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Behörden bremsen Pflege-Anwerbung aus

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Von: Charlotte Borst

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Sehen die Unterlagen der tunesischen Pflegekräfte durch: AWO-Geschäftsführer Hans Kopp und Referatsleitung Seniorenpflege Maike Hessel.
Sehen die Unterlagen der tunesischen Pflegekräfte durch: AWO-Geschäftsführer Hans Kopp und Referatsleitung Seniorenpflege Maike Hessel. © AWO

Die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte im Landkreis München gerät durch bürokratische Hürden ins Stocken.

Landkreis - Sie werden in den Pflegeheimen gerade dringend gebraucht. Doch die tunesischen Pflegekräfte, die die AWO-München im Juli angeworben hat, warten noch immer auf ihre Visa. Hohe bürokratische Hürden verzögern ihre Einreise.

Im August hat die AWO-München die Arbeitserlaubnis für die Verstärkung aus Tunesien beantragt. Geschäftsführer Hans Kopp konnte im Juli dank der Vermittlung der Deutschen Botschaft in Tunis neben 20 Auszubildenden auch zwölf ausgebildete Pflegekräfte rekrutieren. Wäre alles nach Plan gelaufen, wären die Tunesier läängst da. „Wir haben gehofft, dass sie Anfang November bei uns anfangen. Aber wenn es so weitergeht, wird es Februar oder März, bis sie endlich Visa haben und einreisen dürfen“, beklagt Kopp.

Der Pflegenotstand sei bei der AWO zwar noch nicht akut, doch es gibt bundesweit Engpässe. Kopp will in den elf AWO-Seniorenzentren in München, Oberschleißheim und Neubiberg rechtzeitig gegensteuern.

Die angeworbenen Fachkräfte haben ein dreijähriges Studium in Tunesien mit dem Bachelor abgeschlossen, doch in ihrer Heimat haben sie keine passende Arbeit gefunden. Auch für die Auszubildenden gibt es wenig Perspektiven. „In Tunesien ist jeder zweite Jugendliche arbeitslos“, berichtet Kopp, „gleichzeitig ist Tunesien ein halbdemokratisches Land, und die Menschen haben ein gutes Frauenbild. Wir meinten, politisch korrekt zu handeln.“

Anwerbung wird mit zu hohen Anforderungen überfrachtet

Deswegen wagte die AWO eine Anwerbung außerhalb der EU, was die Bundesregierung eigentlich auch unterstützt. Im Juli schloss die AWO mit den tunesischen Bewerbern tarifliche Arbeitsverträge. Ausweise, Abschlüsse, Arbeitszeugnisse und die Nachweise der Deutschkenntnisse wurden unter Mitwirken der AWO kopiert, übersetzt und bei den bayerischen Behörden eingereicht. Für die beschleunigte Anerkennung der Berufsausbildung ist nun die Regierung von Mittelfranken in Nürnberg zuständig.

Beschleunigtes Anwerbeverfahren: Umsetzung auf Landesebene hakt

Eigentlich wollte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Sommer 2019 den Pflegenotstand durch das beschleunigtes Verfahren entschärfen. Doch die Umsetzung auf Landesebene hakt offenbar: „Die Behörden prüfen vorab bei jedem einzelnen Bewerber, ob seine Qualifikation dem Standard der bayerischen Ausbildung entspricht“, kritisiert Kopp, „der Arbeitsaufwand ist mit 500 bis 1500 Stunden beträchtlich.“

Sorge, dass Interessenten wegen quälend langer Wartezeiten abspringen

Dass die Mühlen der Bürokratie so langsam mahlen, sei „kontraproduktiv“, kritisiert Kopp. Er fürchtet, dass die Tunesier mürbe werden und abspringen. „Ich habe gar nichts gegen Verwaltungsabläufe, aber die Qualität der Ausbildung kann man vor Ort besser feststellen“, schlägt er vor.

Erst einreisen, dann Ausbildung angleichen

Die AWO möchte die Tunesier zunächst als Pflegefachhelfer anstellen, weiterbilden und sie – sobald die Inhalte an der Krankenpflegeschule nachgeholt sind –, als Pflegefachkraft beschäftigen. „In einer so angespannten Situation wie derzeit muss man nicht alles doppelt und dreifach pingelig prüfen“, sagt Kopp, „es gibt ein hohes politisches Interesse, die Situation in der Pflege zu verbessern.“ Dass die Examen echt sind, sei ihm natürlich auch wichtig, betont Kopp, „aber Lücken in der Ausbildung können hier in Deutschland besser festgestellt werden. Diese Kultusbürokratie ist zu schwerfällig.“

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