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Über den Wandel im Journalismus unterhalten sich Sigmund Gottlieb und Sonia Seymour Mikich im Audimax der Bundeswehr-Universität.

WDR-Chefredakteurin spricht über den Wandel des Journalismus

„Die Zeit des einsamen Wühlers ist vorbei“

Neubiberg - Wie sich der Journalismus im digitalen Zeitalter allgemein, das Fernsehen im Besonderen gewandelt hat und noch wandeln muss: Darüber ging an der Uni der Bundeswehr in Neubiberg eine spannende Diskussion mit Sonia Seymour Mikich, der Chefredakteurin Fernsehen beim WDR. Ihr Gesprächspartner war Sigmund Gottlieb, ihr Kollege vom Bayerischen Rundfunk.

Sonia Mikich, 64, ist beruflich aufgewachsen in einer Zeit, in der, wie sie sagte, die Tagesschau „was Heiliges“ gewesen ist. Keiner habe einen angerufen zwischen 20 Uhr und 20.15, man wusste: jetzt wird ferngesehen in Deutschland. Und wer wie sie beim Fernsehen arbeitete, musste aufpassen, nicht abzuheben. Sie habe sich, wenn sie mal wieder angesprochen worden ist auf einen mutigen Kommentar, einen guten Beitrag, immer vorgesagt: „Man ist nur so gut wie die letzte Sendung.“

Dabei hatte sie als langjährige Leiterin der ARD-Studios in Frankreich und Russland freilich auch einen besonders spannenden, verantwortungsvollen, einflussreichen Job – für den sie übrigens, wie sie erzählte, bewusst auf Familie verzichtet hat. „Der Beruf war mir immer das Wichtigste.“ Sie sagte: „Ich war wahnsinnig gern in Moskau“ und: „Paris war für mich schön.“ Heute, in der globalisierten Welt, sei eine fundierte Korrespondenten-Berichterstattung wichtiger denn je. Entsprechend: „Ein Drittel der Nachrichten sind inzwischen pure Auslandsberichterstattung. Ich bin der Meinung: Das tut gut.“ Aber Sonia Seymour Mikich hat auch selbst viel aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet. Dabei habe sie, erzählte sie den rund 100 Zuhörern, auf jeden Fall auch Dinge bewegen können. Etwa als sie in den Nachrichten brachte, was ihr dieser Bundeswehr-Offizier erzählt hatte von den „Massenverbrechen“ der Russen an Zivilisten im Tschetschenen-Krieg. Der ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe sagte daraufhin ein Treffen mit seinem russischen Amtskollegen ab. „Es gab einen Riesen-Aufschrei.“

Dass sie nicht wirklich das Gefühl habe, ihre Autorität als Journalistin würde bröckeln („eine Autorität in dem Sinn, dass jemand vor mir die Hacken zusammenschlägt, will ich nicht sein“); dass sie sich beleidigt fühle, wenn ihr Berufsstand als „Lügenpresse“ beschimpft wird („vor allem wenn ich an die Kollegen denke, die sich bei der Arbeit in Lebensgefahr begeben“); dass sie glaubt, man könne langsam dazu übergehen, die AfD ganz normal zu behandeln, ohne ihre Mitglieder zwanghaft demaskieren zu wollen: All das antwortete die vielfach ausgezeichnete Chefredakteurin auf Sigmund Gottliebs Fragen. Und: Es mache ihr Spaß, nach den Sendungen mit den Zuschauern in den sozialen Medien zu kommunizieren. Weil sie zum einen eben gern kommuniziere. Und weil „ich auch rechenschaftspflichtig bin der Öffentlichkeit gegenüber“. Die „Vollpfosten“, auf die man im Netz auch stoße, mit denen sich nicht reden lasse: die beachte sie nicht mehr. Gejammer über moderne Zeiten war von ihr nicht zu hören.

Wenn auch in manchen Punkten die Arbeitsbedingungen früher besser gewesen sind. „Wir lassen uns heute treiben von der Geschwindigkeit“, bei Nachrichtensendungen im Stundentakt bleibe kaum Gelegenheit, um vertieft zu recherchieren. „Das ist unser Dilemma.“ Ansonsten: Mag zwar das Programms großenteils auf Quote gebürstet sein – die inhaltlich wertvolle, „wunderbar aufbereitete“ Dokumentation gebe es trotzdem weiterhin. Und: Über das Internet hätten sich neue, spannende Formen der Zusammenarbeit ergeben, bestes Beispiel: die „Panama Papers“. Mikich sagte: „Die Zeit des einsamen Wühlers ist vorbei.“

Schließlich kam Gottlieb auch auf die „wund geriebene Achillesferse“ der Branche zu sprechen – auf die Tatsache nämlich, dass den konventionellen Medien das junge Publikum abhanden gekommen ist. „Die Jüngeren erreichen wir nur noch im Netz“, meinte seine Gesprächspartnerin, überall werde deshalb inzwischen crossmedial gedacht. Nicht mehr nur linear. Am Schluss ermunterte die „starke Frau mit den starken Aussagen“, wie Gottlieb sie genannt hatte, ihre Zuhörer noch einmal, das Fernsehen, dem sie ihr Leben gewidmet hat, nicht ganz auszublenden: „Ihr wisst nicht, was Ihr verpasst. Wir machen viel gutes Zeug.“

Die Veranstaltungsreihe

 „Qualitätssache – Medien auf dem Prüfstand“, in deren Rahmen auch der Abend mit Sonia Seymour Mikich in Neubiberg stattgefunden hat, geht nächste und übernächste Woche noch weiter. Am Donnerstag, 16. Juni, kommt „Bild“-Herausgeber Kai Diekmann in die Bundeswehr-Uni, in der Woche drauf ist dort Patricia Riekel, die Chefredakteurin der „Bunten“, zu Gast. Beginn 19 Uhr, Eintritt frei.

Andrea Kästle

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