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Geläster im Büro trifft immer mehr Jüngere.

Unter-30-Jährige immer stärker betroffen

Mobbingopfer werden jünger

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Opfer von Mobbing werden jünger, auch kulturelle Unterschiede spielen eine immer größere Rolle. Die Berater im Landkreis erleben Abgründe.

Landkreis – Der Satz steht genau in der Mitte des mannshohen Banners: „Was kränkt, macht krank.“ Es ist das Thema, das das Team der Mobbingberatung für die Stadt und den Landkreis München in vielen Facetten beschäftigt: seelische Verletzungen, psychosomatische Erkrankungen. Der Leidensdruck auf die Betroffenen, dies wird beim Jahrestreffen des Vereins deutlich, nimmt zu. Und: Es gibt ganz neue Formen von Konflikten.

Ute Schmidmayer schildert einen dieser neuen Fälle. Die 61-Jährige ist mit ihrem Programm „Jobkonflikt-Feuerwehr“ Spezialistin dafür, kurzfristig firmeninterne Brandherde zu löschen. Der Fall: Ein Ägypter (28) wird von einem Inder (29) permanent am Arbeitsplatz schikaniert. Der zuständige Abteilungsleiter ist ein Iraker.

Struktur am Arbeitsplatz fehlt

„Wir stellen zwei Trends fest“, sagt Schmidmayer. „Erstens, dass vermehrt kulturelle Unterschiede zu Konflikten führen. Zweitens, dass Betroffene immer jünger werden.“ Natürlich gebe es weiterhin den klassischen Fall, wenn eine neue Führungskraft „aufräumt“ und langjährige Beschäftigte jenseits der 50 Jahre darunter zu leiden haben.

Aber auch die Unter-30-Jährigen werden bisweilen unfair behandelt. „Das Problem ist in der Regel fehlende Struktur: Die Führungskraft ist nicht in der Lage zu führen“, sagt Ute Schmidmayer. Ihr Beratungsangebot richtet sich an alle Beteiligten: an Arbeitgeber ebenso wie an Arbeitnehmer und Betriebsräte. Sie glaubt: „Als Vertrauensperson ist jemand, der von außen kommt, oft besser geeignet, um die Probleme zu lösen.“

Abgründe, die erschaudern lassen

Ob nun eine Spezialistin wie Schmidmayer in einen Betrieb eintaucht, ob ein Rechtsanwalt arbeitsrechtliche Fragen klären muss oder ob ein sogenannter Pate zum Einsatz kommt, der einem Betroffenen unterstützend zur Seite steht: Erster Selektierer ist Otto Berg (77), der seit 24 Jahren zweimal pro Woche am Mobbingtelefon sitzt und dessen Mitbegründer ist. „Ich habe den Vorteil, dass ich einst selbst Mobbingopfer war. Deshalb weiß ich, wovon die Menschen reden.“ Seine Hauptaufgabe sieht der 77-Jährige darin: „Mut machen!“ Und dann eben den passenden Ansprechpartner zu vermitteln.

Das Team der Mobbing Beratung München beim Jahrestreffen 2017: (v.l.) Gertraud Mesner, Peter Bergmann, Aysel Düzenli, Ute Schmidmayer, Christine Koller. Anne Kexel, Otto Berg, Ludwig Gunkel, Georg Falter, Wilfried Dormann, Evelyn Man, Christine Christ, Jana Cremer, Peter Eckardt und Bernhard Stöcker.

Die Abgründe, die Berg zu hören bekommt, lassen ihn trotz aller Erfahrung immer wieder erschaudern. „Da sind die alleinerziehenden Mütter, die nicht mehr wissen, was sie tun sollen, weil ihr Kind krank ist und der Arbeitgeber das Attest anzweifelt. Oder einmal rief eine Frau an: Ihr Mann hatte sich vor lauter Stress am Arbeitsplatz für zweieinhalb Tage daheim auf einen Stuhl gesetzt, sich nicht mehr bewegt und nicht mehr gesprochen. Das sind Fälle, die beschäftigen mich noch nachts im Schlafzimmer.“

Beweise sind das Schwierigste

Das Weinen der Menschen am Telefon zu hören, der Kummerkasten für Szenarien aus einer unwürdigen Arbeitswelt zu sein – Otto Berg nimmt sich zunächst zurück. „Zuhören, ausreden lassen“, sagt er. „Viele fragen gleich nach einem Anwalt. Davon rate ich ab, dann schalten die Arbeitgeber meist auf stur.“

Der Anwalt der Mobbingberatung, Wilfried Dormann, kennt die Tücken: „Die Beweispflicht ist ein großes Problem. Allgemeine Floskeln wie ,Ich werde immer schlecht gemacht‘ erkennt das Gericht nicht an. Das A und O sind konkrete Tatsachen. Dazu sollten Betroffene ein Tagebuch führen: Welche Art von Beleidigung ist wann und wo und wie erfolgt?“ Der Diplom-Psychologe Ludwig Gunkel, der zusammen mit Berg und Dormann die Mobbingberatung leitet, beschreibt das Dilemma so: „Mobbing ist eine Fürsorgepflichtsverletzung des Arbeitgebers. Die muss man nachweisen, was oft schwierig ist.“ Sein Tipp: Statt von „Mobbing“ besser von „Konflikt“ zu reden – mit dieser Formulierung täten sich Arbeitgeber meist leichter.

Für die Bedürfnisse der Senioren macht sich Anne Kexel stark. Sie wirkt als Patin bei der Mobbingberatung mit. Drängeleien im Bus oder im Supermarkt, eine von Jugendwahn geprägte TV-Werbe-Industrie: Sie steuert dagegen: „Oft fehlt es an Respekt. Auch Senioren haben Bedürfnisse.“ Diese mit anzustoßen, ist ihr ein Anliegen.

26 Ehrenamtliche gehören zum Team der Beratung. „Wir sind eine bewusst kleine Truppe. Nur Aktive können Mitglied sein“, sagt Otto Berg. Dass es keine Fördermitgliedschaft gibt, erschwert die Arbeit, denn die Kosten müssen über Spenden gedeckt werden – oft ein mühsames Betteln. Gerade 2018 könnte die Beratung „mehr Unterstützung gut gebrauchen“, sagt Berg. Die Institution wird 25 Jahre alt. „Das wollen wir nicht sang- und klanglos untergehen lassen.“ Zumal der Bedarf an Beratung zunimmt.

Sind Sie schon Ziel von Mobbingattacken geworden und was haben Sie dagegen unternommen? Diskutieren Sie mit!

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