Benedikt Knoche spricht mit einem Feuerwehrmann
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„Es gibt es keine sinnvollere Arbeit“: Benedikt Knoche spricht mit Feuerwehrleuten nach belastenden Einsätzen.

INTERVIEW

„Schlafstörungen sind normal“: Dieser Mann hilft Einsatzkräften nach belastenden Erlebnissen

  • Laura Forster
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Nach belastenden Einsätzen können Feuerwehrleute oft schlecht schlafen, zu sehr geistert das Erlebte manchmal noch lange Zeit im Kopf herum. Diesen Kameraden hilft Benedikt Knoche (29).

Landkreis – Sie ist das Kriseninterventionsteam der Einsatzkräfte: die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) der Feuerwehr. Vor, nach und während nervenaufreibenden und belastenden Einsätzen helfen die sogenannten Peers ihren Kollegen, das Erlebte zu verarbeiten. Benedikt Knoche (29) ist seit Juni der neue Leiter des Teams für Stressbearbeitung nach belastenden Einsätzen im Landkreis München. Im Interview spricht er über die schlimmsten Erlebnisse, die wichtigsten Schritte zur Traumabekämpfung und seine Arbeit als Peer – die lange Zeit verpönt war.

Herr Knoche, was sind die Aufgaben der psychosozialen Notfallversorgung?

Wir sind für Kameraden da, die einen Einsatz hatten, der sie in unruhiges Fahrwasser gebracht hat. Das Prinzip ist: Gleiche unter Gleichen. Alle aus dem Peer-Team sind langjährige Feuerwehrler. Das Ziel ist, dass sich Kameraden, denen es nicht gut geht, uns anvertrauen. Auf der einen Seite arbeiten wir präventiv in der Jugendausbildung und geben Schulungen für Führungskräfte der Feuerwehren. Die zweite Schiene ist das Einsatzgeschehen. Wir werden auch direkt zum Unfallort gerufen, wenn es zum Beispiel Tote oder Verletzte gibt. Primär kommen wir aber nach einem Einsatz ins Feuerwehrhaus, um noch mal zusammen über das Vergangene zu reden.

Wie sieht so ein Gespräch nach dem Einsatz aus?

Zuerst sagt der Einsatzleiter ein paar Worte. Dann erkläre ich den Kameraden, was in den nächsten Stunden passieren kann. Schlafstörungen oder wiederkehrende Einsatzbilder sind normal. Ich rede viel über Selbstfürsorge. Wie kann ich meinen Kopf unterstützen, das Erlebte zu verarbeiten? Das ist die Frage.

Sie werden auch zu Einsätzen gerufen. Was war Ihr schlimmstes Erlebnis?

Das kann ich so einfach nicht sagen. Prinzipiell sind wir vor Ort, wenn das Schadensausmaß ein größeres ist. Wenn es darum geht, Tote zu bergen, es viele Verletzte gibt oder sich der Einsatz über einen längeren Zeitraum hinzieht. Wir sind da, um die Last von der Einsatzleitung zu nehmen. Aber das ist der kleinste Teil unserer Arbeit. Meistens dreht es sich um die Prävention und die Nachbereitung der Einsätze.

Kommen Kameraden nach einem belastenden Einsatz zu Ihnen?

Ja, das kommt durchaus vor. Uns ist ganz wichtig, dass wir vertraulich arbeiten. Wir haben einen Flyer mit den Telefonnummern der Peers und die Feuerwehrler können sich Tag und Nacht an uns wenden. Gerne auch anonym, falls ihnen das unangenehm oder peinlich ist. Wir schauen erst einmal, ob man das Problem am Telefon lösen kann. Aber in der Regel treffen wir uns persönlich und gehen eine Runde spazieren oder ein Eis essen, um ins Gespräch zu kommen und zu schauen, wo die akute Belastung herkommt. Oft reichen ein oder zwei Aussprachen, um den betroffenen Einsatzkräften zu erklären, dass es ganz normal ist, was sie fühlen. Manchmal braucht der Kopf einfach Zeit, die Dinge zu verarbeiten.

Haben Sie das Gefühl, dass die Arbeit der Peers in der Gesellschaft zu wenig thematisiert wird?

Ich merke, dass in den letzten Jahren ein großer Umbruch stattfindet. Früher war unsere Tätigkeit verpönt, da hat man schwierige Einsätze ausgehalten oder eben nicht. Für uns ist es interessant zu sehen, dass erfahrene Feuerwehrler von Einsätzen vor zehn oder 20 Jahren erzählen, und wir merken, dass sie ihre Päckchen immer noch mitschleppen und es immer noch einen Teil gibt, der noch nicht verarbeitet ist. Daran erkennen wir, dass unsere Arbeit sinnvoll und wichtig ist. Das Ziel ist es, dass die PSNV irgendwann ganz natürlich ist.

Was sind die wichtigsten Schritte, um einen schwierigen Einsatz gut zu verarbeiten?

Es gibt keinen pauschalen Weg. Wichtig ist, dass man sich Zeit lässt. Man muss verstehen, dass das Gehirn in Stresssituationen in den Ausnahmezustand fährt und erst einmal alles dicht macht. So kann man an der Einsatzstelle einen kühlen Kopf bewahren. Zuhause merken die Leute meist erst, dass sie nicht schlafen können, die Bilder vom Einsatz wieder kommen oder sie sogar keine Lust mehr auf die Feuerwehr haben. Da ist es wichtig zu verstehen, dass das ganz normale Symptome sind, die der Kopf benötigt, um das erlebte zu verarbeiten. Das kann ein paar Wochen lang dauern. Sich Zeit zu nehmen, das ist mit das Wichtigste.

Warum haben Sie sich für die Arbeit als Peer entschieden?

Für mich gibt es keine sinnvollere Arbeit als diese. Ich erlebe in den vielen Gesprächen mit Kameraden und Kameradinnen, wie dankbar sie dafür sind und wie wertvoll es ist, dass es jemanden gibt, an den sie sich vertrauensvoll wenden können.

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