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Vom Profi lernen: Polizisten bringen seit Jahrzehnten Grundschülern das Einma leins im Straßenverkehr bei.

Schulleiter und Eltern sind besorgt

Verkehrserziehung entfällt: Das steckt dahinter

  • Stefan Weinzierl
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Für Generationen von Grundschülern war die Verkehrserziehung fester Bestandteil der Ausbildung. Doch für viele fällt der praktische Teil des Unterrichts heuer aus.

Landkreis – Für viele Kinder ist es das Aha-Erlebnis im Rahmen des Verkehrsunterrichts an ihren Schulen: Mit Lkw, Fahrrädern, Ampelanlage und diversen Verkehrsschildern rücken die Verkehrserzieher der Polizei zu den fünf Übungseinheiten an und zeigen den Mädchen und Buben anschaulich, wie ein verkehrssicheres Fahrrad auszusehen hat, wie man ungefährdet an Hindernissen vorbeifährt oder was es mit der Rechts-vor-Links-Regel auf sich hat. „Besonders lehrreich ist es für die Kinder, wenn sie von der Polizei demonstriert bekommen, wie gefährlich der Tote Winkel ist“, sagt Birgit Streidl, Rektorin an der Grundschule Garching-Ost.

Ihre Schüler sind in diesem Schuljahr schon von Polizeibeamten in puncto Verkehrssicherheit trainiert worden, doch viele Viertklässler im Landkreis, bei denen der praktische Teil der Fahrradausbildung noch aussteht, schauen in die Röhre. Das Bayerische Kultusministerium hat nämlich in Abstimmung mit dem Innenministerium entschieden, aus Gründen des Infektionsschutzes die praktische Verkehrserziehung in den verbleibenden Wochen des Schuljahres auszusetzen. Das bestätigt Ministeriumssprecher Günther Schuster: „Wir möchten die Gefahr einer Ansteckung mit Covid-19 möglichst vermeiden.“

Ministerium: Hygieneregeln sind nicht einzuhalten

Von der Aussetzung der praktischen Verkehrserziehung ist Schusters Informationen zufolge nur ein Teil der Schulen betroffen. Vom Innenministerium habe er die Angaben erhalten, dass rund 70 Prozent der Grundschulen im Landkreis die Jugendverkehrsschule im laufenden Schuljahr bereits abgeschlossen oder zumindest begonnen haben. Und immerhin werde der theoretische Teil der Verkehrserziehung nach wie vor durchgeführt.

Doch warum eigentlich ist aus Sicht des Kultusministeriums ein gefahrloses Fahrradtraining im Freien derzeit nicht möglich? Schuster verweist auf diverse Vorgaben im Hygieneplan für die Schulen. So sollten sich etwa die Schüler, die in Lerngruppen aufgeteilt sind, möglichst wenig im Schulhaus und auf dem Gelände bewegen. „Ein Aufenthalt auf dem Pausenhof, der üblicherweise für die Durchführung der praktischen Verkehrserziehung genutzt wird, ist grundsätzlich nicht möglich, und auch einem Transport der Kinder in stationäre Jugendverkehrsschulen stehen die geltenden Infektionsschutzregeln entgegen“, erläutert Schuster.

Bei Bewegungsangeboten sei es zudem erforderlich, Körperkontakt zu vermeiden, und Gegenstände dürften nicht gemeinsam benutzt werden. „Gerade im Rahmen der praktischen Fahrradausbildung und der Radfahrprüfung steht jedoch nicht in jedem Fall für jedes Kind ein eigenes Fahrrad zur Verfügung und die Kinder greifen auf das zur Verfügung stehende Kontingent an Fahrrädern häufig wechselweise zurück“, betont der Ministeriumssprecher.

ADFC: „In erster Linie sind die Eltern gefordert“

Diese Argumentation stützt auch der Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). In der Geschäftsstelle in München haben zuletzt wiederholt besorgte Eltern angerufen und angefragt, ob der ADFC die ausgefallenen Kurse und Prüfungen ersatzweise anbietet – vergeblich. „Wir bieten keine Fahrrad-Kurse für Kinder an, könnten diesen Praxisteil aber aufgrund der Hygieneregeln und des Mindestabstands derzeit ebenso wenig wie die Polizei leisten“, sagt ADFC-Sprecherin Martina Tollkühn.

Die Fahrradprüfung an der Schule solle auch nicht überschätzt werden. Sie reiche bei weitem nicht aus, betont Tollkühn: „Die Ausbildung ist recht kurz, oft werden im immer gleichen geschützten Raum – häufig sogar nur auf dem Schulhof oder in einer Halle – dieselben Standardsituationen geübt, die an der Realität im Verkehr teilweise vorbeigehen.“ Der ADFC nimmt stattdessen die Mütter und Väter in die Pflicht. „In erster Linie sind die Eltern gefordert, ihren Kindern Rad fahren und verkehrsgerechtes Verhalten beizubringen“, so Tollkühn, denn: „Übung macht den Meister.“ Daher sei es wichtig, dass Kinder früh anfangen, sich mit dem Rad zu bewegen. „Die ersten Jahre natürlich immer in Begleitung der Eltern.“

Polizei klärt über Gefahr des Toten Winkels auf

Ist die Fahrradprüfung an den Grundschulen also überflüssig? Auf keinen Fall, findet Christa Grasl, Rektorin an der Grund- und Mittelschule am Sportpark in Unterhaching, deren Viertklässler vom Corona-Aus der praktischen Verkehrserziehung betroffen sind. „Es hat schon eine besondere Qualität, wenn ein Polizeibeamter den Schülern vermittelt, worauf es im Straßenverkehr ankommt.“ Auch ihre Kollegin Streidl hält den Unterricht durch die Polizei für extrem wichtig. „Nur so können die Schüler das in der Theorie gelernte auch praktisch einüben.“ Beide Schulleiterinnen bedauern, dass die Praxis zu kurz kommt, haben aber Verständnis aufgrund der Situation.

Schade findet auch die Polizei, dass man heuer nicht an allen Schulen die Ausbildung im vorgesehenen Umfang anbieten kann. Dies sei aber aufgrund der wenigen Wochen bis zu den Sommerferien leider nicht mehr möglich, erklärt ein Sprecher der Polizeipräsidiums München. Zumindest eine gute Nachricht gibt es aus dem Kultusministerium: Zur Aufklärung über die Gefahr des Toten Winkels will man nun doch die Polizei an die Schulen schicken.

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