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„Vor unseren Türen“: Auf 123 Seiten informieren die Schüler über das Thema Obdachlosigkeitr.

Magazin "Vor unseren Türen"

Schüler erzählen Geschichten über Obdachlosigkeit

Neubiberg - Im Magazin „Vor unseren Türen“ erzählen P-Seminaristen des Neubiberger Gymnasiums Geschichten über Armut und schlimme Schicksale. Das Magazin heimst laufend Auszeichnungen ein.

Ihre Stimme zittert. Obwohl Sonja Frese (18) die Geschichte schon ein halbes Dutzend Mal erzählt hat, wirkt sie immer noch mitgenommen. Es ist die Geschichte der Begegnung mit einer Obdachlosen unter der Wittelsbacher Brücke in München. Das Gesicht der Frau war blau angeschwollen, Würgemale zeichneten sich an ihrem Hals ab. „Sie ist vergewaltigt worden“, erzählt Sonja, „aber nicht von einem Fremden, sondern von einem Bekannten.“ Sie hatte ihm vertraut und war mit ihm nach Hause gegangen. Als sie den Übergriff melden wollte, habe ihr niemand geglaubt. „Die Polizei hat sie weggeschickt“, sagt Sonja. „Niemand wollte ihr helfen.“ 

Sonja geht auf das Gymnasium Neubiberg. Zusammen mit Johanna Melcher (18) und Benjamin Brown (18) sowie neun weiteren angehenden Abiturienten hat sie in den vergangenen beiden Jahren das Projekt-Seminar (P-Seminar) „Vor unseren Türen“ belegt. Im Rahmen des Seminars entstand das gleichnamige Magazin über Obdachlosigkeit in München. 

Die Schüler informieren über schlimme Schicksale

Auf 123 Seiten informieren die Schüler über das Thema und beschreiben die Schicksale Betroffener. Schicksale, wie das der Frau unter der Wittelsbacher Brücke. Die Seminarteilnehmer recherchierten die Geschichten, schrieben die Texte und kümmerten sich um das Layout – mit großem Erfolg. 

Das Team hinter dem Magazin: (hinten v. l.) Betreuer Tobias Briegel, Daniel Fischer, Luca Fasco, Mark Lindner, Johanna Melcher, Julia Brandl und Franziska Ibold. (vorne v. l.) Laura Russo, Sonja Frese, Maria Kovatchka, Sophia Schuderer, Lisa Mackowiak sowie Benjamin Brown.

„Vor unseren Türen“ heimste schon einige Auszeichnungen ein. Neben dem Gewinn des „Gläsernen Johahn“, dem Medienpreis der Technischen Universität Illmenau, in der Schüler-Kategorie sind sie auch beim „P-Seminar-Preis“ des Bayerischen Bildungsministeriums unter den besten 24 Projekten – mit Hoffnung auf mehr: Die besten vier Projekte auf Landesebene erhalten ein Preisgeld über 500 Euro. Die Entscheidung fällt im April. 

Geplant war eigentlich ein Buch über Obdachlosigkeit. Da sie aber mit Fotos und Bildern arbeiten wollten, entschied sich die Gruppe für ein Magazin. „Hochwertig“ sollte es sein, erzählt Johanna. Unterstützung erhielten sie von ihrem Projekt-Betreuer Tobias Briegel. Der Geografie-Lehrer war zunächst nicht begeistert von der Planänderung. „Am Ende war er aber doch überzeugt“, sagt Benjamin mit einem Schmunzeln.

Am Anfang fällt es den Schülern schwer, mit Obdachlosen zu reden

Briegel ließ seinen Schülern bei der Konzeption und Umsetzung des Magazins freie Hand. „Er stellte an uns den Anspruch zum selbstständigen Arbeiten“, sagt Benjamin. So begaben sich Sonja, Johanna und Co. auf die Suche nach Ansprechpartnern und Sponsoren – und wurden schnell fündig. 

Sonja etwa stellte den Kontakt zu einer Druckerei im Zentrum Münchens her, die die Druckkosten für 500 Exemplare vollständig übernahm. Auch bei den Verantwortlichen der „Initiative für Menschen ohne Obdach“ (IFMO) oder bei KARLA 51, einem Frauenobdach, stießen die Schüler auf offene Ohren. Dabei war es vor allem anfangs schwierig, sich zu den Gesprächen mit den Obdachlosen zu überwinden. „Man fragt sich dann schon: Kann man da hingehen? Ist der zurechnungsfähig? Aber die meisten waren begeistert, dass Leute mit ihnen sprechen wollen“, schildert Sonja ihre Erfahrungen. 

Die meisten waren begeistert, dass jemand mit ihnen sprechen will

Diese Erfolgserlebnisse hätten dann motiviert, auf weitere Obdachlose zuzugehen. Johanna musste nicht einmal jemanden ansprechen. Der obdachlose Manni fragte sie nach Feuer. Und wie sich herausstellte, fiel Manni aus dem Rahmen. „Er lebt freiwillig auf der Straße“, sagt Johanna. Er wolle sich der Gesellschaft nicht anpassen und Regeln unterwerfen müssen. „Ich möchte selbst über mich und mein Tun bestimmen können“, erklärte er Johanna seine Beweggründe. Das Leben auf der Straße verleihe ihm Freiheit, und er sei glücklich damit.

Die Schüler machen aber auch schlechte Erfahrungen

Die einzige negative Erfahrung machten die Schüler mit einem betrunkenen Obdachlosen, der den jungen Frauen gegenüber aggressiv auftrat. „Er kam nicht klar damit, dass wir ihm Fragen stellten“, sagt Sonja. Die vorherrschende Meinung über Alkohol- und Drogenmissbrauch unter Obdachlosen können die Seminarteilnehmer aber nicht bestätigen: „Es hat uns auch überrascht, dass es nicht zu mehr negativen Vorfällen gekommen ist“, sagt Benjamin. Er selbst begegnete einem Mann aus Eritrea, einem Flüchtling, der auf der Durchreise nach Skandinavien war. Er hielt sich illegal in München auf. „Der kam schon aus schlechten Verhältnissen hierher“, sagt Benjamin, „und musste gleich seine erste Nacht in Europa ohne Dach über dem Kopf verbringen“. In einer Studenten-WG fand der Eritreer Unterschlupf, bevor er nach Schweden weiterreisen konnte.

Die Schüler erzählen nicht nur Geschichten, sie helfen auch Obdachlosen 

„Vor unseren Türen“ erzählt aber nicht nur Geschichten über Begegnungen, Schicksale und Armut. Das Projekt hilft auch ganz gezielt den Obdachlosen. Der Erlös des Magazins sowie alle Preisgelder werden an Obdachloseneinrichtungen gespendet. Zusätzlich sammelten die angehenden Abiturienten an ihrer Schule Spenden. Bis Ende Januar verkauften sie auf Weihnachtsmärkten und Elternabenden ihre Magazine. Neben Decken und Kleidung zu Weihnachten kamen so jeweils 750 Euro für die IFMO, KARLA 51 und das Obdachlosenheim in der Verdistraße zusammen. 

Das Projekt ändert die Einstellung der Schüler zu Obdachlosigkeit

„Es ist schockierend zu sehen, wie schnell es gehen kann“, sagt Benjamin. „Das sind Situationen, die von unserem Alltag gar nicht so fern sind.“ Ihre Einstellung zum Thema Obdachlosigkeit hat sich durch das Projekt grundlegend geändert: „Man lernt das, was man hat, zu schätzen“, sagt Sonja. 

Dass das Problem in der Gesellschaft trotzdem so wenig Beachtung erfahre, erklärt sich Johanna ganz einfach: „Viele machen die Augen zu, weil sie es einfach nicht wissen wollen.“ Trotz allem haben viele Menschen ohne Zuhause die Hoffnung noch nicht verloren. „Die meisten haben immer noch eine positive Einstellung zum Leben“, sagt Sonja. Darum trägt einer ihrer Beiträge im Magazin auch ein Zitat eines Obdachlosen als Titel, das sich ihr eingeprägt hatte: „Nach einem Tief im Leben geht’s auch wieder bergauf.“

Michael Hoffmann

Bestellungen 

Bei Interesse an dem Magazin werden noch letzte Bestellungen unter magazin@gymnasium-neubiberg.de entgegengenommen.

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