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Heimelig eingerichtet hat sich Robin Hertscheck bereits in dem Laden, der ohne Wegwerfverpackungen auskommen soll. In einem Gewächsschrank (rechts) zieht er seine eigenen Kräuter heran.

Plastikfrei einkaufen

Unverpacktladen eröffnet samt eigener Kräuterzucht - doch eine Sache fehlt

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Ohne umweltschädliche Wegwerf-Verpackungen sollen Kunden bald in Neubiberg Lebensmittel kaufen können. Was es alles gibt, und wo das Konzept an seine Grenzen stößt: ein Besuch.

Neubiberg – Eine handbemalte Bank aus dem 19. Jahrhundert steht vor dem bodentiefen Fenster, mit Schnitzereien verzierte Holzstühle sind an die Wand genagelt. Die Gegenstände befinden sich nicht in einer hippen Tischlerwerkstatt, sondern im Eingangsbereich des neuen Unverpacktladens in Neubiberg. Des ersten im Landkreis München.

In Robin Hertscheks Supermarkt direkt nebenan dürfen sich Kunden aus einem „Fair-Teiler“ gratis an Lebensmitteln bedienen, die sonst in der Mülltonne landen würden. Nun werkelt der 32-jährige Supermarkt-Inhaber fast täglich bis spät in die Nacht an seinem neuen Nachhaltigkeitsprojekt. Mit Holzpaletten verkleidet er die kahlen Wände, große Lampen schraubt er an die Decke des Ladens, in dem zukünftig regionale und saisonale Produkte plastikfrei und unverpackt verkauft werden sollen. „Ich war in einem Unverpacktladen in München“, sagt der 32-Jährige. „Das Konzept wollte ich unbedingt mit meinem Supermarkt kombinieren.“ Hygienetechnisch sei das jedoch nicht möglich. Außerdem seien die Auflagen im Unverpacktladen viel strenger und die Beratung würde viel Zeit in Anspruch nehmen.

Also entschied sich Hertscheck, die freie Fläche neben dem Supermarkt am Bahnhof eigenständig zum Unverpacktladen umzubauen. Ohne die Hilfe seiner Kunden aus dem Supermarkt würde sich die Eröffnung noch um einige Wochen verzögern. „Viele packen mit an und helfen beim Regaleaufbauen.“ Der Kindergarten Arche Noah aus Waldperlach hat den Fußboden bunt bemalt. Kleine Handabdrücke und auch die ein oder andere bunte Fußspur zieren den Betonboden des Ladens von der Eingangstür bis zum Lagerraum. „Ich will, dass Kinder von Anfang an einen bewussten Bezug zu Lebensmitteln bekommen“, sagt der 32-Jährige. „Sie sollen sehen, das es auch anders geht.“

Selbermacher: Supermarktbesitzer Robin Hertschek hält ein Mini-Glasröhrensilo in der Hand, aus dem Kunden zum Beispiel Müsli oder Getreide abfüllen können.

Eigene Kräuterzucht

Mit Sicherheit anders als im Supermarkt geht es im Unverpacktladen zu. Ein kräuterbepflanzter Gewächsschrank mitten im Raum sticht sofort ins Auge: Beim „Vertical Farming“ werden Kräuter und Salate direkt am Verkaufsort angebaut. „So vermeiden wir lange Transportwege und der Preis bleibt immer gleich“, sagt Hertscheck. Bergkoriander, Blutampfer und Blattsenf sprießen hinter dem Glas. Kräuter, die normalerweise aus Ländern wie Israel importiert werden.

Die regionalen Produkte ergänzen sich mit dem Plastikverzicht zum Gesamtkonzept des Ladens. „An sich ist Plastik nichts Schlechtes“, sagt der Supermarkt-Inhaber. „Solange man es wiederverwendet.“ Vorne am Eingang wird eine Tafel mit einer kurzen Erklärung des Geschäftsprinzips hängen. „Der Plan ist: Jeder bringt seine eigenen Behälter mit“, sagt Hertscheck. Glasflaschen könne man aber auch vor Ort kaufen.

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Keine Fleischtheke

Von Hülsenfrüchten über verschiedene Müslisorten, saisonales Obst und Gemüse bis hin zur Schokolade: Nahezu alles, was ein Haushalt braucht, kann im Unverpacktladen gekauft werden. Sogar eine Maschine zur Herstellung von purem Nussmus, eine Getreidemühle und eine große Auswahl an Bio-Waschmittel, Fettlöser und Seifen finden sich im Sortiment. „Das Getreide kommt von Bauern aus der Region, das Obst und Gemüse vom Bio-Großmarkt“, verspricht Hertscheck. Eine Sache sucht man aber vergeblich im Unverpacktladen: die Fleisch- und Wursttheke. „Da sind die Auflagen zu hoch“, sagt der 32-Jährige. Deswegen sei die Kombination mit dem Supermarkt wichtig. „Erst kann man in den Unverpacktladen gehen“, rät er. „Die Dinge, die dann noch fehlen, kann man nebendran im Supermarkt kaufen.“

So spricht ein Geschäftsmann. Doch der Unverpacktladen soll mehr abwerfen als monetären Profit: Vormittags soll er als Seminarraum für Schüler dienen, um diese im Bereich nachhaltige Lebensmittel aufzuklären. „Wir wollen zusammen mit wenig Aufwand etwas Leckeres kochen“, sagt Hertscheck. „Ohne viel Plastik zu verbrauchen.“ Dafür fehle ihm aber noch die Zusage vom Landratsamt. Das Angebot soll für Schulen und Kindergärten aus der Region kostenfrei sein. Ein genauer Eröffnungstermin steht noch nicht fest. Ende Januar soll es aber nach nur vier Monaten Vorlaufzeit soweit sein.

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