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Ein Zeichen der Völkerverständigung

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Von: Harald Hettich

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Mit dem russischen Angriffskrieg hat die Gemeinde Neubiberg ihre Gemeindepartnerschaft mit der russischen Gemeinde Tschernogolowka auf Eis gelegt. Russische Künstler und Autoren wurden aus dem Kulturprogramm geworfen. Jetzt fand eine Podiumsdiskussion als Zeichen der Völkerverständigung statt.

Neubiberg – Wenn jemand Hoffnung schöpfen wollte inmitten der aktuellen weltpolitischen Krisen, dann war die Podiums-Diskussion in Neubiberg durchaus als zarter Ansatz. Unter dem Motto „Deutsch-Russische Partnerschaften auf dem Scheideweg?“ hatte das Neubiberger Kulturamt vier hochkarätige Gäste eingeladen, um sich zu diesem Thema auszutauschen.

Alexander Estis, Schriftsteller mit Wurzeln in der russischen, ukrainischen und jüdischen Kultur, Bundeswehr-Uni-Präsidentin und Historikerin Merith Niehuss, Kateryna Stetsevych, Referentin für Mittel- und Osteuropa der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin, sowie Professor Hermann Rumschöttel zeigten auf, das man Völkerverständigung eben auch in Kriegszeiten nicht aufgeben dürfe. Hermann Rumschöttel war zudem das Bindeglied für den lokalen Anspruch der Veranstaltung. Der einst mit der russischen Puschkin-Medaille ausgezeichnete, Neubiberger Historiker war lange Zeit Vorsitzender des Gemeinde-Partnerschaftsvereins Neubiberg.

Freundschaft auf Eis gelegt

Tschernogolowka heißt die russische Partnergemeinde Neubibergs. Zwischen den alten Weltkriegsfeinden auf russischer und deutscher Seite hatte sich in den Jahrzehnten des intensiven Austauschs eine tiefe Freundschaft entwickelt. Eigentlich hätte man heuer das 30-jährige Bestehen feiern wollen. Doch dazu kam es nicht. Leicht ist es der Gemeinde jedenfalls nicht gefallen, die Freundschaft und alle kulturellen Kontakte nach Russland vorerst auf Eis zu legen. Das machte Bürgermeister Thomas Pardeller (CSU) in seinen Grußworten deutlich.

CSU-Fraktionskollege Tobias Thalhammer zeigte auf, wie aktive Hilfe in Kriegszeiten aussehen kann. 15 Geflüchtete aus der Ukraine brachten er und seine Mitstreiter von einer Hilfsgüter-Transport-Reise ins polnisch-ukrainische Grenzgebiet gleich mit nach Neubiberg. 140 Flüchtlinge, darunter viele Kinder, haben in der Gemeinde inzwischen eine Unterkunft gefunden.

Warben für einen differenzierten Umgang: Neubibergs Bürgermeister Thomas Pardeller (2.v.r.) und die Podiumsgäste (v.l.) Moderator Florian Kührer-Wielach, Professorin Merith Niehuss, Kateryna Stetsevych, Professor Hermann Rumschöttel und Schriftsteller Alexander Estis. 
Warben für einen differenzierten Umgang: Neubibergs Bürgermeister Thomas Pardeller (2.v.r.) und die Podiumsgäste (v.l.) Moderator Florian Kührer-Wielach, Professorin Merith Niehuss, Kateryna Stetsevych, Professor Hermann Rumschöttel und Schriftsteller Alexander Estis.  © Harald Hettich

Die überregionalen Auswirkungen betonten die Podiumsgäste. Die Ukraine und die damit verbundenen Sorgen dort rückte Kateryna Stetsevych, Referentin für Mittel- und Osteuropa der Bundeszentrale für politische Bildung in Berlin, in den Mittelpunkt. „Verbrannte Erde in Mariupol, ein auf 150 000 Menschen binnen weniger Tage angeschwollenes Flüchtlingsheer in Lemberg (Lviv) oder überbordende Überfallsorgen in Odessa“ bekundete die gebürtige Ukrainerin, die auch die Identität der Ukraine im Westen generell nicht ausreichend erkannt und gewürdigt sieht.

Die andere Stimme Russlands

Schriftsteller Alexander Estis warnte vor Pauschalisierungen und verwies auf den nach wie vor vielschichtigen Geist „im Riesenreich Russland“. Man dürfe nicht alle Kontakte beerdigen, weil Präsident Putin wüte. Es gebe auch die andere Stimme Russlands, die derzeit leider kaum zu hören sei, weil die Menschen „in Massen verhaftet“ würden.

Spannend auch die Erfahrungen von Bundeswehr-Uni-Präsidentin Merith Niehuss. Als Historikerin ging sie wohltuend ambivalent an das Thema Krieg und Krise für die Welt heran. Sie habe nach eigener Aussage sehr unterschiedliche Erfahrungen zwischen Ost und West gemacht. Auf verschiedenen Reisen sei sie tief eingetaucht auch in Befindlichkeitsunterschiede. „Sensibel“ sei besonders der aktuelle Umgang miteinander. Acht russische Studenten und Doktoranden seien derzeit laut Niehuss an der Bundeswehr-Uni aktiv. „Acht haben wir angesichts der Umstände zu Gesprächen eingeladen – vier sind gekommen“. Die Gefühlslage sei unterschiedlich. Der vom sich mit seinem Land eng verbunden fühlenden Russen bis zu jenem, der in der Heimat um seine Familie fürchte. Es sei eine schwierige Gemengelage, gibt die Präsidentin zu. Man forsche in Neubiberg schließlich an „sensiblen Themen“. Es gehe ja auch um „Raketenabwehr im Weltraum“. Da müsse man auch überlegen, wer hier studieren könne.

Russische Besucherin: „Bin glücklich hier“

Hermann Rumschöttel warb für die Völkerverständigung. „Es gibt auch das andere Russland“, betonte er. Dennoch – das offizielle Russland derzeit sei nicht akzeptabel. Da ergriff eine Besucherin das Wort. Die nach eigener Aussage gebürtige Russin ist „seit sieben Jahren in Deutschland und glücklich, dass ich hier bin“. Man wollte weg, beschrieb sie die Gründe ihrer Auswanderung von der Krim nach Deutschland. „Meine Mama guckt aber nur staatliches Fernsehen“ betonte sie. „Ich soll zurückkommen“, laute das Credo der Mutter. Daran denke sie aber nicht. „Wir leben hier“, betonte sie.

Danach meldete sich noch eine engagierte Dame aus dem Neubiberger Partnerschaftsverein. „Früher waren das tiefe Beziehungen – jetzt kommen nur noch Floskeln“, erzählte sie enttäuscht.

Es sei das Russland dieser Tage, betonte Schriftsteller Alexander Estis, das auch den Diskurs zwischen Partner-Gemeinden und Freunden genau dechiffriere. Aber es sind nicht die Menschen, betonte er. Weshalb auch Partnerschaften diese Herausforderung bestehen müssten. Wie es aber in der Freundschaft zwischen Neubiberg und Tschernogolowka weitergeht – ungewiss.

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