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Endlich hinterm Steuer, wenn auch mit Maske: Thomas Vielhuber kann seine Fahrschüler wieder unterrichten. Der Mundschutz bleibt während der Fahrt auf.

Großer Andrang

Freie Fahrt zum Führerschein: So gehen die Fahrschulen mit den Hygieneauflagen um

  • vonAndreas Sachse
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Nach der Zwangspause drehen Fahrschüler wieder ihre Runden. Wir haben uns in Fahrschulen umgehört, wie sie die Krise überbrückt haben und wie sie mit den Auflagen zurecht kommen.

Landkreis – Seit dem 11. Mai läuft der Betrieb in bayerischen Fahrschulen wieder an. Es ist ein Neustart unter Auflagen, die von vielen aus Überzeugung mitgetragen werden. Das Coronavirus ließ die Branche bluten. Dem ein oder anderen stärkte die Krise dank gelebter Erfahrung teils unerwarteter Solidarität auch den Rücken.

„Mit einem blauen Auge davongekommen“: Mit den Auflagen kann Peter Kopeczek aus Haar gut leben.

Für Peter Kopeczek (54) kommt der Re-Start keinen Moment zu früh. Noch etwas länger und der Inhaber von „Peters Fahrschule“ in Haar und zweier Niederlassungen in München säße heute bestimmt nicht so entspannt in seinem Büro: „Wenn uns nicht noch die zweite Welle erwischt, sind wir mit einem blauen Auge davon gekommen.“ Fast acht Wochen stand der Fuhrpark still. Büros blieben geschlossen, obwohl Kopeczek den theoretischen Teil der Ausbildung gern online vermittelt hätte. Der daraus resultierende Ansturm wissenshungriger Schüler überfordere Fahrschulen seit dem Neustart nicht nur strategisch. Den Andrang zu bewältigen, kostet Kopeczek weiteres Kapital. Wegen der Auflagen wie des Mindestabstands darf der 54-Jährige bloß maximal Hälfte der Schüler unterrichten. „Sie können sich vorstellen, wie oft wir da ran müssen.“ Auf den Mehrkosten bleibt er sitzen. 

Kopezcek hat Soforthilfe beantragt und bekommen. Die zwei Mal 15 000 Euro decken gerade ein Viertel der Fixkosten ab. Meckern aber mag er nicht. Sicher, es wäre schön gewesen, hätte der Staat nachgelegt. Aber hey, „woanders hätte ich gar nichts gekriegt“.

„Da sind Schicksale darunter, die sind schon heftig“

Thomas Vielhuber (52) aus Unterschleißheim hat die Ungewissheit am meisten zu schaffen gemacht. Der 52-Jährige unterhält außerdem Fahrschulen in Oberschleißheim sowie drei Betriebe im Landkreis Freising. Um keinen Preis der Welt wollte Vielhuber riskieren, sein Personal zu verlieren. Also stockte er das Kurzarbeitergeld auf, zahlte vollen Lohn weiter. Dieser Tage ging endlich Corona-Hilfe auf seinem Konto ein. Etwas spät vielleicht. Doch wie das Ende des Shutdowns gerade rechtzeitig.

Vielhuber weiß von Kollegen, die nicht so wie er „mit ein paar blauen Flecken“ davongekommen sind. „Da sind Schicksale darunter, die sind schon heftig.“ Einen aus der Riege der Corona-Opfer übernahm er als Fahrlehrer. „Ein brutal guter Spezialist.“ In der Hinsicht habe er von der Krise ein wenig profitiert.

Vor jeder Fahrstunde werden die Hände desinfiziert, ebenso die Armaturen und das Lenkrad im Auto.

Dass die Rechnung für ihn am Ende aufgehen würde, war dennoch lange ungewiss. Vor allem die Unterstützung aus einer Richtung, mit der er nie gerechnet hätte, ließ ihn durchhalten. Vermieter halbierten die Pacht, die Kfz-Versicherung setzte Beiträge aus. Andere kamen ihm mit der Finanzierung der Autos entgegen. „Gerade in den ersten Wochen der Ungewissheit nahm mir das die Angst.“ Am Ende boten ihm die Mitarbeiter geschlossen an, auf den üblichen Betriebsurlaub von Weihnachten bis Heilig Drei König zu verzichten, um dem Betrieb auf die Beine zu helfen. „Da standen mir die Tränen in den Augen.“

Jetzt drehen die Fahrschüler also wieder ihre Runden durch Unterschleißheim, Haar und Co. – wenn auch unter Hygieneauflagen. Das Lenkrad und die Armaturen werden nach jeder Fahrt desinfiziert, sowie die Hände eines jeden Schülers vor der Stunde. Die Schutzmasken bleiben auch während der Fahrt auf. Und wer einen Motorradführerschein macht, muss seine Montur – Schutzanzug und Handschuhe – selber mitbringen. Normalerweise kann sie bei der Fahrschule ausgeliehen werden.

„Vielleicht bin ich da ja allein in der Branche, aber wir dürfen keinen Corona-Rückfall riskieren“

Mit der neuen Situation können Vielhuber und Kopeczek gut leben. „Nach zwei Monaten Zwangspause händeln sie alles.“ Trotz augenscheinlich glücklichem Ausgang der Krise, ist beiden nicht recht zum Lachen zumute. „Ich finde es schlimm, wie die Leute mit der wiedergewonnenen Freiheit umgehen“, sagt Vielhuber, der Mitmenschen lieber einmal zu viel, als zu wenig, ermahnt, Masken zu tragen.

„Die Leute verlieren die Geduld“, sagt Kopeczek, dem gar nicht passt, wer sich da alles auf Demos gegen den angeblichen Verlust von Grundrechten tummelt. „Eine Minderheit treibt den Staat vor sich her, und ich hab´ Angst, das bald Autos brennen.“ Kopeczek legt Wert darauf, auch in der Not das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren. „Natürlich ist mir wichtig, dass mein Betrieb überlebt“, resümiert er: „Vielleicht bin ich da ja allein in der Branche, aber wir dürfen keinen Corona-Rückfall riskieren.“

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