zuhause, lernt es den Schulbegleiter kennen. Stimmt die Chemie, steht dem Bündnis nichts mehr im Weg.

Nachteile ausgleichen

Im Alltag treffen sich die beiden am Morgen in der Schule. Das Motto der Schulbegleiter: So viel wie nötig handeln, aber so wenig wie möglich. „Es geht darum, die Nachteile, die ein Kind hat auszugleichen, es aber nicht zu bevorteilen“, erklärt Cornelia Scharnagl. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel: Aufmunternde Worte ja, aber keine Hilfe bei der Schulaufgabe. In Bezug auf die Mitschüler ist der Schulweghelfer ein „sozialer Übersetzer“, wie es Carina Pömp formuliert. „Er erklärt zum Beispiel dem Kind, wie sein Verhalten und seine Worte auf andere wirken.“ Konflikte sind so oft vermeidbar. An den Schulen ist man dankbar für die Unterstützung. „Ohne die Schulbegleiter wäre es nicht möglich, diese Kinder an der Schule zu haben“, sagt Hilde Höhn, Rektorin der Grundschule Taufkirchen am Wald. Dort sind derzeit neun Schulbegleiter im Einsatz. „Wir wären sehr froh, wenn wir noch mehr hätten, da wir viele Kinder mit Lern-, Konzentrations- und Organisationsproblemen haben“, so Höhn. „Und wir stehen da nicht allein.“ Grundsätzlich würden diese Schwierigkeiten bei allen Kindern zunehmen.

Lange Begleitungen

Viele Schulbegleitungen laufen über Jahre. Gleichzeitig trudeln gerade zum Schuljahresbeginn neue Anfragen ein. Die AWO ist daher ständig auf der Suche nach neuen Schulbegleitern. Ähnlich sieht es bei anderen Anbietern aus wie etwa den Maltesern München-Land. Sie beschäftigen derzeit 150 Schulbegleiter. 2014 waren es noch 50. Etwa ein Drittel aller Fälle betreffen Schüler mit geistiger oder körperlicher Behinderung. „Zu Spitzenzeiten erreichen uns 15 bis 20 Anfragen pro Monat“, sagt Sprecher Wilhelm Horlemann. Bewerber seien daher auch hier immer gern gesehen.

Mehr Informationen

gibt es bei der AWO München-Land unter www.awo-kvmucl.de, Stichwort Schulbegleitung oder bei den Mathersern unter www.malteser-bistum-muenchen.de, Stichwort Schulbegleitdienst.

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