No Limits: Musik, die aus dem Bauch kommt

- Funkige Rap-Show "Fusion" im Pullacher Gymnasium

Pullach - Die Pullacher Gymnasiasten haben ein besonders großes Fass aufgemacht. Sie komponierten in einem Handstreich ein Rockmusical und griffen für das Libretto auf literarische Hausgötter wie William Shakespeares "Romeo und Julia" zurück. Irgendwo spukte auch Leonard Bernsteins "West Side Story" im Theaterkeller. Das Resultat: eine heiße funkige-Rap-Show als Aufputschmittel-Lieferant und zugleich als Boiler für kühle Vorfrühlingsnächte im Isartal. Die Kids scheinen keine Limits zu kennen mit einer Musik, die aus dem Bauch kommt und sich allenfalls hin und wieder mit grummelnden Lautsprechern herumschlagen muss.

"Fusion" heißt das Großprojekt, das vor einem riesigen Gerüst spielt. Ein Szenenbild, das die Regie von Renate Schön geschickt nutzt und einen Darsteller zu einem waghalsigen Sprung von ganz oben motiviert. Knochen heil, ein Gag mehr, und nirgendwo macht sich breiiges Musical-Gedudel breit. Die Geburtsstunde eines vollkommen eigenständigen Pullach-Sounds hat geschlagen.

"Fusion" nennt sich das ganze, und zunächst stehen sich zwei gegnerische Bands - die hart gestählten Rapper und die sonnigen Sunrays - hasserfüllt gegenüber. Zustände wie einst im Parteienstreit von Verona oder unter den messerwetzenden Gangs in Brooklyn. Pullach gibt sich einen Grad friedlicher. Die Kids werden nur wegen Lärmbelästigung verfolgt. Ein Sakrileg in der Gemeinde, das nur mit dem Einlochen der Übeltäter geahndet werden darf. Und die "Fusion" beider Bands funktioniert - einen Abend lang.

Gezügelter Sex, Crime, Hass, Liebe, Tod - alle Elemente der Seifenoper haben das Librettisten-, Komponisten-Duo Sebastian Bocquet und Johannes Lehmann zum Mix verarbeitet und mit einer Musik verwoben, die Vorbilder ungeniert herbeizitiert und dennoch eigenes Profil besitzt. Techno-Musik war mal etwas Schönes, und da hieß sie Rave.

Das gilt auch für die Aufführung. Die Synthie-Programmierer lassen Raum für Kreativität. Der Takt im Publikum dazu ist der Herzschlag aufgeregter Lover. Die Coverversion des Rolling-Stones Evergreens "Satisfaction" reißt vom Stuhl, und die Dance-Group schwingt dazu ihre Beine noch einen Meter höher. Nirgendwo ein müder Aufguss vom alten Glitzerkram. Für`s Liebespaar Tine Rathje und Constantin Varoß gibt`s sahnige Ohrwürmer. Mit zartem Timbre steht eine reizende Julia, die diesmal Eve heißt, und sie singt so süß von Liebe und Freundschaft, dass man ihr das gesungene "No Angel" nicht abkauft. Die Band begleitet dezent prickelnd, wie Champagner. Drummer Johannes Lohmann besitzt die Durchsetzungskraft der Hart-Rock-Dekadenz. Moses Sebastian Bocquet ist als Sänger sowieso ein Ausnahmetalent. Urplötzlich hält die rasante Überblendungs-Dramaturgie inne: Das Ensemble stimmt ein wunderbar von schattenhafter Melancholie durchsetztes Pop-Requiem auf einen toten Freund an. Die Zeit steht still, für lange tief erfühlte fünf Minuten.

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