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Todesfalle am Abhang: Ein Skifahrer flüchtet am Arlberg in Österreich vor einer rasant herabstürzenden Lawine.

Neubiberger Bergführer über Lawinen

Im Schnee lauert der Tod

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Hält der Hang? Oder droht eine Lawine? Eine Abwägung, die Skitourengeher immer wieder treffen müssen. Und die bei einer Fehleinschätzung tödlich enden kann. Wie kürzlich im Glocknergebiet, wo zwei erfahrene Skibergsteiger ums Leben gekommen sind. Über das Thema Lawinenrisiko hat der Münchner Merkur mit dem Neubiberger Bergführer Michi Wärthl gesprochen.

Neubiberg – „Nein“, sagt Michi Wärthl und schüttelt seinen Lockenkopf, „toi-toi-toi, ich bin noch nie von einer Lawine verschüttet worden.“ Aber als Ausbilder beim Alpenverein und beim Bergführerverband ist der 47-Jährige regelmäßig mit dem komplexen Thema konfrontiert. Seine wichtigste Erkenntnis: „Egal bei welcher Warmstufe, hundertprozentig lassen sich Lawinen niemals voraussagen oder ausschließen. Deshalb wird es leider immer wieder Lawinenunfälle geben.“

Als staatlich geprüfter Bergführer liest der Neubiberger die täglichen Lawinenlageberichte natürlich „anders als der Laie, der mit dem Fachjargon oft zu wenig anfangen kann“. Der alleinige Blick auf die Lawinenwarnstufe reiche nicht aus: „Viele sind zu arglos unterwegs.“

Auf der Skibank: Michi Wärthl, Bergführer und DAV-Ausbilder, hier bei sich daheim in Neubiberg auf einer selbst gebauten Bank aus Tourenskiern.

Lawinen-Stufe zwei ist tückisch

Beispiel: Lawinenwarnstufe zwei auf der fünfstufigen Skala. Viele schlössen daraus automatisch auf sichere Verhältnisse, doch eine Unfallanalyse des Winters 2016/17 hatte gezeigt, dass immerhin 25 Prozent der Lawinenverschüttungen bei der vermeintlich harmlosen Stufe zwei passierten. „Der Zweier ist tückisch“, findet Michi Wärthl. Meist liege der Neuschneefall dann schon ein paar Tage zurück, im freien Gelände hat sich die Schneedecke verfestigt oder ist zusammengefahren. „Wer dann noch richtig pulvrigen Tiefschnee finden will, muss auf schattiges Steilgelände ausweichen.“ Wo das Risiko höher ist. „Und Warnstufe drei haben wir den halben Winter über – also muss man damit arbeiten.“

Als häufigstes Gefahrenmuster – neben starker Erwärmung – erachtet der Experte Neuschnee mit starkem Windeinfluss, darin eingelagert vielleicht eine verkrustete Altschneeschicht mit Triebschneelinsen: „Das sind kleine Zeitbomben.“ Sein Tipp: „An solchen Tagen im Zweifel Verzicht üben! Oder mit defensivem Verhalten die Risiken reduzieren.“

Unbekanntes Terrain lieber meiden

Bei der Einschätzung, ab wann mit Lawinen zu rechnen ist, hat sich in Bergführerkreisen die Lehrmeinung etwas geändert. „Egal was der Lawinenlagebericht sagt“, erläutert Michi Wärthl, „alle Hänge über 30 Grad Neigung können potenzielle Gefahrenstellen beinhalten, wir schließen da Lawinen nicht kategorisch aus.“ Und 30 Grad, das weiß er natürlich, „das ist nicht viel – das Lieblingsgelände der Skifahrer und der Lawinen gleichermaßen“.

Weil sich eben viele kleine Faktoren wie eingeschneiter Raureif oft nicht erkennen ließen, gelte es im Zweifel: „Abstand halten, um nicht zu viel Druck auf die Schneedecke auszuüben; Hänge einzeln befahren und an sicheren Punkten warten.“ Bei schlechten Sichtverhältnissen sollten Skitourengeher unbekanntes Terrain besser meiden.

Ein verbreiteter Irrtum, sagt der 47-Jährige, sei es zu glauben, „Lawinen sind immer etwas Großes“. Nein, gerade auch das kleine Schneebrett könne fatale Folgen haben: Wenn es einen in eine Mulde spült und sich der Schnee plötzlich meterhoch auftürmt; oder wenn man über eine Felskante gerissen wird und abstürzt, wie es zu Beginn dieses Winters in Berchtesgaden passiert ist. Wichtig sei es deshalb, bei der Routenwahl im Detail darauf zu achten, welches unmittelbare Gefährdungspotenzial von einem Lawinenabgang ausgehen könnte.

Was die Nutzung von Spezialrucksäcken mit Lawinenairbag angeht, so ist der Neubiberger etwas skeptisch. Der Airbag könne in gewissen Situationen helfen, sei aber keine Garantie. „Lieber sollte man das Geld in einen Lawinenkurs investieren“, findet der 47-Jährige. Der perfekte Umgang mit der Notfallausrüstung (LVS-Gerät, Sonde und Schaufel) werde von vielen unterschätzt. „Nach 15 Minuten sinkt die Überlebenschance rapide ab. Wenn man bedenkt, dass allein das Ausgraben bei einem Meter Verschüttungstiefe etwa zehn Minuten dauert, ist eine Viertelstunde nicht viel Zeit.“

Du weißt nicht mehr, wo oben und unten ist

Das Gefühl, in eine Lawine zu geraten und von Schneemassen überspült zu werden, kennt Michi Wärthl nur vom Hörensagen. „Das ist wie in einer Waschmaschine – alles wird durcheinandergewirbelt, du weißt nicht mehr, wo oben und unten ist.“ Eine Erfahrung, die er sich auch weiterhin sparen will.

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