Eine Ärztin mit einem digitalen Fieberthermometer. Auch für den Landkreis München gilt es nun eine „Fieberkurve“ im Auge zu behalten: Die Zahl der wöchentlichen Neuansteckungen mit dem Coronavirus
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Eine Ärztin mit einem digitalen Fieberthermometer. Auch für den Landkreis München gilt es nun eine „Fieberkurve“ im Auge zu behalten: Die Zahl der wöchentlichen Neuansteckungen mit dem Coronavirus

Der Plan für die Lockerungen

Mehr Corona-Macht fürs Landratsamt: Jetzt regiert die Fieberkurve

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Das Landratsamt München bekommt mehr eigene Befugnisse in der Coronakrise. Maßgeblich für eine mögliche regionale Rückkehr von Einschränkungen ist dabei vor allem eine Zahl.

Landkreis – Es gibt eine Zahl, die die Behörden derzeit so nervös im Auge behalten wie Ärzte die Fiebertemperatur eines Coronapatienten. 18,92 lautet sie im Landkreis München momentan – wenn sie über 50 steigt, weit jenseits menschlicher Fieberkurven, gibt es ein großes Problem. Es handelt sich um die wöchentliche Zahl der Neuansteckungen mit dem Erreger Sars-Cov-2, gerechnet auf 100 000 Einwohner.

Diese „Fiebertemperatur“ des Landkreises München liegt laut den Behörden derzeit komfortabel unter dem entscheidenden Schwellenwert, auf den sich Bund und Länder jüngst verständigt haben. Ein Blick in die Region zeigt aber auch: 18,92 sind verhältnismäßig viel (Stadt München: 18,76; Kreis Starnberg: 2,94, Freising: 7,26, Ebersberg: 14,77), aber weit unter dem stärker geplagten Rosenheim (34,1). Und vor allem: kein Vergleich zum Höhepunkt der Ansteckungswelle Anfang April. Der Spitzenwert damals lag laut Landratsamt bei 107,3. Seit fast vier Wochen schon liege die Zahl unter 50.

Landratsamt kann eigenständig wieder Beschränkungen verhängen

Nehmen die Infektionen jedoch wieder deutlich zu, erleidet der Patient Landkreis München einen schweren Rückfall. Dann gäbe es für die Bürger bittere Pillen zu schlucken: Viele gerade erst wiedereröffnete Geschäfte müssten erneut zusperren, es herrschten wieder strengere Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen. Diese Medikation müsste Christoph Göbel (CSU) mit seiner Behörde auf eigene Verantwortung verabreichen, erklärte der Landrat am Donnerstag im wöchentlichen Pressegespräch.

Appell an die Vernunft der Bürger

Dort sagt er gleich zu Beginn einen Satz, der gleichermaßen nach Hoffnung und Drohung klingt: „Ich wünsche mir inständig, dass der Umgang mit den Lockerungen bei den Menschen verantwortungsvoll und bei den Behörden pflichtgemäß erfolgt.“ Heißt: Die Bürger haben es in der Hand, mit ihrem Verhalten das Virus zurückzudrängen und wieder Schritte Richtung Normalität zu tun. Gelingt das nicht, dürfe und wolle Göbel durchgreifen. „Total restriktiv“ mit der ganzen Palette, wenn es sein muss.

Glücklich ist er mit dieser neuen Machtfülle nach eigener Auskunft aber nicht. „Nicht sehr sinnvoll“ sei es, wenn die Maßnahmen an der Landkreisgrenze endeten – bei der Mobilität der Bürger, was Arbeit, Freizeit und Familie angehe, sei das nur schwer in der Praxis durchzusetzen.

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Derzeit macht die Entwicklung Hoffnung

Der Landrat gibt sich optimistisch, dass es soweit gar nicht kommt: Seit vier Wochen schon liege der Landkreis unter der 50er-Schwelle, die umgerechnet auf die knapp 350 000 Einwohner amtlich bei 174 Neuinfektionen pro Woche liegt. Dem Gesundheitsamt, das fügt dessen Chef Gerhard Schmid hinzu, gelinge es dank massiver personeller Aufstockung derzeit gut, Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen und in Quarantäne zu schicken.

Neue Sorge um die Altenheime

Wie sich die jüngsten Lockerungen auswirken, mache sich wohl erst kurz vor Pfingsten bemerkbar, sagt Göbel. Sorge bereiteten ihm vor allem die Seniorenheime. Derzeit seien noch vier der 56 Einrichtungen im Landkreis betroffen, 15 Heimbewohner sind laut amtlicher Zählung mit – die allermeisten wohl auch an – Covid-19 gestorben. Um Neueinschleppungen zu verhindern, liefere das Amt Schutzmaterial und berate zu Sicherheitsvorkehrungen. Was andere Lebensbereiche angeht, setzt Göbel vor allem darauf, dass sich die Landkreisbürger vernünftig an die Beschränkungen halten. Damit die Zahl der Neuinfektionen weiter sinkt – die „Fieberkurve“ weiter abflaut. Ein Mensch, bei dem die Körpertemperatur auf Null fällt, ist längst tot. Der Patient Landkreis München dagegen wäre am Nullpunkt kuriert.

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