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Senioren-Gruppe aus Neubiberg auf dem Oktoberfest

Wiesn-Freude statt Heim-Apathie

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Wie behindertengerecht und barrierefrei ist die Wiesn? Das testen Rollstuhlfahrer aus Neubiberg beim Ausflug aufs Oktoberfest.

Neubiberg – Als der große MVV-Bus mit der Aufschrift „Sonderfahrt“ auf den Behindertenparkplatz am Südende der Theresienwiese fährt, gibt’s die ersten Diskussionen. „Hobt’s ihr koa Rollstuhl-Papperl für den Bus?“, fragt ein Ordner. Nein, just für den blauen MVV-Bus eben nicht, nur für die vier Behinderten-Taxis. Weil Vorschrift nun mal Vorschrift ist, müssen der Bus sowie zwei Lieferwagen der AWO Neubiberg das Gelände nach dem Aussteigen und Ausladen wieder verlassen und außerhalb parken – obwohl der Behindertenparkplatz fast leer ist.

„Jedes Jahr der gleiche Zirkus“, schimpft Hans Kopp, Referatsleiter Seniorenpflege bei der AWO. „Wenn man hier doch bloß etwas kulanter wäre! Ich würde ja auch 20 Euro zahlen.“ Alles Diskutieren hilft nichts, kein Parken ohne Rolli-Papperl.

122 Personen stark ist die Gruppe aus Neubiberg, rund die Hälfte davon ehrenamtliche Helfer und Pflegekräfte. Der Tross setzt sich in Bewegung, umkurvt die Anti-Terror-Betonpoller, bei der Security-Kontrolle gibt es einen kurzen Stau. Doch die Sicherheitskräfte realisieren schnell, dass hier wohl keine Gefahr droht, belassen es – ebenso wie später am Eingang zum Hofbräuzelt – bei stichprobenartigen Taschenkontrollen. „Das Sicherheitspersonal hat sehr großes Fingerspitzengefühl bewiesen“, sagt Bock lobend.

Auf Höhe der „Oidn Wiesn“ postieren sich alle in eindrucksvoller Breite zum Gruppenbild, dann schlängeln sich Rollstuhlfahrer durch die Wirtsbudenstraße zum Hofbräuzelt. Das funktioniert am Vormittag relativ reibungslos, stellt Bock fest: „Wenn es sich so konzentriert und eine Gruppe über die Wiesn geschoben wird, gehen die Leute zur Seite. Aber allein mit Rolli auf die Wiesn, das wäre ohne Begleitperson unmöglich, weil die Leute im Gedränge nicht die Lücke erkennen und sehen, dass dort ein Rollstuhlfahrer unterwegs ist.“

Den Wiesn-Ausflug unternimmt das Wilhelm-Hoegner-Heim seit 1996, und diesmal rollt ein kleiner Schatten mit: Die Ehrenvorsitzende des AWO-Ortsvereins, Christel Schröder, hatte die Tour aufs Oktoberfest einst ins Leben gerufen – am Abend zuvor ist sie gestorben.

Doch die Freude auf die Wiesn ist zu spüren, beim Einzug ins Festzelt zu den reservierten Plätzen winken Gäste in Lederhosen und Dirndl der Rolli-Gruppe freundlich zu. Für die Helfer und Pflegekräfte beginnt jetzt der strammste Teil des Tages: Sie müssen die Rollstühle in die engen Sitzreihen schieben – Bänke wurden zuvor eigens entfernt – , die oft zu schweren Mass- in Halbliterkrüge umfüllen, die Hendl portionieren und einigen bei der Mahlzeit helfen. Einer 93-Jährigen ist die Fahrt nicht bekommen, sie muss sich immer wieder übergeben, bekommt mitten im Wiesn-Trubel ein Schälchen unterhalten und eine Tablette verabreicht. „Die Pflege“, sagt Bock, „muss auch im Bierzelt weitergehen.“

Inzwischen hat sich auch Neubibergs Bürgermeister Günter Heyland dazugesellt und genießt eine frische Mass, während Helene Sojak (78) und Josi Peckmann (74) die Hendl und Semmeln auf die Teller geben und diese den Schlange stehenden Betreuern reichen. „Wir sind die Dinosaurier unter den Helfern, von Anfang an dabei“, sagen die beiden rüstigen Damen lachend, die den Festzelt-Bedienungen viel Arbeit abnehmen. Was beispielsweise Amal Keller (24), die die Masskrüge serviert, freut: „Die Gruppe ist sehr gut organisiert, alle sind total nett und sehr unkompliziert.“

Keine zehn Meter weiter übertönt plötzliche der übliche Wiesn-Wahnsinn die Musik, mit lautem Gegröle werden die „Masskrug-Exer“ gefeiert. Kontrastprogramm auf engstem Raum, doch bald überwiegt gemütliche Stimmung: Die Kapelle „Alois Altmann und seine Isarspatzen“ verlässt eigens die Bühne, spielt direkt bei der Gruppe aus Neubiberg. Und jetzt sind auch die Festwirte, Friedrich Steinberg (47) und sein Vater Günter (78), da. Sie verteilen Lebkurzen-Herzen an die Senioren, darunter die 101 Jahre alte Hildegard Westphal, und an die Helfer. „Wenn ich diese Freude sehe und wie mir die 101-Jährige gedankt hat, da geht mir das Herz auf“, sagt Günter Steinberg. Fazit von Manfred Bock: „Wegen solcher Momente, in denen die Heim-Apathie der Lebensfreude weicht, machen wir das. Aber für die Pflegekräfte ist es keine Wiesngaudi, sondern echte Knochenarbeit. Man muss die Mitarbeiter bewundern, welche Mühe sie sich geben.“

Weitere Fotos zum Wiesn-Ausflug der AWO Neubiberg unter www.merkur.de

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