Das Leben mit dem Sterben

Ottobrunn - Wann einer ihrer Schützlinge geht, spürt Eva Schober (72) intuitiv. Viele der Menschen, die sie auf ihrer letzten Reise begleitet hat, bedanken sich noch einmal bei ihr. Für die Gespräche, für das Zuhören, die Berührungen, das Dasein und die Zeit, die Eva Schober mit ihnen verbracht hat. Eva Schober ist ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Seit neuneinhalb Jahren kümmert sie sich um Menschen, die schwerkrank sind und sterben werden.

Wenn Eva Schober das erste Mal zu jemandem gerufen wird, dann hat sie wahnsinniges Lampenfieber. Sie ist nervös, das Herz klopft, die Hände sind feucht. „Ich frage mich dann, ob ich die Richtige bin für die Person, ob ich ihr helfen kann.“ Das hängt auch davon ab, ob die Chemie stimmt. Bisher hatte Schober Glück. Auch wenn sie hin und wieder Anlaufschwierigkeiten überwinden muss: „Eine Dame zum Beispiel wollte zuerst nicht mit mir sprechen, hat mir den Rücken zugedreht und die Augen geschlossen“, erinnert sich die Rentnerin. Schober hat sich im Zimmer der Frau umgesehen und eine Vitrine mit Fotos entdeckt. Von einer Katze und dem Sohn der Frau, in hübschen Silberrrahmen. Schober beschrieb daraufhin, was sie auf den Bildern sah. Mehr nicht. „Da hat die Dame plötzlich die Augen aufgemacht und angefangen aus ihrem Leben zu erzählen“, sagt Schober und lächelt. „Das war ein schöner Augenblick.“

Eva Schober ist eine unaufgeregte und praktische Frau. Sie trägt die Haare kurz, hat wache Augen und eine weiche Stimme, die man nur dann hört, wenn sie wirklich etwas zu sagen hat. Viele Fotos hängen an den Wänden in ihrer Wohnung in Ottobrunn: Darauf zu sehen sind vor allem ihr Mann Heinz und ihre Mutter Ottilie. Sie waren es auch, die Eva Schober auf die Idee gebracht haben, als Hospizbegleiterin zu arbeiten. Wenn auch indirekt.

Es war im Juni 1991, als Eva Schober, damals 49, das erste Mal mit dem Sterben konfrontiert wird. Ihre Mutter Ottilie, damals 70 Jahre alt, ist unheilbar an Krebs erkrankt. Jeden Abend fährt die Tochter nach der Arbeit als Begleittechnikerin ins Klinikum Großhadern. Sie hält die Hand ihrer Mutter, sitzt stundenlang neben ihrem Bett auf der Intensivstation mit all den Schläuchen und den vielen lebenserhaltenden Apparaten. Eva Schober ist auch da, als die Mutter einschläft. „Sie hat gelächelt, ganz friedlich“, erinnert sich Eva Schober. „Das hat mir die Angst vorm Sterben genommen.“

Auch ihr Mann Heinz lächelt, als er Eva 2003 nach langer Krankheit verlässt. Die Rentnerin ist fortan allein, sie hat keine Kinder. Es ist der Moment, in dem Eva Schober erkennt, dass sie Menschen beistehen möchte in der letzten Phase ihres Lebens. „Ich bin keine Sterbebegleiterin“, sagt die 72-Jährige. „Ich begleite die Lebenden.“ Wenn auch erst zum Schluss.

120 Stunden dauert das Seminar , das der Hospizkreis Ottobrunn für Hospizbegleiter anbietet. „Erst danach entscheiden sich die Teilnehmer, ob sie die Arbeit aufnehmen wollen“, sagt Barbara Mallmann, Leiterin des ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienstes.

Eva Schober entscheidet sich dazu. Und sie möchte Abschied nehmen; deshalb geht die Hospizbegleiterin auf jede Beerdigung. Das waren bisher 20 in den vergangenen neuneinhalb Jahren. „Ich brauche das, um abschließen zu können“, sagt Schober. Ganz egal, ob sie nur zwei Tage mit dem Menschen verbracht hat, oder zwei Jahre. „Je länger ich einen Menschen begleite, desto intensiver wird natürlich die Beziehung.“

Wie etwa mit Frau H. aus Ottobrunn. Die Rentnerin ist 86 Jahre alt und schwer krebskrank, als Eva Schober das erste Mal zu ihr ins Krankenhaus gerufen wird. Wie durch ein Wunder geht es der schwerkranken Frau bald besser - und Schober besucht sie fortan daheim. Als Frau H. sich nicht mehr selbst versorgt und zu wenig isst, muss sie in ein Altenheim ziehen. Auch hier bleibt Eva Schober an ihrer Seite; erlebt mit, wie die Rentnerin abbaut, schleichend, aber unweigerlich. Bis Frau H. schließlich stirbt. Es ist ein Vormittag, Eva Schober kauft Blumen, sie will sich „würdig“ verabschieden. Als sie das Zimmer der Verstorbenen betritt, erschrickt sie: „Die Pflegekräfte haben sie nicht hergerichtet, sondern genauso liegenlassen, wie sie verstorben ist“ und schieben Frau H. mit geöffneten Augen und im Nachthemd in den Keller des Altenheims. Eva Schober bleibt bei Frau H., bis der Bestatter kommt. Stundenlang. „Ich wollte sie da unten nicht alleine lassen. Das wäre der Verstorbenen gegenüber nicht würdig gewesen.“

Ihr Einsatz als Hospizbegleiterin erfüllt Eva Schober, selbst wenn sie sie manchmal belastend. „Deshalb schaffe ich mir einen Ausgleich“, sagt Eva Schober. Einmal die Woche fährt die Rentnerin bis zu 100 Kilometer Fahrrad, sie macht Tai Chi - chinesisches Schattenboxen - und besucht einen Italienischkurs der VHS in Ottobrunn. „Da kriege ich den Kopf frei“, sagt Schober. Genauso wie beim Garteln in ihrer Laube oder bei ausgedehnten Spaziergängen.

Der Hospizkreis in Ottobrunn veranstaltet außerdem einmal im Monat ein Treffen für die Ehrenamtlichen. Eva Schober geht gerne hin. „Denn auch wenn wir mit dem Tod zu tun haben, kommt das Lachen nicht zu kurz.“ Sie möchte als Hospizbegleiterin arbeiten, solange es geht. Und selbst begleitet werden, wenn sie stirbt. „Das habe ich in meine Patientenverfügung geschrieben“, sagt Schober. Dann lächelt sie: „Auch ich möchte jemanden an meiner Seite haben, wenn ich gehe.“

Stephanie Dahlem

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