In diesen Gemeinden könnten bald Flüchtlinge in Turnhallen ziehen

Landkreis beschlagnahmt weitere Turnhallen

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Landkreis - Wieder kommt es zu einem Engpass bei Asyl-Unterkünften. Das Landratsamt plant daher, Turnhallen für Flüchtlinge zu belegen. Diese Gemeinden könnten davon betroffen sein.

Mittwoch, 13. Januar. Landrat Christoph Göbel (CSU) hat eine E-Mail verschickt, die fortan einige Bürgermeister im Landkreis zittern lässt. Göbel wirbt darin für die Unterbringung von Flüchtlingen in Turnhallen. Er weist hin auf die einsetzende Frostperiode, weshalb Containerstandorte für Flüchtlinge nicht realisiert werden können. Er spricht von Verzögerungen bei bereits im Bau befindlicher Unterkünfte. Es komme schon bald zu einem Engpass an Unterkünften. 

Um weiterhin 145 Flüchtlinge pro Woche im Landkreis unterbringen zu können, will das Landratsamt auf Turnhallen als Notunterkünfte zurückgreifen. Mitarbeiter des Landratsamtes prüfen derzeit Turnhallen in neun Landkreis-Gemeinden. In einer Pressemitteilung schreibt die Behörde, sie habe in erster Linie die Turnhallen derjenigen Kommunen im Blick, die ihre „berechnete Unterbringungsquote noch nicht erfüllt haben“. In erster Linie in Betracht kommen die Kommunen Straßlach-Dingharting, Baierbrunn, Grasbrunn, Pullach, Feldkirchen und Neuried. Sollten diese Hallen nicht geeignet seien, will die Behörde die Standorte Sauerlach, Hohenbrunn und Unterhaching erwägen. Doch was heißt das für Vereine und Schulen, die im Winter die Turnhallen nutzen. Und wie reagieren die Bürgermeister auf den Plan des Landratsamtes? Wir haben nachgefragt: 

Straßlach- Dingharting 

Ziemlich weit oben auf Göbels Liste steht die Turnhalle im Bürgerhaus in Straßlach-Dingharting. Dort befindet sich etwa ein Kindergarten oder das Jugendzentrum. Außerdem benutzt die Grundschule die Halle für den Sportunterricht täglich bis 14 Uhr. Nachmittags treffen sich dort unter anderem Volleyball- oder Yoga-Gruppen. 

Bürgermeister Hans Sienerth (parteifrei) habe vor diesem Hintergrund „erhebliche Bedenken“, sollte das Landratsamt die Turnhalle beschlagnahmen, wie er sagt. Er fürchte um „das sportliche, kulturelle, gesellschaftliche, aber auch schulische Leben“ in seiner Gemeinde. Es müsse andere Möglichkeiten geben, „als eine Gemeinde auf dieses Weise mitten ins Herz zu treffen“. 

Straßlach-Dingharting hat nach Angaben des Landratsamtes bisher 17 Flüchtlinge untergebracht. Nach der Quote muss die Kommune aber Platz für 84 Flüchtlinge schaffen. Der Kreis selbst muss 7,2 Prozent aller Asylbewerber in Oberbayern aufnehmen. Das ist bayernweit die höchste Quote nach der Landeshauptstadt (30 Prozent). Das Landratsamt rechnet damit, dass bis Jahresende 9000 Flüchtlinge in den Landkreis kommen. 

Baierbrunn 

Baierbrunns Bürgermeisterin Barbara Angermaier (BIG) glaubt, dass die Turnhalle der Grundschule an der Herrmann-Roth-Straße belegt wird. Nur 18 Asylbewerber sind derzeit in der Gemeinde untergebracht. Weitere Unterkünfte fehlen. Die Kommune trifft daher bereits Vorkehrungen: Anfang der Woche suchte Angermaier das Gespräch mit Schulleitung und Helferkreis. „Wir wollen uns dieser Aufgabe gar nicht entziehen und müssen schauen, wie wir das dann bewerkstelligen“, sagt sie. 

Eingeschränkt wären neben dem Sportunterricht auch die Sportler des SC Baierbrunn und die Mittagsbetreuung. 80 Kinder toben täglich nach Schulschluss in der Halle. Zu großen Teilen könne man hier, wie beim Schulsport auch, ins Freie ausweichen, gibt sich Rektorin Konstanze von Unold pragmatisch. Einschränkungen müsse man dennoch in Kauf nehmen. Ausweichmöglichkeiten gebe es für den SCB dagegen nicht, sagt Vereinsvorsitzende Werner Tüting. Bis zu 500 Sportler nutzen die Halle unter der Woche. Tüting hält eine Belegung für „völlig absurd“. Gymnastik und Yoga könne man eventuell in den Pfarrsaal auslagern, dort findet schon der Zumba-Kurs statt. Die Stunden für die Leichtathleten, Basketballer, Turner und Volleyballer müssten hingegen gestrichen werden. „Ich wüsste nicht, wo wir in eine Halle könnten. Die sind im Isartal bis unters Dach voll.“ 

Feldkirchen 

Ähnlich wie in Baierbrunn ist die Lage in Feldkirchen. Bürgermeister Werner van der Weck (SPD) weiß, dass seine Gemeinde schlechte Karten hat, wenn das Landratsamt nach Turnhallen sucht. Schließlich hat Feldkirchen bisher nur zwölf Flüchtlinge und 22 unbegleitete Minderjährige untergebracht. „Es würde mich nicht überraschen“, wenn die Mehrzweckturnhalle bald als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden würde, sagt van der Weck. 

Treffen würde das besonders den TSV Feldkirchen. 2017 Mitglieder halten sich im Winter nachmittags rund um die Uhr in der Halle auf. Diese Trainingszeiten würden wohl gänzlich entfallen, befürchtet TSV-Vorsitzende Brigitte Pfaffinger. „Wo soll ich denn hin? Wir haben ja nur eine Halle.“ Verstehen kann sie es nicht: „Warum wird das auf unserem Rücken ausgetragen, wenn die gemeindliche Suche nach Unterkünften keine Früchte trägt?“ Doch für das Landratsamt ist nicht nur entscheidend, wie viele Flüchtlinge bereits in den Gemeinden leben. Die Behörde will auch berücksichtigen, ob bereits andere Notunterkünfte im Ortsbereich bestehen oder ob die Kommune schon früher von einer Turnhallensperrung betroffen gewesen ist, so wie etwa in Pullach. 

Pullach 

Im vergangenen Jahr waren 100 Flüchtlinge für fünf Monate in der Sporthalle der Josef-Breher-Mittelschule untergebracht. Die kommt für eine neuerliche Belegung nicht mehr in Frage – zu klein, zu wenige Toiletten und nicht wintertauglich, urteilt Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund (Grüne). In der Dreifachturnhalle des Ottfried-Preußler-Gymnasiums könnten allerdings circa 260 Flüchtlinge unterkommen, schätzt die Bürgermeisterin. Doch auch deren Belegung bezeichnet Tausendfreund als „denkbar schlechteste Lösung. Aber wenn es nicht anders geht, müssen wir eben erneut in den sauren Apfel beißen.“ Um das zu vermeiden, will die Rathauschefin die Suche nach Alternativunterkünften intensivieren. Hier habe die Gemeinde in den letzten Monaten entschieden zu wenig getan. „Wenn wir weiter so wenig tun, geht der Kelch nicht ans uns vorbei.“ 

Grasbrunn 

Anders als in Pullach gibt es in Grasbrunn nur die Turnhalle der Grundschule. Hier findet freilich Sportunterricht statt. Aber auch der TSV Grasbrunn nutzt die Halle regelmäßig für Kinder- und Erwachsenensport, darunter etwa die TSV-Karatekämpfer. Bürgermeister Klaus Korneder (SPD) hält die Halle als Flüchtlingsunterkunft für ungeeignet, und zwar aus einem einfachen Grund: „Die Halle ist zu klein.“ Außerdem verweist er auf die Glasfront. „Da die Halle im Boden versenkt ist, könnte man direkt auf die Leute drauf schauen“, sagt er. Welche Hallen tatsächlich in eine Flüchtlingsunterkunft umgewandelt werden sollen, will das Landratsamt zeitnah bekannt geben.

Florian Prommer und Thomas Radlmaier

Rubriklistenbild: © dpa

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