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Parodie auf verliebte Pegidisten: Philipp Potthast, Poetry Slammer aus München, bei seinem Auftritt im Gleis 3. Seine Texte sind lustig, aber auch sehr kritisch. Im Hintergrund Poetry-Slam-Moderator-Legende Ko Bylanzky.

Im Neubiberger Jugendzentrum Gleis 3

Poetry Slam: So feinfühlig dichtet die Jugend

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Neubiberg - Im Jugendzentrum Gleis 3 ist der erste Neubiberger Poetry Slam über die Bühne gegangen. Die Texte sind feinfühlig, witzig und kritisch. Die Poetry-Slam-Szene im Landkreis soll nun wachsen.

Worte zur Einführung sind an diesem Abend unten im dunklen Untergeschoss des Gleis 3 unwichtig. Worte zur Einführung wohlgemerkt. Worte und Sprache im Allgemeinen sind dagegen der Grund, warum die rund 30 Menschen überhaupt ins Neubiberger Jugendzentrum gekommen sind. Also verzichtet Antonia Lunemann – 20, aus Hohenbrunn, will bald auf die Schaulspielschule gehen – darauf, sich vorzustellen und legt gleich los. Sie ist die erste Teilnehmerin, die beim ersten Neubiberger Poetry Slam auf der Bühne steht. 

"Der Text trägt den Titel 'Für immer verbannt' und der geht so"

Im Scheinwerferlicht sagt sie: „Der Text trägt den Titel ’Für immer verbannt’ und der geht so:"

„Seid mal ehrlich. Könnt ihr mir sagen, wieso genau sollen wir uns hier beklagen? Ich mein’, vielen Leuten auf der Welt geht’s so schlecht, und die haben trotzdem überhaupt kein Recht. All dieses echte Leid auf dieser Welt schnellt doch nur an uns vorbei, und das ist, finde ich, die Schweinerei.“

Das ist Poetry Slam, auf deutsch sinngemäß Dichterwettstreit. Im einem literarischen Wettbewerb tragen Poeten dabei selbstgeschriebene Texte einem Publikum vor. Die Zuhörer küren den Sieger. In München, Dachau und Freising gibt es bereits eine rege Poetry-Slam-Szene. In Neubiberg und Ottobrunn soll sie entstehen.

Sieben Teilnehmer im Alter von 16 bis 23 Jahren stehen nacheinander auf der Bühne im Gleis 3. Der erste ist Philipp Potthast, 21, Jura-Student. Der bekannte Slammer aus München ist der special guest des Abends und tritt außer Konkurrenz auf. Seine Texte sind lustig, aber auch kritisch. Zu Beginn hält er eine Parodie auf zwei verliebte Pegida-Demonstranten und spielt an auf den NSU: „Es war Liebe auf den allerersten Springerstiefelkick. Er rief ’Volksgenossin’. Du bist so deutsch und schön. Ich krieg direkt Lust besoffen rumzuschreien. Es ehrt mich wirklich ungemein. Lass mich dein Uwe Mundlos sein.“

Hören Sie hier eine Parabel zum Wetter von Philipp Potthast

Anschließend slammen sechs weitere junge Menschen um die Punkte einer Jury. Die Texte sind kritisch gegenüber aktuellen Themen wie dem Anstieg der Gewalttaten durch Rechtsextreme, aber auch witzig und feinfühlig. Das ist etwa Sarah Potye, 17, aus Aschheim, die über Liebeskummer spricht („Ich bin nur ein Junkie und Du die Droge. Ich zieh’ mir alles von Dir rein.“) Oder da ist Sara Shobin, 16, aus Ottobrunn, die mit ihrem „Requiem der Erde“ die Konsumgesellschaft kritisiert.

"Das ist, wie junge Menschen denken und fühlen"

Ko Bylanzky sagt: „Das ist, wie junge Menschen denken und fühlen.“ Er führt als Moderator durch den Neubiberger Poetry Slam, den das Kulturamt zusammen mit dem Gleis 3 organisiert hat. Bylanzky ist so etwas wie eine Poetry-Slam-Moderator-Legende. Seit 20 Jahren moderiert er Dichter-Wettbewerbe, hauptsächlich in München, aber auch in Dachau, Freising und sogar Österreich. Vor Kurzem hat er an der Realschule und am Gymnasium Neubiberg entsprechende Workshops gehalten. Ende Juli kommt er ans Gymnasium in Ottobrunn. Er unterrichtet unter anderem in kreativem Schreiben oder Impro-Theater. Bylanzky ist „auf einer Mission“. Das sagt er selber. Er will junge Menschen für Poetry Slam begeistern.

Das Finale

Bernhard Heiß, 23, aus Neubiberg hat etwa vor drei Jahren angefangen mit Poetry Slam. Die Texte des Studenten der Bundeswehr-Uni sind vor allem lustig. Man könnte sagen, er ist ein Comedy-Poet. Während seines Auftritts trägt er ein schwarzes T-Shirt. Darauf steht in weißer Schrift: „Du hast Schamhaar.“ Er sagt, seinen Text widme er allen Männern mit zu wenig Bartwuchs und zu großen Nasen, also widme er sich den Text selbst. 

Heiß schafft es schließlich nach der ersten Runde ins Finale. Dort setzt er sich gegen Tamino Wilder durch. Der 19-Jährige aus München sagt, er befinde sich gerade in einer Selbstfindungsphase. In seinem Beitrag beschreibt Wilder seine Generation, die hauptsächlich mit ihren Smartphones und Google rede. „Unsere Generation gibt nicht mehr. Unsere Generation ist komisch, oder genau so wie die davor. Ich weiß es nicht. Also spreche ich das magische Wort: Hallo Google, sind wir verrückt?"

rat

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