Im Gänsemarsch auf den Spuren der Bohème: Lia Schneider-Stöckl (3.v.l.) und Peter Schweiger (l.) erzählen vom Leben und Lieben der Literaten im Isartal. Foto: Andrea Kästle

Im Liebesnest der Weltliteratur

Irschenhausen/Schäftlarn - Ein literarischer Spaziergang durch das Isartal

Irschenhausen - „Als D.H. Lawrence mit seinem Schwager erstmals hier hochgekommen ist“, sagt Peter Schweiger und schaut sich um, „stand hier kein Baum“. Man konnte sogar heruntergucken auf die Isar. Heute ist ziemlich viel zugebaut, von der Isar keine Spur, dafür spenden die Bäume, die inzwischen reichlich stehen, angenehmen Schatten. Es ist Samstag, es ist heiß. Rund 80 Literatur-Interessierte hören amüsiert und gespannt zu, wie es dem englischen Autor hier oben, am Ende der Seeleiten in Irschenhausen, ergangen ist mit seiner Geliebten Frieda von Richthofen. Im „funkelnagelneuen Schweizerhäuschen“ von Friedas Schwager Edgar Jaffé.

Prominente Paare

Die beiden, Lawrence und von Richthofen, waren beileibe nicht das einzige prominente Paar, das im Süden von München zueinander gefunden hat. Im Gegenteil: Wie eine Ausstellung der Monacensia im Irschenhauser Hollerhaus im Moment zeigt, darf das Isartal „mit Fug und Recht“ sogar „das Liebesnest der Weltliteratur“ genannt werden. Wer hier nicht alles lebte, liebte und auch litt: Paul Heyse, die Reventlow natürlich, die gern und reichlich ihrem „Heimweh nach draußen“ nachgab; die Hessels, die sich in der Schäftlarner Villa „Heimat“ in eine verhängnisvolle ménage à trois verstrickten mit dem Schriftsteller-Kollegen Henri-Pierre Roché; die Juristin und Fotografin Anita Augspurg und natürlich Rainer Maria Rilke, der schon abreisen wollte aus dem Haus Schönblick in Irschenhausen, als beim Abendessen plötzlich Lou Albert-Lasard auftauchte. Da packte er seine Koffer wieder aus.

Ende Juni wurde die Ausstellung mit vielen Bildern und ausgewählten Textstellen, teils auf alte Kissenbezüge und Geschirrhandtücher gedruckt, eröffnet. Jetzt folgte in Form eines Spaziergangs durch Irschenhausen sozusagen die Inaugenscheinnahme der Liebesnester vor Ort. Angeführt haben den Rundgang Lia Schneider-Stöckl, Hausherrin im Hollerhaus, und Peter Schweiger, der Zweite Bürgermeister von Icking.

Wobei die Besucher erstmal ein wenig Hintergrundwissen vermittelt bekamen noch im Ausstellungsraum selbst. Im 19. Jahrhundert schon entdeckten Privilegierte und Adelige das Isartal als Naherholungsgebiet, logierten in den drei Schlössern, die damals in Ebenhausen noch standen. Paul Heyse kam 1857 für einige Zeit nach Ebenhausen, das er in seinem Gedicht „Hochzeitsreise an den Walchensee“ auch verewigte. Und als dann die Isartalbahn 1891 das bayerische Meran, als das der heutige Ortsteil von Schäftlarn damals bald galt, anfuhr, war quasi kein Halten mehr. Die Massen machten ihren Ausflug ins Grüne, am Pfingstsonntag 1892 entstiegen 22 000 Menschen der Bahn und fielen her über einen Ort, der selbst gerade einmal 47 Einwohner zählte.

Die Bohème entdeckte hier die Sommerfrische. Führte zur Verwunderung der Bauern Schleiertänze auf in Obstgärten, badete in der Isar - gern nachts oder nackt oder nachts und nackt. Franziska zu Reventlow brauchte viel Zeit für die Quartiersuche, sie hatte ja ihren unehelichen Sohn Rolf dabei, von ihr auch „Göttertier“ genannt. Und immer wenig Geld. Einmal, notierte sie ins Tagebuch, fand sie im Kloster eine Bleibe für 80 Pfennig die Nacht.

„Hier bei uns hat sie sicher auch nachgefragt“, meint Lia Schneider-Stöckl, das Hollerhaus war ja zwischenzeitlich eine Pension. Geführt von Marianne von Beaulieu, der Schwester des Münchner-Merkur-Herausgebers Felix Buttersack. Ansonsten? Wurde hier jeder nach seiner facon selig. Die Reventlow „liebte den einen und begehrte sechs andere“, wie Schneider-Stöckl sagt. Und der Schriftsteller Wilhelm Hegeler wollte 1939 eigentlich nur drei Tage im Hollerhaus verbringen. Letztlich ist er in Irschenhausen gestorben, vier Jahre später.

Derart vorinformiert begab man sich dann ins Freie, spazierte den Neufahrner Weg hinauf, wo ums Eck der Maler Adolf Erbslöh sein Haus hatte und auch Walter Benedix daheim war: Lebensgefährte von Lena Christ, der ihr das Zyankali besorgte, mit dem sie sich verzweifelt das Leben nahm. Weiter die Seeleiten hoch. Bis zum Grundstück, auf dem vor gut 100 Jahren in Edgar Jaffés Schweizerhäuschen Frieda und Lawrence ihre Liebe pflegten. Der Engländer mochte die Vitalität der einheimischen Bauern, freute sich, wenn die Berge „strahlend am Himmel“ standen.

Manchmal ging ihm das alles aber auch auf die Nerven. 1913 schrieb er: „Bayern ist zu feucht, zu grün, zu saftig. Ich schaue auf die verdammten Berge und schreibe verfluchten Quatsch“. Auch Frieda hatte ihre Krisen, schließlich hatte sie für den Geliebten ihren Mann und drei Kinder verlassen, die sie auch nie wieder sah. Aber es gab auch freudige Momente: kündigte Lawrence doch hier seinem Verleger den Roman „Mister Noon“ an („Es ist ein Schocker“). Der dann aber - jedenfalls in Deutschland - erst 1985 erschienen ist. Weil kurz nach Lawrences Ankündigung der Verleger verstarb. Und kurz bevor die Besucher aufs ehemalige Schweizerhäuschen-Grundstück linsten und kein Stück Isar dabei erspähten, las Schweiger das Gedicht über Enziane vor, das Lawrence mit 44 Jahren geschrieben hat. Ein halbes Jahr vor seinem Tod.

„Sind Sie Rilke?“

Weiter ging’s im Gänsemarsch zum Rilke-Haus, wo sich eines Abends Anfang September 1914 folgender Dialog entspann, den die Ausstellungsmacher netterweise auf zwei Liegestühle im Hollerhaus haben drucken lassen: „Gnädiges Fräulein, ich habe Sie doch in Paris gesehen“, sagte der eine. „Das kann sein. Dann sind Sie Rilke?“, fragte die andere zurück, woraufhin sich zwischen dem Dichter Rainer Maria Rilke und der Malerin Lou Albert-Lasard eine amour fou entwickelte, die zwei Jahre anhielt.

Letzte Station schließlich: Das Haus „Im Wiesel“, das sich um 1900 Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann am Ende des Schäftlarner Wegs gebaut haben. Die beiden wurden hier, in Anbetracht von Isar und Bergen, zu leidenschaftlichen Gärtnerinnen, deren Kohlrabi auch die einheimische Bevölkerung gern kaufte.

Dann? Sah sich der pflichtbewusste Teil der Zuhörerschaft die Ausstellung an. Während der andere zur Gaststätte Rittergütl strebte. Vor 100 Jahren haben sich hier mal besorgte Bauern getroffen, um zu überlegen, ob man nicht dringend einschreiten sollte gegen die komischen Schleiertänze der Bohemiens. „Ich weiß nicht, was Ihr habt’s, mir gfallts“, soll ein junger Bauern, der Hans, gesagt haben. Womit das Thema vom Tisch war.

Andrea Kästle

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ein schlimmes Gefühl“: Unterhachingerin (24) muss Hilfseinsatz auf den Philippinen abbrechen
Lena Thurnes (24) wollte auf den Philippinen mithelfen, eine Schule nach dem verheerenden Taifun von 2018 wieder aufzubauen. Jetzt ist sie früher als geplant wieder zu …
„Ein schlimmes Gefühl“: Unterhachingerin (24) muss Hilfseinsatz auf den Philippinen abbrechen
„Wir brauchen eine klare Tagesstruktur“
Professor Peter Brieger erklärt, wie man emotionalem Stress in der Corona-Krise begegnet.
„Wir brauchen eine klare Tagesstruktur“
Coronavirus im Landkreis München: Mehr als 600 Coronafälle - Wahlhelfer infiziert
Das Coronavirus versetzt den Landkreis München in den Ausnahmezustand. Mittlerweile sind mehrere Menschen gestorben, viele sind infiziert. Alle Infos hier im Ticker.
Coronavirus im Landkreis München: Mehr als 600 Coronafälle - Wahlhelfer infiziert
Kleintransporter überschlägt sich bei Unfall in Garching
Ein Kleintransporter hat sich bei einem Unfall am Montagabend in Garching an der Auffahrt zur A9 überschlagen. Zwei Männer wurden verletzt.
Kleintransporter überschlägt sich bei Unfall in Garching

Kommentare