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Der Anklagte (Mitte) Alexander B. neben seinen Verteidigern. 

Er schoss Polizistin in den Kopf

S-Bahn-Schütze von Unterföhring: Das Urteil ist gefallen

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  • Marcel Görmann
    Marcel Görmann
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Der Vorfall am S-Bahnhof Unterföhring erschütterte die ganze Region: Eine Polizistin wurde durch Schüsse schwerst verletzt. Am Freitag soll das Urteil gegen den Schützen fallen. Wir berichten im News-Blog vom Prozess.

Das Wichtigste im Überblick: 

  • Bei den Schüssen am S-Bahnhof in Unterföhring am 13. Juni 2017 erlitten drei Personen Schussverletzungen 
  • Eine Polizistin wurde im Kopf getroffen, sie schwebte in Lebensgefahr und ist seitdem ein Pflegefall
  • Der Angeklagte Alexander B. (38) soll geistig verwirrt sein, er habe „schlechte Stimmen“ gehört
  • Die Staatsanwaltschaft wirft ihm gefährliche und schwere Körperverletzung und versuchten Mord vor

Nachrichten vom 20. April 2018

17.25 Uhr: Nach der Urteilsverkündung meldete sich nun Polizeipräsident Hubertus Andrä zu Wort. In einem emotionalen und bewegenden Statement dankte er der Bevölkerung für die Anteilnahme. Hier können sie die ganze Stellungnahme lesen.

13.54 Uhr: Der 38-Jährige, der einem Polizisten am S-Bahnhof Unterföhring bei München die Dienstwaffe entrissen und dessen Kollegin damit in den Kopf geschossen hat, kommt dauerhaft in eine psychiatrische Einrichtung. Der Mann sei zum Tatzeitpunkt schuldunfähig gewesen, begründete das Münchner Landgericht I am Freitag seine Entscheidung. Laut Gutachtern leidet der 38-Jährige an einer paranoiden Schizophrenie.

Der in Starnberg geborene Mann habe befürchtet, dass die beiden Polizisten ihn töten würden und aus Angst um sein eigenes Leben gehandelt, erklärte der Vorsitzende Richter Philipp Stoll mit Blick auf das Motiv. Stoll betonte zudem die besondere Tragik des Vorfalls - für alle Beteiligten.

11.31 Uhr: Im Prozess gegen Alexander B. werden derzeit die Plädoyers vorgetragen. Gegen 14 Uhr wird ein Urteil erwartet. 

19. April 2018:

Im Prozess um Schüsse auf eine junge Polizistin am S-Bahnhof Unterföhring bei München wird am Freitag das Urteil gegen den mutmaßlichen Schützen erwartet. Das teilte eine Gerichtssprecherin am Donnerstag mit. Zuvor sollen Verteidigung und Staatsanwaltschaft ihre Plädoyers halten.

Der offensichtlich geistig verwirrte 38-Jährige ist seit der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Er hatte am 13. Juni 2017 einem Polizisten während eines Gerangels die Dienstwaffe entrissen und dessen aus Sachsen stammender Kollegin damit in den Kopf geschossen.

Die Staatsanwaltschaft geht von einer Schuldunfähigkeit zur Tatzeit aus und hat deshalb keine Anklage verfasst, sondern einen Antrag auf Durchführung eines Sicherungsverfahrens gestellt. Die Beamtin wurde bei dem Vorfall schwerst verletzt und liegt seitdem im Wachkoma.

Der vierte Prozesstag

Waffen, falsche Freunde, rasende Gedanken – und ständig diese Furcht. Was im Kopf von Alexander B. (38) vorging, können sich gesunde Menschen nicht vorstellen. Deshalb erklärten Ärzte und Psychiater seine wirre Welt: Am Landgericht stellten sie am Mittwoch, 18. April, die Gutachten über den S-Bahn-Schützen von Unterföhring vor.

Der dritte Prozesstag

22.50 Uhr: Alexander B., der S-Bahn-Schütze von Unterföhring sprach am Donnerstag erstmals vor Gericht offen über seine Tat. Die Zusammenfassung der Geschehnisse vom Freitag.

16.04 Uhr: Nun sagte die Mutter des Angeklagten aus, Nicolette B. ist Musikerin und Musiktherapeutin. Sie lebt in Colorado. Zunächst wendet sie sich an die Familie der verletzten Polizistin. „Ich als Mutter verstehe, wie schlimm das ist, wenn einem Kind so etwas zustößt. Das Mitgefühl unserer Familie kommt von Herzen.“

Sie beschreibt eine glückliche Kindheit ihres Sohnes. Er sei ein begeisterter Sportler und Pfadfinder gewesen, mit seinen Brüder habe er sich gut verstanden. Doch vor einigen Jahren, 2011, gab es einen ersten Selbstmordversuch. „Ich glaube, er war verzweifelt wegen seiner Freundin. Die beiden hatten sich getrennt. Später fand er heraus, dass sie schwanger war“, so die Mutter vor Gericht. Sie ist überzeugt davon, dass er absichtlich einen Autounfall baute, um sein Leben zu beenden. 

Einige Monate später, im September 2011, habe es einen zweiten Suizidversuch gegeben. „Er war nicht mehr er selbst, etwas stimmte nicht mit ihm“, erklärt sie. Sie musste die Polizei anrufen. Als die Polizisten kamen, nahm ihr Sohn einen Gegenstand in die Hand und deutete an, mit diesem auf die Beamten zu schießen. Er wollte die Polizisten so zu Schüssen auf ihn provozieren, ist Nicolette B. sich sicher. 

Im Februar 2017 gab es für den Angeklagten Alexander B. einen weiteren Schicksalsschlag: Ein Freund von ihm verunglückte tödlich. Er habe mit der Reise nach Europa Abstand gewinnen wollen. „Das war schrecklich für ihn“. Außerdem habe seine Ex-Freundin ihm Bilder geschickt von ihrer Hochzeit am 12. Juni. „Das hat er nicht gut verkraftet“, ist sie sicher. Einen Tag später kam es zur Tragödie von Unterföhring. 

14.51 Uhr: Nun hat der Angeklagte erneut das Wort ergriffen. „Ich wollte den Polizisten nur wegschubsen, um wegzukommen. Ich konnte nicht mehr unterscheiden zwischen Realität und Vorstellung. Ich war verwirrt. Ich nahm die Pistole, um mich zu schützen. Der Schuss löste sich dann einfach“, so Alexander B.

Der Angeklagte sagt, er habe gedacht, dass die Polizisten ihn töten wollten und dass sein Leben in Gefahr sei.

Auszug aus dem Dialog zwischen Richter und Angeklagtem

Richter: „Jetzt waren Sie bewaffnet. Da bestand doch gar keine Gefahr mehr. Sie hätten den Polizisten doch sagen können: Haut ab.“ 

Alexander B.: „Ich konnte meine Gedanken nicht mehr kontrollieren.“ 

Richter: „Wussten Sie, wie man die Waffe bedient?“ 

Alexander B.: „Ja, von daheim. Ich habe sie einfach aus dem Holster gezogen.“

Die bei dem Gerangel entstandene Verletzung habe er gespürt, so der Angeklagte. Auch mit der Waffe in seiner Gewalt habe er noch Angst gehabt. Die Idee, sich in einem Pförtnerhäuschen der Allianz zu verstecken, bezeichnet Alexander B. rückblickend als unklug.

„Heute geht es mir besser als damals“, sagt der Angeklagte noch aus, seine Angstzustände seien zurückgegangen. Heute glaubt der 38-Jährige nicht mehr, dass sein Leben in Gefahr sei. Seine Sichtweise heute: „Das ist eine Tragödie, was passiert ist.“ 

14.23 Uhr: Das Gericht legt eine kurze Pause ein, nachdem nun insgesamt vier Sanitäter ausgesagt haben. In Kürze soll die Mutter des Angeklagten von den Richtern befragt werden. 

13.56 Uhr: Nach der Mittagspause haben Sanitäter ausgesagt. Sie wurden nach der Schießerei zum Tatort gerufen, um die Opfer zu versorgen - vor allem die angeschossene Polizistin Jessica L. „Um sie herum war viel Blut. Es war schnell klar, dass ihr Zustand kritisch ist“, heißt es.

11.00 Uhr: Augenzeugin Chiara K. (23) ist an dem Tag mit der S-Bahn in die Arbeit gefahren. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die Polizistin am Bahnsteig stand und mit gezogener Waffe zielte. Dann fielen die Schüsse, Jessica Lohse wurde getroffen und sackte zu Boden. 

„Wir lagen minutenlang aufeinander, es brach Panik aus. Ich dachte, es war ein Terroranschlag. Das Schlimmste war, dass man die Türen der Bahn nicht schließen konnte. Ich hatte Angst, dass jetzt vermummte Männer reinkommen und auf uns schießen. Wir lagen ja da wie auf dem Servierteller“, beschreibt K. die bangen Minuten.

10.39 Uhr: Als dritter Zeuge tritt der Pförtner der Allianz auf, auf deren Firmengelände flüchtete Alexander B. nach der Tat. An die Begegnung erinnert sich der Pförtner gut: „Er wirkte verwirrt, schwitzte stark und war offensichtlich in Panik. Ich fragte, ob ich ihm helfen kann. Er sagte nichts. Dann ging er plötzlich in den Schrank und versteckte sich.“

Das fand der Pförtner zunächst sehr seltsam. Dann seien vier Polizisten aufgetaucht und hätten ihn aus dem Schrank geholt. „Da sah ich erst, dass er angeschossen war“, sagt der Pförtner.

10.18 Uhr: Die zweite Augenzeuge hat seine Aussage vor Gericht gemacht. Umer R. (32) saß ebenfalls in der S-Bahn und saß die Szene auf dem Bahnsteig: „Zwei Polizisten lagen auf einem Mann, aber er löste sich aus ihrem Griff. Plötzlich hielt er eine Waffe in der Hand und begann zu schießen. Ich war fünf Meter entfernt“, sagt er.

Nachdem der Mann angefangen hatte zu schießen, seien alle Fahrgäste in Deckung gegangen. Er selbst saß direkt neben dem Fenster und sah von dort aus das dunkelrote Blut auf dem Bahnsteig - das Blut der Polizistin. 

10.01 Uhr: Am dritten Tag im Prozess gegen den mutmaßlichen Schützen in Unterföhring, sagt ein Augenzeuge aus, Manuel H. (32), der in der S-Bahn saß und den Vorfall miterlebt hat.  

Er erinnert sich: Ich kam mit der S-Bahn an. Am Bahnsteig sah man, dass es eine Keilerei gab. Zwei Polizisten lagen am Boden. Noch in der S-Bahn habe ich die dumpfen Schläge wahrgenommen. Als ich das Blut gesehen habe, wurde mir klar, dass das Schüsse waren. 

Manuel H. verständigte sofort den Rettungsdienst. Er sah wie der Polizist sich um seine angeschossene Kollegin kümmerte und ihr ein T-Shirt gegen den blutenden Kopf drückte. „Die Szene habe ich noch genau vor Augen,“ sagt er.

Der zweite Prozesstag

13.57 Uhr: Die Verhandlung wird am Nachmittag fortgesetzt. Eine Zusammenfassung des zweiten Prozesstages finden Sie hier. 

12.36 Uhr: Ebenfalls am Vormittag hat eines der angeschossenen Opfer vor Gericht ausgesagt: Mihail C. (31). Er hat den Streit am Bahnsteig beobachtet und sah, wie der Polizist zu Boden geworfen wurde, während die Polizistin auf den Angeklagten sprang. 

„Es gab ein lautes Geräusch. Dann mehrere Schüsse. Leute liefen weg. Ich wurde an der Schulter getroffen. Eine Frau schrie mich an, dass ich stehen bleiben soll. Sie stoppte meinen Blutung und ich schrie, dass sie einen Krankenwagen rufen soll. Eine Kugel ging durch meinen linken Oberarm,“ erinnert sich Mihail C. 

Das Opfer Mihail C.

Er musste nach dem Vorfall seinen Job in einer Schreinerei aufgeben. „Nachts wache ich auf und höre Schreie oder Geräusche vom Zug. Ich bin seitdem nicht mehr Zug gefahren.“

11.24 Uhr: Mittlerweile hat der zweite Zeuge ausgesagt: Der Polizist, Hans-Jürgen Kilian I. (31), dessen Waffe der Angeklagte entwendete und schoss. Seine Kollegen nennen ihn nur Kilian. Seine Aussage im Protokoll:

Der Beamte erzählt von einem normalen Morgen, als sie zu dem Bahnhof gerufen wurden. Es ging um eine Körperverletzung - ein Routine-Einsatz. Im Auto sprach er noch mit seiner Kollegin darüber, dass sich wohl Fahrgäste um einen Sitzplatz gestritten hätten. 

„Sind über die Glastür und den Treppenabgang in den Bahnsteig gegangen. Die Situation war zunächst relativ unübersichtlich. Viele Pendler. Es war nicht gleich klar, was los war“ sagt Killian I. Ob ein Messer im Spiel war konnten die Beamten nicht klären. Doch als er die Personalien aufnehmen wollte, veränderte sich die zuvor ruhige Situation dramatisch: „Es war ein heftiger Stoß aus dem Nichts, der mich sehr weit zurückfallen ließ. Gefährlich nahe an die Bahnsteigkante. Habe mitbekommen, dass die S-Bahn einfuhr. Mein Gedanke war in dem Moment: Rappel dich jetzt so schnell wie möglich auf. Sah schon die Lichter. Ich hatte versucht mich mit beiden Händen aufzustützen, um aufzustehen, gelang aber nicht richtig. Griff B. an den Beinen. Ging davon aus, dass meine Kollegin oben an ihm dran ist. Das Stresslevel war extrem hoch. Mein Instinkt sagte mir: Jetzt oder nie. Ich habe versucht ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Meine Kollegin rief: Kili, der will an deine Waffe.“.

Wenige Sekunden später habe die Kollegin gerufen: „Kili, der hat eine Waffe.“

„Ich verstand gar nicht, wie das passieren konnte. Mein Blick war dann auf die Waffe gerichtet. Es war wie im Film, die Situation kam mir ewig vor. Ich habe mich hinter dem Fahrstuhl geduckt. Dachte, der wird jetzt hinter mir herschießen. Ich bin davon ausgegangen, dass der Täter in Bewegung bleibt.

Ob der Angeklagte sein Holster geöffnet hat oder nicht, kann der Beamte nicht mehr sagen. 

Am Ende der Aussage meldet sich der Angeklagte zu Wort: „Ich möchte mich entschuldigen, was Ihnen und Ihrer Kollegin passiert ist“, sagt B. Kilian I. antwortet ihm: „Die Entschuldigung wird nicht angenommen. Ich werde mich am letzten Prozesstag nochmal dazu äußern.“

10.59 Uhr:

Weiter sagt der Augenzeuge Holger F. aus: „Ich glaube gesehen zu haben, dass der Polizist das Holster geöffnet hat. Bin aber nicht zu 100 Prozent sicher. 

Am Gleis: B. wollte fliehen. Aber die Beamten hielten ihn fest: „Er lag auf ihren Schultern und hat sich gewunden. Am Ende lag er unten und die Polizisten oben. Seine rechte Hand ging dann zum Holster. Es war ein ganz gezielter Griff“, sagt Holger F.

10.21 Uhr: Der erste Zeuge, Holger F.(49), IT-Berater, schildert die dramatischen Minuten: „Ich bin wie jeden Morgen in Ismaning in die S-Bahn gestiegen. Habe mich direkt an der Tür aufgehalten. B. sprang vom Sitz auf und schlug auf einen Fahrgast ein. Mit zwei, drei anderen Leuten haben wir die beiden dann getrennt. Eine Frau hat dann die Polizei gerufen.“ Die Polizisten hätten schon draußen gewartet. Er selbst unterhielt sich kurz mit dem Angeklagten. B. sagte ihm gegenüber, dass er Angst habe und der Andere im Besitz einer Waffe sei.

Auf dem Bahnsteig kam es zu dem folgenschweren Gerangel: „B. ist explodiert und hat den Polizisten Richtung Gleisbett geschubst. Beide Polizisten lagen auf ihm drauf. Ich hab mich auf ihn drauf geschmissen und versucht seine Hand vom Holster wegzubringen,“ schildert Holger F. die dramatischen Sekunden. Es gelang ihm nicht B. von der Waffe fernzuhalten: „B. hielt die Pistole dann in der Hand. Ich habe mich in Deckung gebracht. Dann fielen mehrere Schüsse.“

Holger F. musste mit anschauen, wie die Polizistin zu Boden ging. Einer der Polizisten habe dann sein Hemd ausgezogen und es auf ihrer Kopfwunde gedrückt. 

"Schickt alles her, was ihr habt. Die Jessi, die Jessi, die Jessi", erinnert sich Holger F. an die Funk-Rufe der Polizisten. Sie hätten die Polizistin gemeinsam beatmet und ihr zugesprochen: "Bleib hier." 

Über dem S-Bahnhof kreisten die Hubschrauber. Als das SEK vorrückte, schrie er sie an: "Wir brauchen verdammt nochmal einen Arzt." Der kam. Profis lösten ihn ab.

10.01 Uhr: Der Prozess sollte eigentlich um 9.30 Uhr beginnen, der Anfang verzögerte sich aber um eine halbe Stunde. Erst jetzt wird weiter verhandelt. 

09.43 Uhr: Alexander B. wird von zwei Wachmännern in den Gerichtssaal gebracht. Er trägt einen grauen Pullover und wirkt müde.

09.41 Uhr: Am zweiten Prozesstag wird die Aussage des Polizisten erwartet, der Aufschluss geben soll, wie es Alexander B. gelang an die Dienstwaffe der Beamten zu kommen. 

Zusammenfassung des ersten Prozesstages

Der Angriff dauert 23 Sekunden. Der Mann stürzt auf den Polizisten zu, stößt ihn in Richtung der einfahrenden S-Bahn. Es kommt zu einem Gerangel, der Angreifer greift sich die Dienstwaffe des Polizisten - und richtet sie auf dessen junge Kollegin. Die Frau fällt zu Boden. Ein Zusammenschnitt aus Videoaufnahmen verschiedener Überwachungskameras dokumentiert die Geschehnisse am Morgen des 13. Juni 2017 am Münchner S-Bahnhof Unterföhring.

Dabei ist es am Dienstag sehr still in dem Gerichtssaal in der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim, wo am Dienstag der Prozess gegen den 38-jährigen mutmaßlichen Schützen begonnen hat. Ein als Zeuge geladener Polizeibeamter erläutert die gezeigten Szenen, einige davon werden wiederholt. Auf den Videos bricht die junge, aus Sachsen stammende Polizistin zusammen. Sie wird zwei Mal am Kopf getroffen.

Der 38-Jährige ist seit der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Die Anklage wirft ihm gefährliche und schwere Körperverletzung und versuchten Mord vor. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Schuldunfähigkeit zur Tatzeit aus und hat deshalb keine Anklage verfasst, sondern einen Antrag auf Durchführung eines Sicherungsverfahrens gestellt.

Zu der Anschuldigungen schweigt der Mann am Dienstag. Dafür schildert er einige persönliche Details, mal auf Englisch, meistens aber auf Deutsch mit starkem Akzent. Er wurde in Starnberg nahe München geboren, wuchs aber in den USA auf. Vor einigen Jahren habe er zwei Mal versucht, sich umzubringen, sagt der Vater einer Tochter.

Der Anklagte (Mitte) Alexander B. neben seinen Verteidigern. 

Anfang Juni 2017 reiste er aus den USA nach München, um von dort aus Europa zu bereisen. Von München aus flog er nach Athen; am 12. Juni sollte es weiter nach Prag gehen. Doch der Mann bekam psychische Probleme. Er habe „sehr schlechte Gedanken“ gehabt, habe nicht klar denken können, schildert er. Also kaufte er sich stattdessen ein Ticket zurück nach München. Er habe Verwandte in Schwabhausen und Dachau, erklärt er. Auf dem Flug sei er paranoid gewesen, habe gefürchtet, mit dem Flugzeugessen vergiftet zu werden.

Am Flughafen stieg er dann in die S-Bahn in Richtung Stadtzentrum, wie der Staatsanwalt ausführt. Dort eskalierte die Situation zum ersten Mal: Der 38-Jährige attackierte einen Passagier, schlug ihm mehrmals ins Gesicht. „Aus dem Nichts“ sei die Attacke gekommen, sagt das Opfer vor Gericht. Mitreisende trennten die beiden und alarmierten Polizei und Lokführer, der den Zug im Bahnhof Unterföhring stoppte.

Zu der Gruppe am Bahnsteig trafen schnell die junge Polizistin und ihr Kollege, um Zeugen zu vernehmen. Da ging der 38-Jährige laut Anklage erneut zum Angriff über. Es gelang ihm, sich die Dienstwaffe des Polizisten zu greifen, richtete sie zunächst gegen den flüchtenden Beamten und schoss mindestens fünf Mal. Ein Projektil prallte von der S-Bahn ab und verletzte einen Passanten.

Dessen Kollegin hatte zwischenzeitlich ihre eigene Waffe gezogen und zwei Mal auf den Angreifer geschossen. Der Mann feuerte auf die junge Frau und traf sie in den Kopf. Sie ist bis heute Pflegefall.

Weitere sieben Verhandlungstage sind für den Prozess zunächst angesetzt, am Mittwoch wird er fortgesetzt. Es geht darum, inwieweit der Mann infolge seiner psychischen Erkrankung schuldunfähig und für die Allgemeinheit gefährlich ist - und dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss.

dpa

Am Mittwoch sagt der überwältigte Polizist aus

15.39 Uhr: Am ersten Prozesstag sagten insgesamt sechs Zeugen aus. Am Dienstag wird der Prozess fortgesetzt. Dann soll auch der Polizist aussagen, dem seine Dienstwaffe entrissen wurde. 

Aus dem Nichts wurde ein S-Bahnreisender angegriffen

15.25 Uhr: Ein Zeuge schilderte die Ereignisse kurz vor der Tat. Er sei am Morgen des 13. Juni 2017 in Ismaning in die S-Bahn in Richtung München gestiegen und habe auf dem Handy seine E-Mails gelesen, sagte der Mann. „Aus dem Nichts“ habe ihm ein Mann mehrfach ins Gesicht geschlagen. Er habe um Hilfe gerufen. Mitreisende hätten den Angreifer dann von ihm weggezogen. „Als ich oben im Krankenwagen behandelt wurde, hörte ich die Schüsse“, so der Zeuge. 

Aufzeichnungen vom Angriff werden gezeigt

11.59 Uhr: Der erste Zeuge ist ein 48-jähriger Polizeibeamter, der Sachbearbeiter für den Fall war. Er berichtet, was auf den Aufnahmen von mehreren Überwachungskameras vom Bahnsteig zu sehen ist. Ein Zusammenschnitt der Bilder wird auch auf einer Großbildleinwand im Gerichtssaal gezeigt. Während sich der Angeklagte noch in der S-Bahn nervös seine Haaren raufte, wirkte er neben den beiden Polizisten zunächst gefasst und ruhig. Dann schnaufte er aus und es kam zum unvermittelten Angriff, er riss den Polizisten nieder und hatte plötzlich seine Pistole in der Hand. Genau 23 Sekunden hat der Angriff bis zum Schusswechsel gedauert. 

Der Angeklagte reiste im paranoiden Zustand nach München

11.04 Uhr: Nun wurde über den Lebenslauf des Angeklagten gesprochen. Seine Eltern, beide Musiker, wanderten mit der Familie in die USA aus, als Alexander B. erst zwei Jahre alt war. Er habe ein bürgerliches Leben geführt, als Elektrotechniker gearbeitet, eine Eigentumswohnung gekauft, einen Toyota SUV gefahren. Er ist Vater eines fünfjährigen Kindes, auch nach der Trennung sei das Verhältnis zur Mutter gut. 

Gab es Vorboten für das, was sich im Juni 2017 in Unterföhring abspielen würden? Vielleicht während eines Aufenthaltes in Spanien. Dort hatte er 2011 einen heftigen Autounfall. Er habe „schlechte Stimmen“ gehört, sich viele negative Gedanken gemacht. Zweimal versuchte er sich das Leben zu nehmen. Er kam in eine Psychiatrie und wurde mit Medikamenten behandelt. 

Dann die erneute Reise im Sommer 2017 nach Europa. Er landete in Athen. Wieder konnte er nicht mehr klar denken, sein Zustand verschlechtert sich immer weiter. Er habe kaum noch Schilder lesen können. Spontan änderte er seine Reiseroute von Prag nach München, er wollte zu Verwandten nach Schwabhausen und Dachau. Auf dem Flug nach München sei er „sehr paranoid“ gewesen, er hatte das Gefühl, dass die anderen Passagiere ihn auslachen würden und sein Essen an Bord vergiftet sei. Er habe nicht ruhig sitzen können.

In der Befragung kommt auch heraus, dass Alexander B. in den Jahren 2008 bis 2010 ein Alkoholproblem hatte. Er ging auch zu den Anonymen Alkoholikern. Seitdem habe er das Trinken aber unter Kontrolle. Früher habe er auch Kokain ausprobiert. 

Staatsanwaltschaft: Der Angeklagte ist eine Gefahr für die Allgemeinheit

10.06 Uhr: Laut Anklage stellt Alexander B. eine Gefahr für die Allgemeinheit dar und muss deshalb in der Psychiatrie behandelt werden. Als er die Polizeiwaffe an sich genommen hatte, schoss er der Beamten Jessica L. zweimal in den Kopf. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilt, wird sie dauerhaft ein Pflegefall bleiben. Der Angeklagte lebte zuletzt in Fort Collins in den USA (Bundesstaat Colorado). Obwohl er Deutscher ist, braucht er eine Übersetzerin, weil er Englisch spricht. Der Elektriker, der in Starnberg geboren wurde, befindet sich seit der Festnahme in einer psychiatrischen Klinik. „Im Augenblick“, erklärt der Anwalt, wolle der Angeklagte noch keine Stellungnahme abgeben. 

9.45 Uhr: Richter Philipp Stoll hat den Prozess eröffnet. Jetzt wird dir Anklage verlesen

Vorbericht

München - Nach den Schüssen auf eine junge Polizeibeamtin Jessica Lohse am S-Bahnhof Unterföhring bei München im vergangenen Juni beginnt am Dienstagvormittag der Prozess gegen den mutmaßlichen Schützen. Der 38 Jahre alte Alexander B. ist seit der Tat in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Schuldunfähigkeit zur Tatzeit aus und hat deshalb keine Anklage verfasst, sondern einen Antrag auf Durchführung eines Sicherungsverfahrens gestellt.

Jessica Lohse in Uniform kurz nach der Ausbildung (links). Seit Juni 2017 liegt sie im Wachkoma. Am Sonntag machte die Familie einen Spaziergang (Bild rechts).

Der offensichtlich geistig verwirrte Mann hatte am 13. Juni 2017 einem Polizisten am Unterföhringer Bahnhof bei einer Rangelei die Pistole entrissen und seiner Kollegin in den Kopf geschossen. Die Frau wurde schwer verletzt und liegt seither im Koma. Auch zwei Passanten erlitten Schussverletzungen an Arm und Bein. Der mutmaßliche Täter wurde ebenfalls durch einen Schuss leicht verletzt.

S-Bahn-Attacke von Unterföhring: So geht es der angeschossenen Polizistin heute

Die Anklage wirft ihm gefährliche und schwere Körperverletzung und versuchten Mord vor. In dem Verfahren wird es darum gehen, inwieweit der Mann infolge seiner psychischen Erkrankung schuldunfähig und für die Allgemeinheit gefährlich ist - und dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss.

Augenzeuge: Das passierte vor den Schüssen (tz.de)

Nebenkläger sind die Polizistin, ihr Kollege sowie ein Passant, der damals von einem Querschläger getroffen wurde. Für den Prozess sind zunächst acht Verhandlungstage angesetzt; er beginnt im Gerichtssaal in der Justizvollzuganstalt Stadelheim.

„Gott hat uns unsere Jessi gelassen“: tz-Besuch bei der Familie der Polizistin, die in Unterföhring angeschossen wurde

mit Material der dpa

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