Die Szenen des Mauerfalls bewegen auch noch nach 30 Jahren.
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Die Szenen des Mauerfalls bewegen auch noch nach 30 Jahren.

Vortrag in Neubiberg zum Mauerfall

Fusion von Bundeswehr und Volksarmee: Als Feinde Kameraden wurden

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Der 9. November 1989 war für alle Deutschen ein Schicksalstag. An der Bundeswehruniversität Neubiberg beleuchtete nun ein Vortrag, wie die Militärs den Mauerfall erlebten.

Neubiberg – Als DDR-Politbüro-Mitglied Günter Schabowksi auf einer historischen Pressekonferenz seinen legendären Versprecher tat und verkündete, die innerdeutsche Grenze sei offen, erfasste ein Freudentaumel das Land. Den Einspieler auf Großleinwand enthielt die Vizepräsidentin der Bundeswehruniversität Neubiberg, Rafaela Kraus, dem Publikum des Alumni-Kongresses im Kasino nicht vor. Sie eröffnete die Podiumsdiskussion zu 30 Jahre Mauerfall: Wie gelang die „Armee der Einheit?“

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In Neubiberg war am 10. November „Business as usual“

Die Eingangsrede hielt der Präsident der Bundeswehruni a.D., Jürgen Freiherr von Kruedener (u. li. sowie re. 2.v.r.), der 1989 NV-Soldaten empfing, die Neubiberg besuchten.

Jahrzehntelang standen sich die Nationale Volksarmee (NVA) und die Bundeswehr feindlich gegenüber. Zeitzeugen berichteten von ihren Schicksalen. Zur Wendezeit war Jürgen Freiherr von Kruedener Präsident der Bundeswehruniversität in Neubiberg. Er freute sich sehr, dass ihn seine frühere Wirkungsstätte noch einmal rief. Er betrachtete als Wendezeit das Schlüsseljahr vom 9. November 1989 bis kurz nach der Wiedervereinigung ein Jahr später. Die Mondlandung hat er seinerzeit verschlafen – und auch vom Mauerfall und den Ereignissen in Berlin hatte Kruedener zunächst nichts mitbekommen. Erst tags darauf unterrichteten ihn Mitarbeiter der Universität über die sich überschlagenden Ereignisse der vergangenen Nacht. Der Hype der Begeisterung hatte sich bis Neubiberg kaum fortgepflanzt. Einzelne Mitarbeiter machten sich spontan auf nach Berlin, um sich in den Jubel zu mischen und ein Stück Mauer zu ergattern. Man spürte die Genugtuung, dass das Symbol der Knechtschaft gefallen war. Aber sonst: Kein Glockenläuten in den Kirchen am 10. November, kein „Nun danket alle Gott“, keine Sondersitzung des Senats. „Es war Business as usual.“ Aber warum auch? Die DDR existierte ja noch.

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Viele Fragezeichen bei den Soldaten

Die Freude kam unter den Soldaten der NVA nicht zuerst. „Was soll daraus werden?“ – Diese Frage stellten sich angesichts der angespannten Gemengelage zwischen den beiden Armeen in der Übergangsphase alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion. Die Zusammenführung von NVA und Bundeswehr gestaltete sich kompliziert, man war auf die Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft im Osten angewiesen – da die Volksarmee aufgelöst wurde. Die Soldaten waren bis dahin laut Freiherr von Kruedener indoktriniert, im Westen und in der Bundeswehr den Klassenfeind zu sehen. Plötzlich waren sie vom sozialistischen Fahneneid entbunden und genötigt, einen demokratischen Eid zu leisten.

Die Offiziere in Ost wie West verfolgten die Entwicklung mit Sorge, wie unter anderem Generalmajor a.D. Justus Gräbner, ehemaliges Mitglied des Universitätsrates. Er war Mitte der 1990er Jahre Kommandeur der Panzerbrigade 42 Brandenburg in Potsdam. Oberstleutnant a.D. Udo Beßer war am Abend des Mauerfalls im Palast der Republik. Als er kurz nach Mitternacht nach Hause kam, rief ihm seien Frau zu: „Die Mauer ist gefallen.“ Er zurück: „Jetzt spinn’ nicht rum.“

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Ungläubig nachts vor dem Fernseher

Joachim Knorr, ehemaliger Soldat der NVA, heute Mitarbeiter der Neubiberger Universität: „In den ersten Tagen war es uns verboten, nach Westberlin einzureisen.“ Sehr intensiv erlebte Rüdiger Wenzke, Wissenschaftlicher Direktor beim Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, die Wende. Kurz vor dem Einschlafen schaltete er das Programm im Fernsehen um. Er wollte kaum glauben, was er sah. Die NVA freilich habe bereits Monate davor ein anderes Antlitz gehabt als in den vielen Jahren davor. Dass militärisch nichts passierte, war für ihn relativ klar. Denn schließlich seien die Soldaten bereits bei den Großdemonstrationen nicht eingeschritten.

Die NVA wurde aufgelöst, die Militärtechnik ausrangiert. Hochrangige Offiziere wurden nicht übernommen, die mittlere Ebene musste niedrigere Ränge akzeptieren. Oberstleutnant Beßer: „Wenn man die Arbeits- und Lebensbedingungen und die innere Führung der Bundeswehr gepaart hätte mit der Kampfkraft und Gefechtsbereitschaft der NVA, dann hätten wir heute eine ganz, ganz tolle Armee.“

Oberstleutnant Udo Beßer, Rüdiger Wenzke, Direktor beim Zentrum für Militärgeschichte, Sonja Kretschmar vom Institut für Journalistik, Generalmajor a.D. Justus Gräbner sowie Joachim Knorr vom Institut für Hochfrequenztechnik.

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