Den menschlichen Geist verwirren - das ist der Trick

- VON MANFRED STANKA Pullach - Nein, die Adepten der Pullacher Zauber-Akademie hocken nicht Beschwörungen murmelnd um einen großen dampfenden Kessel. Und ihr Lehrmeister Harold Voit rührt auch nicht in einem Gebräu aus Rattenköpfen, abgewürgten Schweinen und destillierten Flüchen einen Liebestrank oder irgendein schnell wirkendes Gift an. Derartige Vorstellungen bleiben der Dichtung oder den Anhängern schwarzer Magie vorbehalten. In den nüchtern-komfortablen Unterrichtsräumen am Kirchplatz 9 dominiert die geballte Konzentration von Unterrichtsräumen. Ein Diaprojektor wartet auf den Einsatz, und in der Küche brodelt allenfalls der Kaffee.

Es ist Kursbeginn, und um den Tisch haben sich acht Zauberlehrlinge gruppiert. Ihr Alter pendelt zwischen 18 und 34 Jahren, zur Hälfte Frauen. Allesamt dürfen sie bei Androhung einer hohen Konventionalstrafe niemals das Geheimnis all der Tricks und Verwandlungen preis geben, das sich ihnen über vier Semester lang enthüllen wird. Auch der Berichterstatter muss einen entsprechenden Vertrag unterschreiben und gelobt striktes Stillschweigen.

Vor der Leinwand steht Harold Voit im Alltagsdress und trägt weder einen weiten Sternenmantel noch einen langen Bart. Nichts erinnert an die übermenschliche Autorität eines Gandalf in "Herr der Ringe", und der skurrile Lehrkörper aus "Harry Potter" hat wohl Ausgang. Auch hängt weder ein Stundenplan mit "Alchemie und die Kunst der Zaubertränke" an der Wand, noch weht der Duft von Zauberkräutern durch den Raum.

Der Meister zersägte schon etliche Jungfrauen

Statt mystische Abgründe zu beschwören, schafft Harold Voits Zauberstab Illusionen, Täuschungen. Oft bringt er Naturgesetze scheinbar ins Wanken - oder sind da doch andere Kräfte am Werk? Wie macht Voit, der immerhin schon etliche Jungfrauen zersägte oder zum Schweben brachte, das nur? Das wollen die Studierenden wissen!

Nun, zunächst wird das Einmaleins im Buch der Verwandlungen aufgeblättert. Zur Einstimmung demonstriert der Meister seine Macht als Taschenspieler mit dem jahrhundertealten Becherspiel. Es findet sich schon auf den Gemälden von Hieronymus Bosch wieder: Eine Kugel unter einem umgekehrten Glas verschwindet urplötzlich, um einen halben Meter entfernt in einem anderen Gefäß aufzutauchen. Wie ging das vor sich? Oder warum errät Harold Voit unter immer neu gemischten Kartenhäufchen die einzig wahre, das Herz vier?

Versucht ein Teilnehmer zu schwindeln und den Maestro mit einer falschen Angabe aufs Glatteis zu führen, blinkt eine Glühbirne auf. Gisela und der Rest der Gruppe sind fasziniert. Mit dem geübten Blick eines Routiniers löst der Illusionist die angespannte Stimmung und erklärt, wie wichtig es sei, den Zuschauern klar zu machen, dass hier nur Tricks am Werke seien, keine okkulten Mächte. Also haben diese sich die Grundformel der Zauberkunst einzuprägen, die lautet: "Den menschlichen Geist verwirren, zu täuschen. Kern der Zauberkunst ist die Täuschung. Täuschung zum Zweck des Betrügens." Dieser Satz muss sich im Gedächtnis der Schüler festkrallen.

Die großen Trickapparaturen für zersägte Jungfrauen setzt Voit noch nicht ein, aber schon die Spielereien mit optischen Täuschungen verschlagen der Gruppe den Atem. Geometrische Gebilde, wie Dreieck oder spitzer Winkel, sind nicht mehr der Schrecken aller Pennäler, sondern treue, immer einsetzbare Mittel wahrhafter Zauberkunst. Es sind kleine Details, wie überkreuzte Mittelfinger, die den großen Effekt schaffen. Wie? Darauf darf der Berichterstatter nicht antworten. Da kennt die ansonsten so reizende Magierzunft kein Erbarmen. Wer will denn sein Leben als Kaninchen weiter fristen, dass Abend für Abend im Drei Studenten filmen für Examensarbeit Scheinwerferlicht aus dem Zylinder eines Meisters der Illusionen hervorblinzelt?

Ist diese aufgeklärte Hexerei wirklich nur Manipulation, Spielerei und zugleich die Kunst grandioser Virtuosen? Natürlich, aber da glüht - bei allem rationalem Denken - doch auch ein Funken von magischem Wissen der Urahnen nebst all den Erkenntnissen der Psychoanalyse. Immerhin benutzt auch der Zauberer als Unterhalter und Artist verschiedene psychisch-geistige Techniken, versetzt sein "Opfer" in Trance oder in einen meditativen Zustand. Doch soweit ist die Anfängerrunde noch längst nicht.

Drei Studenten der Bundeswehruniversität in Neubiberg umkreisen die Gruppe mit ihrer Kamera. Matje Jung, Alexander Lenk und Fabian Gieser spüren für ihre Examensarbeit der "Zauberkunst in der Erziehungswissenschaft" nach. Eine Pause wird eingeläutet, der Glastisch mit schwarzem Filz beiseite gestellt und der geheime Pfad ins Zauberland weiterbeschritten. Zeit zu gehen.

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