"Morgen gibt es kein Training, morgen gibt es eine Revolution"

- VON UMBERTO SAVIGNANO Pullach - Nur wenige Nachwuchskicker können von sich das behaupten, was die D2-Fußballer des SV Pullach zur Zeit voller Stolz erzählen: "Wir haben einen echten Nationaltrainer", schwärmen sie von Burkhard Pape, dem 72 Jahre alten Fußball-Lehrer, der nach einem halben Leben als Coach von Länderteams und Trainerausbilder im Ausland (zu Papes Lebenslauf siehe Artikel rechts unten) vor einem Vierteljahr ausgerechnet bei den SVP-Buben ein Comeback in Deutschland startete.<BR>

<P>Von Bedingungen wie an der Gistlstraße konnte Pape gerade in Afrika nur träumen. Seine Improvisationskunst war dort ebenso wichtig wie die fachliche Kompetenz. "Man ist Physiotherapeut, Psychiater, Fahrer und muss Geld beschaffen", beschreibt der einst blonde, heute ergraute, aber immer noch topfitte Modellathlet sein Aufgabenfeld auf dem schwarzen Kontinent. Da ließ er mangels Medizinbällen schon mal Kokosnüsse mit Sand füllen oder die Spieler mit Stühlen beschwert ihre Sprints absolvieren. Die ungewohnten Trainingsmethoden kamen durchaus an, weil sich Erfolge einstellten, vor allem in Uganda: Mit diesem Team gewann Pape vier Mal den Ostafrika-Pokal (ein fünfter Triumph kam später mit Tansania hinzu), trotzte vor der WM 1974 Brasilien ein 1:1 ab und verpasste die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1972 in München nur durch ein verlorenes Elfmeterschießen gegen den Sudan.<P>Aber auch privat fand Pape Anerkennung, weil er und seine Frau, wie er erzählt, "keine Klassenunterschiede machten, verschwitzte Spieler im eigenen Auto mitnahmen oder zum Kaffee bei uns zu Hause einluden." Besonders wichtig war der gute Draht zu Militär und Polizei. "Eines Abends in Sierra Leone sagt ein Offizier bei einem Drink zu mir: Morgen gibt es kein Training", erzählt Pape. "Ich denke, wegen der Regenzeit und gebe ihm zu verstehen, dass das nun wirklich kein Grund sei. Doch er grinst und antwortet: Morgen gibt es kein Training, morgen gibt es eine Revolution." So konnte Pape, dessen Haus während der Unruhen von Soldaten geschützt wurde, noch Vorräte anlegen und den unwissenden deutschen Botschafter informieren.<P>Es war der erste von vier Umstürzen, den der Fußball-Lehrer miterlebte, einen davon in Uganda. Dass Pape dort trotz der Schreckensherrschaft des sportbegeisterten Idi Amin die Stellung hielt, wurde ihm oft vorgehalten. "Aber keiner hat mich aufgefordert, das Projekt einzustellen. Und offene Opposition hätte weder meiner Familie noch dem Auswärtigen Amt etwas gebracht, wenn ich standrechtlich erschossen worden wäre", kontert er.<P>Nicht gefährlich, doch ebenfalls turbulent ging es zu, als Pape mit Tansania knapp an der Qualifikation zur U20-WM scheiterte. Nach dem 1:1 zuhause stand an einem Samstag das entscheidende Rückspiel in Mosambik an. Die Anreise war für Dienstag vorgesehen, doch Pape stand allein am Flughafen. Er war nicht informiert worden, dass der Verband für Donnerstag einen billigeren, aber mit mehrmaligem Umsteigen verbundenen Flug bekommen hatte. Nach einem chaotischen Trip, auf der die Trikots verloren gingen, mussten seine Spieler in Ersatzhemden der Gastgeber antreten. "Sie haben gedacht, die sind verzaubert. Und als nach dem 0:0 mein erster Spieler mit nacktem Oberkörper zum Elfmeterschießen antreten wollte, war mir klar: Das wird nichts."<P>Emotionale Erinnerungen hat Pape auch an Asien, wo er mit den U18-Teams von Thailand und Indonesien je zwei Mal Kontinentalmeister wurde. Mit einem Sporttag im durch den Drogenanbau berüchtigten Goldenen Dreieck Laos-Burma-Thailand versuchte er etwas zurückzugeben und fand viel Anklang bei den Jugendlichen dort. "Dieser Tag war für mich ein großer persönlicher Erfolg", erinnert sich Pape an die Aktion, die er genauso hoch einstuft, wie seine sportlichen Meriten.<P>Entscheidend ist: "Stoppen, passen, köpfen" Viele dieser Geschichten haben die Pullacher Nachwuchskicker schon mit Begeisterung gehört. "Ich habe einen Dia-Abend über Afrika veranstaltet. Und die Jungs hatten mehr Fragen als die Erwachsenen", freut sich Pape, der aber auch den fußballerischen Horizont seiner Schützlinge erweitern will: "Die sind in einem Alter, in dem man Begeisterung wecken muss, und in dem man ihnen das zeigen muss, was man heute bei 22-Jährigen vermisst." Nämlich nicht das Verständnis für Spielsysteme, sondern, ganz einfach: "Stoppen, passen, köpfen, schießen. Das ist entscheidend." An der Gistlstraße wie im fernen Afrika. ÙIn der Spielvorbereitung musste Burkhard Pape in Afrika oft ungewohnte Pfade beschreiten: "In Deutschland gehen die Spieler am Tag vor dem Match vielleicht ins Kino, hier wollten sie schon mal ihren Massai-Stamm in der Steppe besuchen, um sich zu motivieren."

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