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Mit einer Trommeleinlage sorgen die Mitglieder des „Traumhauses“ für Stimmung bei der Jubiläumsfeier.

35 Jahre Arbeitskreis Eltern behinderter Kinder

Traumhaus für ein neues Lebensgefühl

Neubiberg - Tilman Baumgartner liebt es, auf eigene Faust etwas zu unternehmen und auch mal ohne seine Eltern unterwegs zu sein. Selbstverständlich ist das für ihn nicht, denn Tilman (33) ist geistig beeinträchtigt.

Der Club „Traumhaus“ des Arbeitskreises „Eltern behinderter Kinder Neubiberg“ bietet Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Der von betroffenen Eltern gegründete Arbeitskreis feiert in diesem Jahr sein 35-jähriges Bestehen. Neben dem Club „Traumhaus“ organisiert der Kreis weitere Freizeitaktivitäten, wie eine Sport- und Schwimmgruppe und Ausflüge für die ganze Familie. 

Tilman und seine Eltern aus Neubiberg sind seit 1995 Mitglied der Selbsthilfegruppe und dankbar: „Der Arbeitskreis ist für uns Eltern wunderbar“, sagt Barbara Baumgartner, Tilmans Mutter. Von klein auf musste Tilman zu verschiedenen Frühförderungen, wie Krankengymnastik und Logopädie. „Nichts kam von alleine“, betont Baumgartner. Die Familie durchlebte schwere Zeiten: „Er hat früher nächtelang geschrien und wachgelegen, sogar seinen Kopf blutig gerieben.“, erinnert sich Baumgartner. „Da hab ich schon mal gesagt, ich kann nicht mehr.“

"Da hab ich schon mal gesagt: Ich kann nicht mehr"

Heute lebt Tilman in einem Wohnheim, schwimmt leidenschaftlich gern und geht regelmäßig zu den Treffen des Kreises: „Er liebt die Ausflüge und freut sich, seine Freunde wiederzutreffen“, erzählt Baumgartner. Durch den Arbeitskreis erlebt Tilman außerdem viel Offenheit und sucht immer öfter Gespräche, etwa mit jungen Praktikantinnen. „Sprachlich ist er gut, er hat nur Probleme, sich auszudrücken, vor allem seine Gefühle“, erzählt Baumgartner. 

Wie ein zweites Zuhause

Auch seine Freundin Simone lernte Tilman im „Traumhaus“ kennen. Teresa und Remmy Canavire aus München sind mit ihrem Sohn Oliver ebenfalls Mitglieder des Arbeitskreises. Oliver ist 25 Jahre alt und kam mit dem Down-Syndrom auf die Welt. Die Diagnose bekamen die Eltern erst kurz nach Olivers Geburt. „Wir waren zuerst geschockt und wussten nicht, was wir machen sollten“, erzählt Teresa Canavire. „Wir hatten keine Orientierung“. Sie gründeten mit anderen Eltern eine Down-Syndrom-Selbsthilfegruppe und schlossen sich vor 15 Jahren dem Arbeitskreis in Neubiberg an. Oliver lernte andere Jugendliche wie Tilman und Simone kennen und ist heute noch bei den Ausflügen der Gruppe immer dabei. „Es ist sein zweites Zuhause“, betont seine Mutter. 

Ernste Probleme gab es mit Oliver nie. „Anfangs dachten wir, Oliver wird unser Sorgenkind“, erzählt Remmy Canavire. „Aber er ist unser Sonnenschein.“ Im Kindergarten und in der Schule hatte Oliver eine schöne Zeit. Auch in der Behindertenwerkstatt in Berchtesgaden, in der Oliver seit sechs Jahren wohnt und arbeitet, geht es ihm sehr gut: „Er spielt Fußball, schwimmt, ist in der Theatergruppe und arbeitet in einer Kerzenwerkstatt. Er bezeichnet sich selbst als Meister der Kerze“, erzählt seine Mutter lachend. „Oliver braucht seine Arbeit. Wenn er zu lange Zuhause ist, wird ihm langweilig“, betont Remmy Canavire. Alle zwei Wochen kommt er nach Hause, was seine Eltern sehr freut.

Rührende Fußballvergangenheit

Rührend ist Olivers Fußballvergangenheit. Wie seine beiden Brüder David (22) und Carlos (29) spielte er jahrelang beim TSV Neubiberg. Als er irgendwann körperlich nicht mehr mit den anderen mithalten konnte, ernannte ihn der Trainer zum Co-Trainer der Jugendmannschaft. Olivers Mutter Teresa Canavire erinnert sich strahlend: „So konnte er immer dabei sein.“

Der Arbeitskreis

Der Arbeitskreis „Eltern behinderter Kinder, Neubiberg“ ist eine Selbsthilfegruppe betroffener Eltern, die 1981 gegründet wurde. Sie besteht aus insgesamt 70 Familien, die im Südosten von München leben. Die Kinder der Mitglieder sind unterschiedlich alt und haben verschiedene Beeinträchtigungen. Geleitet wird der Kreis ausschließlich von selbst betroffenen Eltern, die sich ehrenamtlich engagieren. 

Ziel des Kreises ist die gegenseitige Unterstützung und der Informationsaustausch untereinander. Beim monatlichen Elternstammtisch können sich besonders Eltern mit entwicklungsverzögerten Kindern über Krankenhäuser, Schulen, Ärzte, Pflegeversicherung oder Frühförderungen austauschen. Außerdem bietet der Kreis viele Freizeitaktivitäten an, sowohl für Menschen mit Behinderung als auch für die gesamte Familie. Kinder und Jugendliche können etwa an der Sport-, Schwimm- oder Psychomotorikgruppe teilnehmen. Der Club „Traumhaus“ bietet nichtbehinderten und behinderten Jugendlichen die Möglichkeit, sich nachmittags zu treffen und gemeinsam etwas zu unternehmen. Außerdem findet regelmäßig ein Disco-Abend im Gleis 3 in Neubiberg statt. Mehrmals im Jahr veranstaltet der Arbeitskreis Ausflüge für alle Mitglieder, etwa zur Zugspitze. 

Die Ansprechpartner des Arbeitskreises sind Hiltrud Coqui, (hil.coqui@t-online.de) und Cornelia Scharnagl (uscharnagl@aol.com).

Josephin Bruhn

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