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Hauptmamm Hartmann: Neue Karriere an der Bundeswehr-Uni in Neubiberg. 

Thomas Hartmann tauscht Radsport- gegen Bundeswehrkarriere

„Hier bin ich absolut am richtigen Fleck“

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Neubiberg - Fast vier Jahrzehnte hat Thomas Hartmann im Sattel gegessen, jetzt trägt er Uniform statt Radlkluft: Der 56-Jährige hat seine Radsport-Laufbahn beendet und eine neue bei der Bundeswehr begonnen.

Rund 800 000 Kilometer, 1221 gefahrene Rennen, 211 Siege: drei Zahlen zur Radsportkarriere von Thomas Hartmann. Nach vier Jahrzehnten im Leistungssport hat der einstige Europameister jetzt, im Alter von 56 Jahren, eine neue Herausforderung gefunden. An der Bundeswehr-Universität in Neubiberg.

Die Uniform sitzt wie angegossen auf dem immer noch unglaublich drahtigen Körper. Wenn Thomas Hartmann dazu einen etwas strengen Blick aufsetzt: Im Vorbeigehen, auf dem Weg zum Interview im Uni-Casino, salutieren Kollegen automatisch, voller Respekt.

„Ich bin gern wieder Soldat“, sagt Thomas Hartmann, Offizier im Range eines Hauptmanns; heuer im September wird er wohl zum Major befördert, 2018 sogar zum Oberstleutnant. Und zum 1. April dieses Jahres übernimmt er an der Bundeswehr-Uni den Posten als Kasernen-Offizier, kümmert sich um militärische Sicherheit und innere Ordnung: „Ich bin hier dann sowas wie der Sheriff.“

Tarnmuster statt grell leuchtender Trikotfarben, Springerstiefel statt Klickpedalschuhe, Bundeswehrkappe statt Fahrradhelm – das neue Leben des Thomas Hartmann. Eines, über das der 56-Jährige sagt: „Hier bin ich absolut am richtigen Fleck.“

Nach seiner Zeit als Rennradfahrer ist Thomas Hartmann 2007 auf Mountainbikerennen umgestiegen.

Natürlich, das Radfahren war seine Passion und lange auch sein Beruf. 40 Jahre lang saß Hartmann fast täglich im Sattel, feierte seinen größten sportlichen Erfolge Ende der 1980er Jahre als Europameister im Paarzeitfahren und dreimal Deutscher Vizemeister im Einzelzeitfahren; später sattelte er auf Mountainbikerennen um, agierte von Deisenhofen aus 15 Jahre lang als Fahrer, Trainer und Teamchef. Zuletzt, am Zenit der Sportlerkarriere, war Hartmann für dreieinhalb Jahre aus beruflichen Gründen in den Bayerischen Wald emigriert, ist dort aber nie glücklich geworden. Jetzt, an der Bundeswehr-Uni, fühlt er sich endlich angekommen: zu Hause nämlich.

Damit schließt sich der Kreis. Denn als Thomas Hartmann 1990, nach 13 Jahren als aktiver Gebirgsjäger, auf der Bundeswehr ausschied, absolvierte er seine bis dahin letzte Station bei der Bundeswehr just an deren Uni in Neubiberg, als Verbindungsoffizier zu den Studierenden. „Als jetzt das Angebot kam, da wusste ich: Das ist das Richtige!“

Als Kasernenoffizier bekommt der Deisenhofner ab April eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, „dafür bin ich sehr dankbar“. Parallel dazu hat der 56-Jährige ein Fernstudium an der Sporthochschule Köln aufgenommen, macht den „Bachelor of Science“ und möchte einen Master-Abschluss draufsetzen. Mehr noch: „Meine Vision ist es, zu einem radsportspezifischen Thema zu promovieren und so all meine Erfahrung als Diplom-Trainer akademisch zu adeln.“

Der Abschied vom Leistungs-Radsport, den Thomas Hartmann im Dezember vollzog, ist ihm einerseits schwergefallen, andererseits hat er sich allmählich abgezeichnet. Nicht nur wegen der für ihn bedrückenden Atmosphäre im Bayerischen Wald („Die Einheimischen sagen, dort wohnt die Schwermut“), sondern auch wegen der inneren Stimme bei den Rennen. Zu denen ist Thomas Hartmann trotz diverser Verletzungen, Borreliose nach Zeckenbiss, Pfeifferschem Drüsenfieber, Stürzen und einmal sogar einer zerschmetterten Hand immer wieder gefahren, und in guter Form konnte er sogar an einstige Top-Leistungen anknüpfen, benötigte dafür aber immer längere Regenerationsphasen. „Hochleistungssport hat Züge von suchtähnlichem Verhalten“, gibt er zu. Doch sich mit jungen Burschen zu messen, die seine Söhne sein könnten? Irgendwann reifte die Erkenntnis, dass aufopferungsvoller Leistungssport mit Ende 50 unpassend wirkt: „Es hat sich falsch angefühlt.“

1988 - Hartmanns beste Zeit als Zeitfahrspezialist.

Ganz ohne Pedaletreten möchte Thomas Hartmann trotzdem nicht leben, bei mehr als zwei radlfreien Tagen wird er unruhig. Außerdem, sagt er schmunzelnd, „bin ich bei der Bundeswehr ja verpflichtet, Dienstsport zu treiben“. Bloß übertreiben mag er es nicht mehr, zumal er in Regensburg eine neue Lebensgefährtin gefunden hat, „die übrigens mit Sport nichts am Hut hat – und trotzdem passt’s“.

Beim Gang übers winterlich verschneite Gelände der Bundeswehr-Uni gerät der 56-Jährige regelrecht ins Schwärmen, spricht von „Herzblut“ und „militärischer Heimat“. Er sei jetzt „zuvorderst Soldat“, profitiere dabei aber enorm von seiner Sportlerkarriere mit Attributen wie Disziplin und Askese. Dass er sich mit in Kürze 57 Jahren noch einmal ein neues Leben beginnt – für Thomas Hartmann eine logische Sache: „Ich habe schon immer über den Tellerrand geschaut, um kein geistiges Vakuum entstehen zu lassen. Militärische Aufgaben an der Bundeswehr zu übernehmen und mit einer Promotion zugleich eine akademische Herausforderung zu suchen, das ist mein Traum. Und so lange du deine Träume hast, alterst du nicht.“

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