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Für das rot umrandete Areal im Norden und Osten von Infineon hat die Gemeinde Neubiberg den Flächennutzungsplan geändert, um eine Bebauung zu ermöglichen. 

Bürgerinitiative hat sich gegründet

Große Sorge um die Frischluftschneise: Widerstand gegen Neubibergs Baupläne

  • Martin Becker
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Die Gemeinde Neubiberg will massiv in den regionalen Grünzug eingreifen und auf knapp 25 Hektar Fläche Wohn- und Gewerbebebauung ermöglichen. Gegen diese Pläne regt sich massiver Widerstand. Auch eine Bürgerinitiative hat sich gegründet. 

Neubiberg– Das bunte Blatt Papier trägt den Titel „Strukturkonzept Hachinger Tal“ und ist datiert vom 1. April 2019. Viele sähen gern, dass es sich um einen Aprilscherz handelt, doch das ist nicht der Fall: Die Gemeinde Neubiberg will massiv in den regionalen Grünzug eingreifen und auf knapp 25 Hektar Fläche Wohn- und Gewerbebebauung ermöglichen. Gegen diese Pläne regt sich massiver Widerstand. Im August hat sich die Bürgerinitiative „Frischluftzufuhr für München“ gegründet mit inzwischen über 700 Unterzeichnern, vor allem aus Neubiberg und Unterhaching. Das umstrittene Vorhaben der Nachbarkommune ist an diesem Mittwoch (18 Uhr) auch Thema in der öffentlichen Sitzung des Unterhachinger Gemeinderats.


Als im Jahr 2001 damit begonnen wurde, das heutige Infineon-Areal unmittelbar an der A 8 zu bauen, gab es im Regionalen Planungsverband eine intensive Diskussion darüber, inwiefern der Firmenkomplex eine Gefahr für die Frischluftzufuhr in Richtung München darstelle. Der Konsens damals: Infineon erhielt klare Vorgaben für die Gebäudestruktur, damit der Kaltluftstrom aus dem Alpenvorland nicht in Neubiberg ausgebremst wird; die freien Flächen ringsherum, so hieß es, sollten als regionaler Grünzug erhalten bleiben.

Bis zu 2300 zusätzliche Einwohner für Neubiberg

Genau dieser Ansatz ist jetzt aber in Gefahr. Zusammen mit der Landeshauptstadt München bastelt Neubiberg an einem interkommunalen Strukturkonzept, das die Bebauung des regionalen Grünzugs vorsieht – auf den Feldern im Ortsteil Unterbiberg nördlich und östlich von Infineon sowie im Stadtgebiet München südlich der Forschungsbrauerei. Allein für Neubiberg sind, sofern sich der Hochwasserschutz am Hachinger Bach umdefinieren lässt, acht Hektar Fläche für Wohnbebauung (bis zu 2300 zusätzliche Einwohner) vorgesehen sowie 17,7 Hektar für Gewerbe mit insgesamt über 200 000 Quadratmetern Geschossfläche.

„Das ist ein absoluter Hammer“, sagt die Unterhachinger Landtagsabgeordnete der Grünen, Claudia Köhler. Wie sie fürchtet auch Thomas Kiesmüller, der Sprecher der Bürgerinitiative, um eine Verschlechterung des Bioklimas. „Die Frischluftzufuhr und damit das Wohlergehen von mehr als 100 000 Menschen stehen auf dem Spiel“, sagt Kiesmüller. „Alle Welt diskutiert über Klimaschutz – würde hier der regionale Grünzug zugebaut, wäre das total kontraproduktiv.“

Neubibergs Bürgermeister wiegelt ab

Der Bürgermeister von Neubiberg, Günter Heyland (FW.N@U), wiegelt ab. Ja, es stimme schon: „Wir knabbern den Grünzug an“, gibt Heyland auf Nachfrage des Münchner Merkur zu. „Aber wir wollen nicht auf ,Teufel komm raus‘ die Natur zerstören. Schließlich liegt es auch in unserem eigenen Interesse, den regionalen Grünzug zu erhalten.“

Rund um die Anschlussstelle Neubiberg befinden sich entlang der A8 riesige Grünflächen, die bislang als Frischluftschneise für den Südosten der Landeshauptstadt München dienen. 

Das interkommunale „Strukturkonzept Hachinger Tal“ solle „geradezu modellhaft und vorbildlich“ Ansätze aufzeigen, die „eine nachhaltige Entwicklung im Übergangsbereich“ zwischen München und dem Umland ermöglichen. Es gelte, erläutert Heyland, „stimmige und zukunftsfähige Antworten zu finden“ auf viele Fragen: Der Bürgermeister nennt weiteren Wohnungsbau und gewerbliche Entwicklung, Qualifizierung des regionalen Grünzugs, Verkehrsinfrastruktur, Hochwasserschutz am Hachinger Bach sowie Erhalt von Natur. „Die vertieften Untersuchungen und erste konkretere Planungsansätze werden voraussichtlich im Laufe des Jahres 2020 vorgestellt werden können“, sagt Heyland.

Fakt ist: Schon jetzt laufen auf den Flächen, die überwiegend dem milliardenschweren Familienkonglomerat „Finck & Winterstein“ gehören, durch eine Fachfirma Baugrunderkundungen mit insgesamt 20 vom Landratsamt genehmigten Bohrungen.

Bürgerinitiative verlangt Einsicht in klimaökologische Untersuchung

Als Reaktion auf das „Strukturkonzept Hachinger Tal“ hat sich am 19. August 2019 die „Bürgerinitiative Frischluftzufuhr München“ gegründet. Ihr Sprecher Thomas Kiesmüller bezeichnet die Arbeit als „parteiübergreifend, ehrenamtlich und faktenorientiert“. Auf ihrer Webseite frischluftzufuhr-muenchen.de bündelt die Bürgerinitiative zu dem ihrer Ansicht nach „problematischen Planungsverfahren“ diverse Infos, unter anderem die offiziellen Unterlagen aus Neubiberg und München. Ziel der Initiative ist es, „die Frischluftschneise Hachinger Tal im Südosten Münchens bei Unterbiberg von weiterer Bebauung freizuhalten“. Zu den Aktivitäten gehören Anträge in Bürgerversammlungen, Kontaktaufnahme mit Kommunalpolitikern und Behörden – auch Landrat Christoph Göbel ist schon angeschrieben worden. Mit einer Unterschriftenliste will die Bürgerinitiative ihrem Protest Nachdruck verleihen; über 700 Menschen, viele aus Unterhaching und Neubiberg, haben sich schon eingetragen. Eine Forderung lautet, dass eine schon durchgeführte und angeblich unter Verschluss gehaltene klimaökologische Untersuchung schon jetzt und nicht erst Ende 2020 veröffentlicht wird.

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