Der Mann aus den Bergen

Höhenkirchen - Mit Schneeschuhen, Büchse und einer unbezähmbaren Leidenschaft für die Natur ist Jo Bentfeld ausgestattet, wenn er seine Hütte im Norden Kanadas verlässt. Von seinem Abenteuer, das nun schon Jahrzehnte dauert, erzählte er den neugierigen Höhenkirchnern in der Bücherei.

„Verzicht nimmt nicht, Verzicht gibt“, übte der deutsche Philosoph Martin Heidegger vor einem Jahrhundert schon Konsumkritik. Und bevor der globale Irrsinn nach immer mehr Konsum überhandnahm, zog der damals 46 jährige Jo Bentfeld anno 1984 mit Axt, und Säge los um seine unstillbarere Sehnsucht nach einer, von Menschenhand unversehrten, unberührten Natur zu erfüllen.

Mit sehr viel Heimweh zärtlichkeit nach See und Blockhütte und seiner, ein Lebens- und Landschaftspanorama ausbreitenden Erzählkunst lässt der 80-Jährige mit der sportiven Figur vor den 60 Zuschauern in der Höhenkirchner Bücherei am Schulweg in seiner Bilderschau smaragden leuchtende Seen vorbeigleiten. Gebirgsketten auch und feurig lodernde Waldbrände, die sich seit Ewigkeiten immer erneuern. Er feiert mit einer bezaubernden Bärenfamilie ein Idyll auf Distanz. Und dabei räumt er mit einem Klischee auf. Wildtiere greifen nie von selbst an, sie wollen in Ruhe gelassen werden, sind aber die neugierigsten Beobachter, wenn es etwas Ungewohntes wie den Menschen zu bestaunen gilt. Und mit Blick auf die Wölfe erzählt der Mann der tausend Abenteuer, dass in der 500 Jahre alten Kanada-Chronik noch nie ein Wolf einen Menschen angefallen hat. Ein Frieden, der von beiden Parteien eingehalten zu werden scheint, denn das kanadische Gesetz setzt konsequent auf Tier- und Artenschutz. Die Strafen auf Verstöße sind hoch.

„Schöner wohnen“ im mittleren Yukon-Territorium ist angesagt. Im selbstgebauten Blockhaus, anschriftlos und unerreichbar in wegeloser Wildnis, drei Tagesmärsche vom letzten Waldweg entfernt genießt Jo Bentfeld sein selbstgezimmertes Reich. 150 Kilometer entfernt leben seine Nachbarn: eine Indianerfamilie. Ein großdimensioniertes Schlafzimmer bildet den paradiesischen Mittelpunkt. Das „Outhaus“, der Donnerbalken, thront in gebotener Nähe draußen. Gefrühstückt wird meist unter freiem Himmel inmitten des „Indian Summer“. Eingeleitet wird er mit nur einer stürmische Herbstnacht, und der warme Morgen mutet dann an wie der erste Tag im Paradies. Die Rocky Mountains werden vom Sonnenaufgang von goldenem Licht liebkost.

Auf dem Speisezettel steht selbstgeschossenes Wild, zahllose Früchte und Waldbeeren. Ein See fast vor der Haustür ist mit Forellen und Hechten angefüllt. „Glauben Sie mir, so ein vor zehn Minuten geangelter Fisch ist das köstlichste auf der Welt.“

Die Lebensumstände in der zivilisierten Welt und der anderen sind diametral entgegengesetzt. „Die Wildnis ist wertlos, weil unausschöpflich. Sie erneuert sich Tag für Tag. Sie kennt keine Zeit.“

Beim Netzauswerfen und beim Angeln entdeckt Jo ein Blockhaus auf der anderen Seehälfte. Drinnen findet er drei Gitarren, Besteck, Proviant. Ein junges idealistisches Pärchen aus Nürnberg riskierte den vermeintlichen „Rückzug ins Leben“ , fand sich damit aber nicht zurecht. Panisch flüchtete es zurück in die Stadt. Eine Ausweisung der beiden bei der Einwanderungsbehörde erfolgte sofort. Die Idealisten hatten vergessen, sich für die nächsten sechs Monate im Land anzumelden. Ein Aufenthaltsbewilligung für die Dauer von sechs Monaten hätten sie bei rechtzeitiger Beantragung ohne Weiteres erhalten. Bentfeld, der diese Vorschrift konsequent einhält, lebt sein naturnahes Dasein seit 30 Jahren.

Das nunmehr zweite Domizil besitzt eine Solaranlage, einen Backofen und alles, was eine gut ausgestattete Küche so hergibt. Eine Mülltonne wurde zur Backröhre umgeformt, und Bohnenkaffee ist auch vorhanden. Die Reiseberichte sind unerschöpflich und von atmosphärischer Dichte. Vor allem dann, wenn der Erzähler vom legendären Alaska-Drive berichtet, der mit einem weltberühmten 30 000 zählenden Verkehrs- und Hinweisschilderwald beginnt. München und Nürnberg sind auch darunter!

Im Sommer 1995 fuhr der ehemalige Schreiner, Hauptkommissar, Wirtschaftswissenschaftler, Diplomsvolkswirt und SPD-Funktionär die Route entlang, und Geschichte wird zur Gegenwart, wenn er auf verlassene, aber auch bunt restaurierte Siedlungen stößt. Die Zeiten des großen Goldrausches sind geprägt von der Suche nach Reichtum und Glück. Und die Anziehungskraft auf den Tourismus ist ungebrochen.

Die rund 60 Mitreisenden in der Bücherei verfolgen über zwei Stunden ein Leben, das so anders ist als das ihre. Dann etwa, wenn Jo Bentfeld im Sommer 1995 in einem selbstgebauten Hausboot 3000 Meter Kilometer den Yukon River entlang schifft, und Elche, Karibus, Wölfe sowie Bären die Flussfahrt begleiten. Auch Bisons erleben ihre Renaissance.

Wer sich nun aufmacht, den Mann in den Bergen aufzusuchen, verfängt sich in verschlungenen Pfaden und die meisten Bentfeld-Fans sind nie bei ihm eingekehrt. Erreichen kann man die Blockhäuser nur aus der Luft. Kleine Flugtaxis sind die Verbindung zu Außenwelt. In seinem Zuhause wird der Vielbegabte zum Reiseautor. Er schreibt Erfolgsbücher und hat auch Zeit gefunden, dreimal zu heiraten. Die zweite Gefährtin war vom gemeinsamen Leben fasziniert, bis es ihr zu laut wurde. Sie zog weiter, und das Alleinsein noch mehr auskosten zu können: „Wir sind noch befreundet.“

Jährlich kommt der Autor im Winter zu einer zweimonatigen Vortragsreise nach Deutschland. Und zieht danach wieder dorthin, wo er sich der Magie der drei Monate andauernden Sommernächte hingeben darf, wo am Himmel kosmische Wunder geschehen und die Zeit bis in die Unendlichkeit reicht.

Manfred Stanka

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