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Kersten Schreyer, Bayerns neue Sozialministerin, im Gespräch mit Merkur-Redakteur Martin Becker. 

Interview 

Sozialministerin Schreyer: „Ich war mal sehr schüchtern“

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„Herzlich willkommen in meinem neuen Reich!“ München-Schwabing, Winzererstraße 9, viertes Stockwerk: Mit einem freudigen Lächeln führt uns Kerstin Schreyer in ihr Büro. „Es ist größer als mein Wohnzimmer“, sagt sie, setzt sich fürs Foto an den geräumigen Schreibtisch. Dann nimmt sich die 46 Jahre CSU-Politikerin aus Unterhaching trotz ihres dicht gefüllten Terminkalenders genau eine Stunde Zeit: Wir haben Bayerns neue Sozialministerin einen Monat nach der Ernennung an ihrer neuen Wirkungsstätte besucht.

-Sie haben parteipolitisch eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Von der JU Unterhaching bis zum Landtag. 2017 wurden Sie von Horst Seehofer zur Integrationsbeauftragten gemacht. Und jetzt Ministerin – was ist das Erfolgsrezept? Loyalität zur CSU? Beharrlichkeit und fachliche Kompetenz? Oder eine Mischung daraus?

Keins von alledem. Als ich 1988 in die Junge Union eingetreten bin, ging es mir darum, mitdiskutieren zu können. Ich wollte nie Berufspolitikerin werden, aber im Laufe des Lebens verändern sich manche Grundsätze. Insbesondere, wenn man Kinder bekommt (Kerstin Schreyer hat eine zwölf Jahre alte Tochter; Anm. d. Red.). Für mich war wichtig, dass ich diese Gesellschaft mitgestalte. Dann kommt, wenn man engagiert ist, das Eine zum Anderen. In Gemeinderat und Kreistag bestand Bedarf für jemanden aus dem Sozialbereich, und ich als Sozialpädagogin habe festgestellt, dass mir mein Studium sehr viel Wissen für die politische Arbeit mitgibt. Irgendwann stand ich vor der Frage, biege ich in die eine Richtung ab oder in die andere?

-Sie meinen 2008, bei der erstmaligen Kandidatur für den Landtag?

Ja, denn da musste ich mich entscheiden: Mache ich meinen Beruf zum Hobby und mein Hobby zum Beruf? Die Antwort war nicht einfach, denn ich war immer mit dem Herzen Sozialpädagogin und Familientherapeutin.

-Sie haben sich für die Politik entschieden. Bisher, als Stimmkreisabgeordnete im Landkreis München Süd, konnten Sie sich auch für die direkten Interessen Ihrer Heimat einsetzen. Inwieweit ist das als Ministerin, die ja ganz Bayern im Fokus haben muss, noch möglich?

Ich bin ja nicht erst jetzt in einer Führungsfunktion, sondern wurde 2013 Stellvertretende Fraktionsvorsitzende – ab dem Zeitpunkt hat sich meine Art der Arbeit verändert, ich war seitdem, wie jetzt auch wieder, bayernweit unterwegs. Aber ich bin mit Leib und Seele Stimmkreisabgeordnete, auch weiterhin werde ich mich um jedes Straßenschild kümmern, wo eine Sorge existiert, und überall vor Ort aufkreuzen, sofern es zeitlich machbar ist. Wenn man Ministerin ist, ist es wichtig, den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren.

-Stichwort Basis – stimmt die Anekdote, dass Ihre politische Karriere 1988 fast im Keim verblüht wäre, weil Sie bei Ihrem Erstkontakt zur JU angeblich zu schüchtern waren?

Ja, richtig. Nach meinem Umzug von Taufkirchen nach Unterhaching wollte ich politisch mitdiskutieren, hatte eine gewisse Nähe zur Jungen Union festgestellt und deshalb deren damaligen Vorsitzenden Michael Stiller (heute Vorsitzender des CSU-Ortsverbands; . Red.)angerufen – der lud mich zu einem Grillfest im Ortspark ein. Dort waren aber nur junge Männer – ich habe mich nicht getraut und bin wieder weggegangen. Aber er ließ nicht locker, vereinbarte ein neues Treffen mit einer JU-lerin, und dann klappte es. Man kann es sich heute nicht vorstellen, aber ja: Ich war mal sehr schüchtern.

-Heute sind Sie eher der Typ, der selbstbewusst zu persönlichen Ansichten steht und auch mal aneckt?

Wir haben zu viele Politiker, die jedem alles recht machen wollen. Ich gehöre zu denen, die offen und ehrlich sagen, wenn etwas nicht geht. Damit mache ich bisweilen Menschen nicht glücklich. Wir müssen uns als Gesellschaft entscheiden: Wollen wir ehrliche Politiker haben – oder solche, die zwar gut klingen, aber am Ende des Tages knapp an der Wirklichkeit vorbeilaufen. Für mich ich wichtig, dass ich ehrlich bleibe und gegebenenfalls auch mal sage: Das werde ich nicht umsetzen können oder wollen. Dieser Maxime bin ich immer treu geblieben in dem Wissen, dass ich damit auch mal Leuten auf die Zehen steige.

Für Familien und Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, will sich Kerstin Schreyer besonders einsetzen.

-Wie vor einiger Zeit bei Facebook?

Ich erlaube mir, bei Facebook einen privaten Account zu haben und eine offizielle Seite. Weil ich glaube, dass auch Politiker einen Recht auf Privatsphäre haben, und weil Facebook nicht davon lebt, dass man ausschließlich Pressemitteilungen verteilt: Man muss auch mal etwas Humorvolles schreiben können.

-Wenn man die Flut aktueller Pressemitteilungen sieht: Es entsteht der Eindruck, Sie sind fast rund um die Uhr unterwegs.

Viel weniger ist es auch nicht. Meine Arbeitsstruktur war schon immer sehr anspruchsvoll, und ich bekomme netterweise immer drei Aktenkoffer mit nach Hause, damit ich rundum versorgt bin und nicht vergesse, dass ich Ministerin bin.

-Wie klappt das mit Familie und Beruf? Sie sind geschieden, haben ein Kind, sprechen aber nicht von „alleinerziehend“, sondern „Ein-Eltern-Familie“.

Diese fachlich-begriffliche Unterscheidung basiert auf meinem Studium: Ist der Begriff „alleinerziehend“ nicht stigmatisierend, weil es für Kinder in der Regel trotzdem meist einen Vater und oft auch Großeltern als Bezugspersonen gibt? „Alleinerziehend“ klingt immer nach reduziert und erscheint weniger wert. Aus dieser Stigmatisierung müssen wir raus. Diese Form der Erziehung ist nicht weniger, sie ist nur anders.

-Und dieses Andere funktioniert bei Ihnen gut?

Als ich in den Landtag kam, war meine Tochter zweidreiviertel Jahre alt, heute ist sie zwölf – das ist eine andere Situation. Jeder darf versichert sein: Meine Tochter bekommt alles, damit es ihr gut geht. Wenn sie Geburtstag hat, sage ich alle anderen Termine ab: Jedes Kind hat ein Recht auf seine Eltern.

-Sie sind auch Vorsitzende der CSU-Familienkommission. Darin heißt es, man wolle den Menschen wieder „Mut zur Familie machen“. Wie geht das?

CSU-Familienpolitik zu machen ist ein Stück weit etwas anderes als meine Aufgabe als Staatsministerin. Als solche schaue ich mir die unterschiedlichen familiären Lebensformen an: Wo können wir Familien, in welcher Form auch immer sie leben, verstärkt unterstützen? Ich greife ich mir die Ein-Eltern-Familien und die Familien mit vielen Kindern heraus, denn da ist noch Luft nach oben.

-Eine Thema, das auch moderne Arbeitszeitmodelle betrifft.

Da tut sich in Bayern gerade so richtig viel, weil wir Vollbeschäftigung haben und die Unternehmen qualifizierte Arbeitskräfte suchen. Deshalb schaffen sie Kinderbetreuungseinrichtungen, Arbeitszeiten werden plötzlich stark flexibilisiert, es gibt Home Office. Heute müssen die Firmen oft ganz schöne Aufschwünge machen, um passende Mitarbeiter zu finden.

-Bei Ihnen ist bekannt, dass Sie von Horst Seehofer protegiert wurden. Wie ist das Verhältnis zum neuen Ministerpräsidenten?

Ich habe den Luxus, dass ich mit beiden kann – sowohl mit Horst Seehofer als auch mit Markus Söder. Sie sind beide völlig unterschiedliche Typen Mensch. Aber ich habe als Sozialpädagogin gelernt, Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zu schätzen. Ich schätze beide sehr und komme mit beiden sehr gut aus.

-Auf regionaler Ebene hat es mehr gerumpelt. 2008 wollte Ihnen Georg Fahrenschon unerwartet die Landtagskandidatur streitig machen; 2013 gab es gegen den Bundestagsabgeordneten Florian Hahn eine Kampfabstimmung um den CSU-Kreisvorsitz, Sie waren unterlegen. Spüren Sie heute Genugtuung, als Ministerin weiter gekommen zu sein als die beiden?

Aus dem Landkreis München ist seit 1946 jetzt zum zweiten Mal jemand Ministerin geworden, darauf bin ich stolz. Und ich freue mich, dass sich ganz viele Menschen mit mir freuen. Ansonsten darf es in einer Partei immer mal Kampfkandidaturen geben und Wettbewerb. Innerparteilich bin ich, wie Sie schon sagten, unterlegen – beim Bürger noch nie! Das ist das Schöne: Immer, wenn ich beim Bürger zur Abstimmung stand, bin ich gewählt worden. Das ist Demokratie.

-Die innerparteilichen Niederlagen wurmen Sie also nicht?

Bei der CSU im Landkreis München haben wir den Luxus, über viele gute Leute zu verfügen, sodass Posten nicht im Hinterzimmer ausgemauschelt werden, sondern die Mitglieder die Möglichkeit einer echten Wahl haben. Und genauso stelle ich mir Demokratie in der CSU vor.

-Die schwierige Herausforderung als Sozialministerin besteht nun unter anderem auch darin, dass schon nach der Landtagswahl im September, sollte die CSU die absolute Mehrheit verlieren, eine neue Situation entstehen könnte. Wie gehen Sie damit um?

Es ist richtig, ich habe keine fünf Jahre Zeit zur Verfügung, um Dinge zu entwickeln, sondern erst mal 200 Tage.

-Stört es Sie als strategisch denken Menschen, nicht langfristig arbeiten zu können?

Politik ändert sich im Minutentakt, das kenne ich seit 20 Jahren. Und mache es deshalb so wie immer: Ich plane alle Maßnahmen, die ich langfristig angehen möchte, mache das, was sofort gemacht werden muss, eben sofort. Und dann entscheidet der Wähler: Bekommt die CSU den Auftrag, dies fortzuführen oder nicht? Aktuell habe ich keinen Zweifel, dass der Wähler nicht erkennt, mit welch gutem Kabinett er ausgestattet ist.

-Was sind die Ziele bis September?

Mir sind mehrere Bereiche wichtig. Erstens der Zusammenhalt der Gesellschaft – unsere Aufgabe ist, Ansprechpartner zu sein für diejenigen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Wo also müssen wir stärker den Menschen helfen, die sich nicht selbst helfen können oder in eine Notlage geraten sind? Der zweite Bereich sind Familien – wie können wir unterschiedliche Familienformen besser unterstützen? Im Sozialbereich müssen wir uns stärker das Thema Armut und Obdachlosigkeit anschauen: Liegt es an sozialen Härten? Oder sind diese Menschen psychisch so beeinträchtigt, dass sie den Weg in die Gesellschaft nicht mehr gefunden haben? Wobei wir nicht nur die finanzielle, sondern auch die seelische Armut berücksichtigen müssen – man kann schnell vereinsamen, wo müssen wir da ansetzen? Meine Aufgabe ist es, Denkprozesse anzustoßen und Lösungen zu entwickeln.

-Einst wollten Sie nicht Berufspolitikerin werden, jetzt sind Sie Ministerin. Was wäre der nächste Schritt: ein Posten in Berlin?

Nein, ich habe immer gesagt: Mein Herz schlägt in Bayern, ich will nicht nach Berlin.

Das Gespräch führte
Martin Becker.

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