Luftreiniger in Klassenzimmer.
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Die Schutzwände mit umlaufender Kante und die Luftreiniger sind in der Grundschule Neubiberg seit November 2020 im Einsatz. Bürgermeister Thomas Pardeller hat sich das Gerät erklären lassen.

Christian Kähler rät zu Technologie, damit die Schulen im Herbst offen bleiben

Bundeswehruniversität rät: „In jeden Klassenraum einen Luftreiniger“

  • Charlotte Borst
    VonCharlotte Borst
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Eine gute Vorbereitung auf den Winter ist vonnöten, wenn eine nochmalige Explosion der Coronafallzahlen unter den Schülern verhindert werden soll. Dazu hat die Bundeswehruniversität Neubiberg längst verlässliche Studien erarbeitet, die Luftreiniger empfehlen.

Landkreis – Der nächste Herbst steht bevor. Die Delta-Variante ist in aller Munde, auch die aggressive Lambda-Variante ist in Europa aufgetreten. Professor Christian Kähler erforscht an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg, wie sich Aerosole in der Raumluft ausbreiten, und wie man sich vor Viren schützen kann. Sein Fachgebiet ist gefragt wie nie zuvor, Seit über einem Jahr fordert der Physiker, die Klassenzimmer mit Luftreinigern auszustatten. Firmen und Einrichtungen aus aller Welt suchen seinen Rat. Doch immer noch zögern viele Kommunen und Schulen, die Luftreinigungsgeräte zu bestellen.

Die Sommerferien stehen bevor. In vielen Kommunen wird noch immer über die Luftreinigern diskutiert. Ist es nicht höchst Zeit, sie zu bestellen?

Wenn man will, dass die Schulen offen bleiben, muss man sich um technische Mittel kümmern. Leistungsstarke Luftreiniger sind mit Abstand die sicherste Methode, um Schüler und Lehrer vor Ansteckung in Innenräumen zu schützen. Allerdings schützen sie nur vor indirekter Infektion. Sie sorgen dafür, dass die Virenlast in der Raumluft niedrig bleibt. Wer sich länger mit seinem Nachbarn unterhält, kann sich direkt infizieren. Da helfen nur transparente Schutzwände und Masken, wenn man sich im Raum bewegt. Die Kombination aus Raumluftfilter, Schutzwänden und Masken bringt Sicherheit.

Wer meldet sich, wer sucht Ihren Rat?

Unternehmen aus der Privatwirtschaft, Bürgermeister aus ganz Deutschland, Behörden. Die Liste ist lang. In großen Firmen hat man verstanden, dass man mit Wissenschaft und Technologie Sicherheit erhält. In Parlamenten sieht man Schutzwände und Luftfilter und in Ministerien sind die Luftreiniger längst Standard. Die Polizei hat für ihre Polizeischulen rund 500 Geräte gekauft. Eine private kirchliche Schule hat gerade 600 Geräte angeschafft. Die Luftreiniger-Technologie wird uns in Zukunft begleiten und sich über Jahre bewähren, Sie wird auch in Restaurants, Kulturbetrieben, Bürgerhäusern eingesetzt werden, weil man sich dadurch auch vor neuen Virusvarianten schützen kann. Impfen ist nur ein Baustein.

Woran liegt es, dass noch nicht alle Schulen ausgerüstet sind?

Die Einrichtungen und Firmen, die selber über Mittel verfügen, haben sofort reagiert. In Schulen, Pflegeheimen und Kindergärten geht es zu langsam voran. Die Förderprogramme, die es fast in allen Bundesländern für Schulen gibt, sind mit hohen bürokratischen Hürden verbunden, die Mittel sind schwer abrufbar. Das finde ich extrem bedenklich.

Wird für die Kinder zu wenig investiert?

Es ist ein wahnsinniger Widerspruch, dass die Kinder, die nicht geimpft werden, nicht angemessen geschützt werden, wo sie obendrein die Schulden abzahlen müssen, die durch die Pandemie aufgehäuft werden.

Was halten Sie von dem Argument, dass man die Klassenzimmer ja über die Fenster lüften kann?

Das ist totaler Unsinn. Freies Lüften bietet nur wenig Sicherheit. Es scheitert an den Menschen und an der Physik. Die Menschen machen es nicht konsequent und ausreichend, weil das Lüften den Unterricht unterbricht, und es im Winter ungemütlich kalt wird und zieht. Physikalisch funktioniert die Fensterlüftung auch nur bei Wind oder, solange es einen Temperaturunterschied zwischen draußen und drinnen gibt. Wenn die Temperatur innen und außen ausgeglichen ist, funktioniert der Luftaustausch nicht mehr. Dass die Schulen über Monate geschlossen wurden zeigt doch ganz klar, dass das Lüftungskonzept des Umweltbundesamtes gescheitert ist. Dass das Amt weiterhin an seinem gescheiterten Konzept festhält, ist für mich nicht nachvollziehbar. Es geht dem Umweltbundesamt offenbar nicht um den Schutz der Menschen, sondern darum wer sich durchsetzt – also um Macht und Einfluss.

Oft heißt es auch: Luftreiniger sind zu teuer.

Die Schulen mit Luftfiltern auszurüsten, würde bundesweit 1,5 Milliarden Euro kosten. Wenn man sich anschaut, was sonst in die Industrie geflossen ist, um Unternehmen zu stützen, kann man nicht verstehen, warum es nicht längst in jedem Klassenzimmer ein Gerät gibt. In New York City sollen bis September alle 56 000 Klassenzimmer mit Luftreinigern ausgerüstet werden, und Herr Söder will alle Klassenzimmer und Kitas in Bayern mit den Geräten ausstatten. Das ist sehr zu begrüßen und absolut richtig.

Worauf muss man bei den Luftreinigern achten?

Man braucht einen Raumluftfilter, der pro Stunde mindestens das Sechsfache des Raumvolumens filtern kann. Es sollte ein H13- oder H14-Filter integriert sein, der geprüft ist nach der europäischen Lüftungsnorm EN 1822-1. Drittens sollte das Gerät bei maximaler Leistung nicht lauter als 52 Dezibel sein.

Empfehlen sie die kleinen mobilen Geräte oder eher die großen?

Die großen Geräte, die 1200 Kubikmeter Luft pro Stunde reinigen, sind leiser und besser für Klassenzimmer geeignet als die kleinen, die nur 330 Kubikmeter pro Stunde filtern. Ein gutes Gerät erhält man ab 2000 Euro. Man braucht vier kleine Geräte, um den gleichen Volumenstrom umzusetzen, was teurer ist. Die kleinen günstigen Geräte kann man sich also sparen, deren Filter sind schnell verdreckt, der Wartungsaufwand ist zu groß, am Ende zahlt man mehr. Die sind eher für den privaten Haushalt geeignet. Die Kommunen bekommen nur ein Mal Fördermittel zur Ausstattung der Klassen, da sollten sie auf Qualität setzen und große, leistungsstarke Geräte kaufen.

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