24 Nationen auf dem Pausenhof vereint

- Haar (erl) - "Ich möchte meine Sprache nicht vergessen." Fredas dunkle Augen strahlen, als sie diesen Satz voller Stolz und in gutem Deutsch sagt. Die Muttersprachen der 13-Jährigen: Kerundi und Swahili. Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass sie mit ihrer Familie aus Burundi/Afrika nach Bayern gezogen ist - und Freda gefällt es hier ausgesprochen gut. Doch wenn sie mit ihrer Mutter spricht, ist sie ihrer ursprünglichen Heimat wieder nahe. Freda ist mit diesem Gefühl nicht alleine: An der Hauptschule Haar gibt es 125 Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Für sie und alle anderen, die ihre Muttersprache auch fernab ihrer Heimat pflegen und trotzdem die Sprache ihres neuen Zuhauses lernen, ist der heutige "Internationale Tag der Muttersprache" gedacht. Vor sechs Jahren hat ihn die UNESCO zum ersten Mal ausgerufen.<BR>

Bunt geht es zu am Pausenhof der Haarer Hauptschule. Nicht nur unterschiedliche Hautfarben machen das Bild lebendig, auch für die Ohren klingt es äußerst interessant: spanisch, chinesisch, arabisch, mongolisch, türkisch, vietnamesisch, bulgarisch, englisch - 24 Nationen vereinen sich hier. Schon seit den 80er-Jahren sammeln sich in drei so genannten "Ü-Klassen" die Kinder und Jugendlichen aus dem ganzen Landkreis, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Konrektorin Christa Beyer leitet eine dieser Klassen seit 13 Jahren - mit großer Begeisterung. Respekt voreinander - damit funktioniert das Durcheinander der Nationen sehr gut. Die Kinder aus allen Kontinenten sind laut Beyer und Rektor Hans Schmidt eine wahre Bereicherung. "Sie erzählen von ihrer Heimat, und wir feiern zusammen die besonderen Feste ihrer Nationen", schwärmt die Konrektorin. Und: 95 Prozent dieser Kinder sind unglaublich wissbegierig - nicht nur was ihre neue Sprache anbelangt.<P>"Deutsch ist schwer, schwerer als Chinesisch", erklärt die 16-jährige Fen trotzdem - und erntet dafür große Zustimmung von ihren Klassenkameraden. "Aber Deutsch ist schöner", betont der 13-jährige Ägypter Mohamed. Seine Muttersprache Arabisch kann er auf dem Pausenhof nur selten sprechen, gerade einmal mit seiner Klassenkameradin Sabine (16), deren Mutter Libanesin ist. Die Unterrichtssprache ist ohnehin Deutsch, darauf legt Christa Beyer großen Wert - auch wenn sie den Erhalt der Muttersprache als wichtigen Teil der eigenen Identität sieht. Doch das funktioniert nicht immer. "Manche vergessen im Laufe der Zeit ihre Muttersprache", bedauert sie. Doch es gibt auch das umgekehrte Phänomen - wenn auch selten. "Es gab Schüler, die sich schlichtweg weigerten Deutsch zu lernen." Diese Kinder wurden alle gegen ihren Willen nach Deutschland verpflanzt und zeigten mit der Sprachverweigerung ihren stummen Aufstand. Doch die meisten machen ihren Weg: Sie lernen Deutsch, viele wechseln schnell in weiterführende Schulen, bestehen das deutsche Abitur mit Bravour.<P>Manchmal gibt es auch Probleme: Die 17-jährige Lan Anh aus Vietnam hätte beinahe nicht zur Mittleren Reife antreten können, da in Bayern kein Lehrer zu finden war, der vietnamesisch spricht. "Die Mittlere Reife darf man in der Muttersprache ablegen", erklärt Schmidt. Doch es gibt ein Happy End: Lan Anh tritt per Fernprüfung ihren Abschluss an. In einem sind sich die Jugendlichen trotz unterschiedlicher Nationalität einig: Beim Schimpfen fallen alle in ihre Muttersprache zurück. Nur Davaa aus der Mongolei nicht immer: Deutsch hätte einfach die tolleren Schimpfworte, erklärt er.Claudia Erl<P>

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