Terrorangst?

Nachfrage nach Waffen explodiert

Garching - Die Nachfrage nach dem „Kleinen Waffenschein“ boomt: Insgesamt 106 solcher Genehmigungen hat das Landratsamt im vergangenen Jahr ausgestellt. Ein neuer Rekord. Besonders nach den Attentaten in Paris ist die Zahl der Neuanträge nach oben geschnellt. Unverständlich für viele Experten, die zu Alternativen raten.

So viele Bürger wie nie zuvor beantragten 2015 im Landkreis München den sogenannten „Kleinen Waffenschein“. Dieser berechtigt zum Führen von erlaubnisfreien Schusswaffen in der Öffentlichkeit. In diese Kategorie fallen Gas-, Schreckschuss- und Signalwaffen (SGS-Waffen) mit dem amtlichen Prüfzeichen „PTB“. Wer eine solche Waffe ohne entsprechende Genehmigung mit sich führt, macht sich strafbar.

Speziell in den Wochen nach den Anschlägen in Paris schnellte die Zahl der Neuanmeldungen drastisch nach oben. Allein 48 der 106 Anträge im vergangenen Jahr gingen in diesem Zeitraum beim Landratsamt in München ein. Das entspricht einer Steigerung von 240 Prozent im Vergleich zu den Vormonaten. Insgesamt sind im Landkreis damit 1003 Personen im Besitz des „Kleinen Waffenscheins“ (Stand: 08.01.2016).

Ein Rekordhoch – und die Nachfrage reißt nicht ab. „Es ist irre, wie das momentan explodiert“, sagt Reinhard Templer, Gruppenleiter der Abteilung Waffen- und Sprengstoffrecht im Landkreis. Zehn bis 15 Anrufe gehen pro Tag im zuständigen Fachbereich des Landratsamts ein. Meist gehe es dabei nur noch um letzte Informationen über das Antragsverfahren. Der eigentliche Antrag ließe meist nicht lange auf sich warten.

Um den „Kleinen Waffenschein“ zu erhalten, muss man nicht viele Voraussetzung erfüllen. Neben einem Personalausweis und 100 Euro Antragsgebühr benötigt der volljährige Antragssteller, laut Waffengesetz, einen Nachweis seiner Zuverlässigkeit – in Form des Führungszeugnisses – sowie eine Bestätigung der persönlichen Eignung. Die erfolgt über ein einfaches Formular, ähnlich dem Antrag für eine Krankenversicherung. Dabei geht es vor allem um eine mögliche Drogen- oder Alkohol-Abhängigkeit und psychische Krankheiten. Aspekte, die bei der Anmeldung genau beachtet werden, allerdings „ganz schwer zu prüfen sind“, wie Templer anmerkt.

Wirklich verstehen kann er die hohe Nachfrage nicht so recht. Denn abfeuern darf man die Waffe außerhalb der eigenen vier Wände oder eines Schießstandes eigentlich sowieso nicht. Und selbst im äußersten Notfall ist zu bezweifeln, dass die Waffen einen Nutzen haben.

Gefährlich sind sie nur auf sehr kurze Distanz, dann jedoch sei es im Ernstfall meist schon zu spät, die Waffe überhaupt zu ziehen. In den meisten Fällen, vermutet Templer daher, gehe es eher um den psychologischen Effekt als um den praktischen Nutzen: Das subjektive Gefühl der Sicherheit. 

Trügerische Sicherheit

Doch selbst diese Wirkung zweifelt Roland Zobel vom Verband Deutscher Büchsenmacher (VDB) an: „SGS-Waffen verbessern den Sicherheitsstatus nicht.“ Die Begründung leuchtet ein: Pistolen dieser Art seien nun mal „nicht besonders gefährlich“, könnten einen möglichen Täter allerdings zusätzlich provozieren. Aus der angedachten Schutzvorkehrung wird so ein Aggressionsverstärker. „Sie sind definitiv das falsche Mittel, um sich zu schützen“, sagt Zobel.

Reizgas ist sinnvoller

In einem wirklichen Notfall, so sind sich die beiden Experten einig, seien CS-Gas-Sprays (Tränengas), ein Schrill-Alarm oder ein Elektroschocker „sinnvoller und effektiver“. Der VDB weist Waffenhändler daher an, Kunden bei der Beratung auf diese Alternativen aufmerksam zu machen.

Auch bei Personenkontrollen durch die Polizei könnte die mitgeführte SGS-Waffe für eine gefährliche Verwechslung sorgen. „Auf den ersten Blick erkennt man nicht, ob es sich um eine Gas-Pistole oder eine echte Waffe handelt“, sagt Reinhard Templer.

Albert Bauer, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Ottobrunn, warnt dringend davor, derartige Waffen mit sich zu führen. Entdecken Beamte bei einer Kontrolle eine solche Pistole, „wird mit äußerster Vorsicht vorgegangen. Das kann ganz schnell zu einem Missverständnis führen.“

Dass viele der Antragssteller zudem „keinerlei Erfahrung“ im Umgang mit Schusswaffen haben, bestärkt den Waffenexperten des Landratsamtes, Reinhard Templer, in seiner Meinung: „Die Leute unterschätzen das Risiko und gefährden sich eher selbst, als sich zu schützen.“ Florian Prommer

Rubriklistenbild: © Foto: Oliver Killig/dpa

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