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Ringen um den richtigen Mix bei der Frischluftzufuhr

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Von: Harald Hettich

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Das Kapellenfeld nördlich vom Infineon-Campus in Neubiberg soll bebaut werden – Kritiker sehen in den Plänen eine Gefährdung für die Frischluftschneise.
Das Kapellenfeld nördlich vom Infineon-Campus in Neubiberg soll bebaut werden – Kritiker sehen in den Plänen eine Gefährdung für die Frischluftschneise. © Martin Becker

Gewerbeareale und Wohnungen in der Frischluftschneise: An diesem Projekt in Neubiberg scheiden sich die Geister. Jetzt liegt dazu ein Klima-Gutachten vor.

Neubiberg/Unterhaching – Für die Versorgung mit Frischluft ist der Korridor im Hachinger Tal elementar wichtig: für die Stadt München einerseits und die Anrainer-Gemeinden im südlichen Landkreis ebenso. Einschneidende Maßnahmen beim Bau von Gewerbearealen und Wohnungen entlang der Unterhachinger Straße, auf dem Kapellenfeld nördlich von Infineon und weiter südlich in den Übergangsbereichen von Unterbiberg und Unterhaching könnten diese Frischluftschneise erheblich „verschlanken“.

Nicht jeder ist begeistert über die Pläne der Stadt, weiteren Wohnungsbau an der Stadtgrenze zu etablieren sowie die Absicht Neubibergs, am Kapellenfeld Gewerbefakten zu schaffen (wir berichteten). Die Landeshauptstadt hatte deshalb ein sogenanntes mikroklima-ökologisches Gutachten in Auftrag gegeben – das liegt jetzt vor.

Zielvorgabe war es, genauere Aufschlüsse darüber zu erhalten, wie die Bauvorhaben den Luftaustausch entlang der heutigen Naturschneisen verschlechtern könnten. Viele Details sind noch offen. Doch die Ergebnisse des Entwurfs immerhin liegen nach über einem Jahr der wissenschaftlichen Sondierung vor. Bei einer Online-Konferenz hat das federführende Planungsreferat der Landeshauptstadt jetzt erste Ergebnisse präsentiert. Der Münchner Merkur hat sich bei Teilnehmern aus dem Landkreis umgehört, wie sie die ersten Aufschlüsse deuten.

Dabei wird die in München angestrebte Wohnbebauung – vor allem westlich und östlich der Unterhachinger Straße im Bereich knapp nördlich der Landkreisgrenze – von vielen kritisch gesehen, es fehle beim Gutachten an endgültigen Aufschlüssen. Das städtische Thema Wohnbau dürfte noch länger detaillierter Klärung harren, weil Stadtrat und weitere städtische Expertengremien umfangreich einbezogen und gehört werden müssen.

Etwas klarer definiert sich die Gemengelage mit Blick auf die durchaus unterschiedlichen lokalen und thematischen Ansätze der beiden Nachbar-Gemeinden Neubiberg und Unterhaching. Hier lässt sich eine argumentative Trennlinie ziehen – aber auch eine Ansage an gemeinsames Handeln herauslesen.

Neubibergs Bürgermeister wertet Gutachten positiv

Ein Ausrufezeichen setzt Neubibergs Bürgermeister Thomas Pardeller (CSU) hinter seine Kernaussage: „Das Gutachten bestätigt, dass eine Bebauung des Kapellenfelds möglich ist.“ Sie passt in sein Portfolio von einer künftig gewerblich breiter aufgestellten Gemeinde. Pardeller betont aber auch mögliche Mehrwerte für die Kommunen. „Aus bisher rein landwirtschaftlich genutzten Flächen könnten ein Landschaftspark und eine ,Parkmeile plus‘ mit hohem Erholungswert entstehen.“ Auch ein „hochwertiger, klimaneutraler Campus für Technologie“ und bestens angebunden an den ÖPNV und die Autobahn könnte sich entwickeln: „Mitsamt autoarmer und durchgrünender Quartiersgestaltung – qualitativ orientiert am beispielgebenden Campeon gleich nebenan und versehen mit kleineren Laden- und Dienstleistungsformaten.“

Gewerbe im Norden der heute bestehenden Grünzone, im Süden Grünplanung: Man werde und wolle das „im interkommunalen Austausch miteinander und aufeinander abstimmen“, bietet der Neubiberger Rathauschef eine Handreichung für die Nachbarn. Aber Pardeller hebt auch den mahnenden Zeigefinger. „Im Hinblick auf die kommenden Generationen wäre es geradezu unverantwortlich, von vorneherein eine – vermutlich politisch motivierte – Blockadehaltung einzunehmen.“ Pardeller wird auch beim Zeithorizont deutlich. „Noch 2022 wollen wir die Planungsansätze überprüfen, fortschreiben und verbessern.“

Widerstand aus Unterhaching und von den Grünen

Vielstimmiger Widerstand dürfte Neubibergs Gewerbeausbau-Befürwortern am Kapellenfeld sicher sein. „Mehrmals wurde erwähnt, dass man von allen Varianten vor allem das Kapellenfeld von Bebauung weitgehend freihalten sollte“, argumentiert die Grünen-Landtagsabgeordnete und Unterhachinger Gemeinderätin Claudia Köhler. Bei einer Bebauung sei „doppelt“ mit negativen Auswirkungen zu rechnen. „Das Kapellenfeld ist Kaltluftentstehungsgebiet und liegt zugleich am Hauptstrom des Luftausgleichs.“ Für Claudia Köhler leitet sich daraus eine klare Schlussfolgerung ab: „Wir Grünen lehnen eine Bebauung weiterhin ganz klar ab und fühlen uns bestätigt.“ Wie sähe ein Gutachten erst aus, wenn eine weitere Erderwärmung erst einbezogen werde, will sie beispielsweise wissen.

Allein ist Köhler nicht mit ihrer ausbaukritischen Einschätzung ohnehin nicht. Im Münchner Stadtrat sprechen sich in breiter Front CSU, SPD, Freie Wähler und Grüne für einen Erhalt des grünen Stadtrandgürtels zwischen Trudering und dem Perlacher Forst aus. „Es geht um einen interkommunalen Dialog – Nutzen und Belastung müssen fair verteilt sein“, betont Claudia Köhler Verhandlungsbereitschaft und die Bedeutung einer „zukunftsgerichteten Regionalentwicklung mit frischer Luft, sauberen Böden und einer ressourcenschonenden Flächennutzung“ gleichermaßen.

Klaren Realismus in unsicherer Auswertungslage pflegt Unterhachings Gemeinde-Pressesprecher Simon Hötzl. „Wir warten auf die Einladung zur interkommunalen Abstimmung – aber dieser Ball liegt nicht in unserem Spielfeld.“ Es gebe aus Unterhachinger Sicht „ganz sicher Punkte, die der Abstimmung bedürfen“. Simon Hötzl bleibt zugleich Realist: „Die Planungshoheiten liegen bei der Stadt München und der Gemeinde Neubiberg“, betont er sachlich. „Eine förmliche Abstimmung hat noch nicht stattgefunden.“

Seine Sachargumentation ist aber spürbar eine Handreichung zwischen den Nachbarn Unterhaching und Neubiberg. „Wir haben gesehen, dass eine mögliche Bebauung des Kapellenfeldes durch Ausgleichsmaßnahmen, von Baumpflanzungen bis zu Gebäudestellungen, klimatologisch verträglicher gestaltet werden kann“, widerspricht Hötzl grundsätzlich den Erwägungen des Neubiberger Bürgermeisters nicht. Der Unterhachinger Rathaus-Sprecher gibt aber zu bedenken: „Die geplante Bebauung in und entlang des südlichen Münchner Stadtrandes erfordert im Hinblick auf Klimatologie und Verkehrsthemen eine intensive interkommunale Abstimmung vor der weiteren Konkretisierung der Planungsideen.“

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