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Für ihren Youtube-Kanal „Refugees Munich“ interviewen Sophia Fürst und Benedikt Vollmann vom Gymnasium Neubiberg den afghanischen Journalisten Ahmad Nasrullah Noori, der aus seiner Heimat nach Deutschland geflohen ist. 

Neubiberger Schülter gestalten einen eigenen Youtube-Kanal über Flüchtlinge

Kurze Filme mit langer Wirkung

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Neubiberg - Im Gespräch mit Geflüchteten lernt man mehr über sie als durch den x-ten Tagesschau-Beitrag: Getreu dieser Überzeugung haben Gymnasiasten aus Neubiberg im Rahmen eines Schulseminars den Youtube-Kanal „Refugees Munich“ gegründet.

Klar, es gibt auch lustige Momente. Etwa wenn Gjon, 36 und aus dem Kosovo, erzählt, was für ihn typisch Deutsch ist. Nämlich: „Sonntag in die Kirche gehen und dann zum Biergarten, eine Mass Bier mit Breze und Bratwurst – das ist eine gute Tradition, die mir gefällt.“

Die Idee kam vom Geografielehrer

Doch dann gibt es auch die anderen Momente, „bei denen man schon schlucken muss“, sagt Elisabeth Negele, 17, die am Gymnasium Neubiberg die elfte Klasse besucht. Etwa wenn Taio aus Eritrea erzählt. Der junge Mann heißt in Wirklichkeit anders, will aber nicht erkannt werden und sitzt daher mit dem Rücken zur Kamera, während er die Fragen der Schüler beantwortet. Wäre er damals nicht aus seiner Heimat geflohen, sagt er, „wäre ich in Eritrea entweder Soldat oder im Gefängnis“. Die Interviews mit Gjon und Taio sind bei Youtube auf dem Kanal „Refugees Munich“ zu sehen; dort gibt es überdies weitere Kurzfilme über und mit Geflüchteten. Dahinter stehen Schüler des Gymnasiums Neubiberg, die die Videos im Rahmen ihres Projekt-Seminars gedreht haben (siehe Kasten). Die Idee hierfür stammt von Geografielehrer Tobias Briegel. Er hat ein Seminar unter dem Titel „Endlich angekommen?!“ angeboten, in dem sich die angehenden Abiturienten in Videos mit dem Thema Flucht beschäftigen sollten. „Ziel ist es, dass die Schüler mitkriegen, was da momentan läuft“, erklärt Tobias Briegel, „nicht durch Fernsehbeiträge oder Zeitungsartikel, sondern durch persönliche Gespräche“.

Wobei der Lehrer den Jugendlichen bei der Ausgestaltung des Seminars weitgehend freie Hand gelassen hat. Gemeinsam entschieden sich die 15 Schüler dafür, Kurzvideos zu drehen und diese via Youtube zu veröffentlichen – „weil wir so am meisten Leute erreichen können“, erklärt der 16-jährige Paul Wabnitz. „In unserem Alter nutzt praktisch jeder Youtube, und wir wollten uns ja besonders an Jugendliche wenden.“ Einstimmig sprach sich die Gruppe auch dafür aus, dass dieses Seminar für sie mehr sein soll als nur die zwei Unterrichtsstunden pro Woche. „Das Engagement der Schüler ist sehr, sehr groß“, lobt Lehrer Tobias Briegel. Schließlich finden die Drehs oft am Wochenende statt; für den Schnitt gehen gerne mal mehrere Abende drauf. „Die Schüler opfern viel Freizeit“, betont Briegel.

l Freizeit“, betont Briegel. Zumal sie neben den Videos auch spezielle Aktionen planen. So lud das Seminar etwa eine Gruppe Geflüchtete aus der Traglufthalle in Grünwald zu einer Stadtrundfahrt auf dem Thekenfahrrad ein; für die Asylbewerber aus Neubiberg veranstalteten sie ein Fußballturnier mit gemischten Teams auf dem Schulsportplatz. „Gerade bei solchen Veranstaltungen kommt man näher an die Flüchtlinge heran“, erklärt Paul Wabnitz. Schließlich sei es gar nicht so einfach gewesen, in Kontakt mit den Asylbewerbern zu kommen, ergänzt Sophie Fürst (17): „Viele wollen nicht gefilmt werden, und bei einigen scheitert es auch an der Sprache.“ Meist seien sie daher auf Vermittler angewiesen – etwa eine Asylhelferin aus Grünwald oder das „Komm“-Projekt in München.

Kritik über das Bild einer allzu heilen Welt

Vier Kurzfilme haben die Schüler bislang ins Netz gestellt; über 2500 Mal wurden sie angesehen. Neben viel Lob gab es auch vereinzelte Kritik, wonach die Videos eine allzu heile Welt zeigen würden. „In einem der nächsten Filme wollen wir auch kritische Stimmen zu Wort kommen lassen“, sagt Sophie Fürst. Womöglich werde man hierfür das Gespräch mit einem AfD-Politiker suchen. Wobei ihr Youtube-Kanal eigentlich keinen politischen Standpunkt vertreten soll, sagt der 17-jährige Benedikt Vollmann aus Putzbrunn. Auch deshalb werden alle Videos vor der Veröffentlichung dem Schulleiter gezeigt. Was die Gymnasiasten durch ihr Seminar über die Geflüchteten gelernt haben? „Mich hat erstaunt, wie gut viele schon Deutsch sprechen, und das nach wenigen Monaten“, sagt Benedikt Vollmann. „Im Grunde sind das ganz normale Jugendliche – so wie wir.“

Patrik Stäbler

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