„Ein absoluter Schwachsinn“

Münchner Supermarkt-Leiter fassungslos angesichts neuer Corona-Maßnahmen: „Wir werden überrannt werden!“

  • Lisa-Marie Birnbeck
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Bei der Lebensmittelbranche kommen die neuen Corona-Vorschriften nicht gut an. Künftig dürfen viel weniger Kunden als bisher gleichzeitig einkaufen. Experten befürchten Schlangen.

  • Die Corona-Beschränkungen für den Einzelhandel bereiten vielen Unternehmen Sorgenfalten.
  • Ein Filialleiter aus München* befürchtet für die Zeit vor den Weihnachtsfeiertagen Schlimmes.
  • Er befürchtet, dass es zu langen Schlangen kommt und die Hamsterkäufe wieder zunehmen.

München - Robin Hertscheck ist fassungslos. „Diese Entscheidung ist absoluter Schwachsinn“, sagt er. Der 33-Jährige leitet die Edeka-Filiale in Neubiberg (Landkreis München). Er kann die verschärften Corona-Vorschriften für den Einzelhandel nicht nachvollziehen. Bund und Länder hatten am Mittwochabend beschlossen, dass ein Geschäft mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche nur noch einen Kunden pro 20 Quadratmeter reinlassen darf – statt wie bisher pro zehn Quadratmeter. Hertscheck hat eine Verkaufsfläche von 1100 Quadratmetern, künftig dürfen maximal 95 Kunden gleichzeitig einkaufen. Besonders die Weihnachtszeit bereitet dem Filialenchef Kopfzerbrechen. „Wie sollen wir das schaffen?, fragt er. „Wir werden überrannt werden!“ Fakt ist: Heuer fällt der Heiligabend auf einen Donnerstag – heißt: Die Geschäfte haben vier Tage geschlossen!

Hertscheck befürchtet auch, dass durch die neuen Vorschriften sich lange Schlangen vor seinem Laden bilden können. „Dann stehen die Kunden draußen in der Kälte, da ist die Ansteckunsgefahr* doch sicherlich noch viel höher“, so Hertscheck. Auch die Hamsterkäufe könnten mehr werden – laut dem 33-Jährigen nicht nur bei den Kunden. „Auch Märkte selbst werden hamstern, um die hohe Nachfrage zu bedienen“, sagt er. „Wer als erstes bestellt, malt zuerst.“ Für ihn steht jetzt schon fest: Er wird an Heiligabend länger öffnen – egal, ob er dafür Ärger bekommt. „Anders ist das nicht zu schaffen.“

Dass Hertscheck manche Dinge anders macht, als andere Supermarkt-Leiter, ist nicht nu in Neubiberg bekannt. So verbrachte er zum Beispiel einen Teil des Corona-Jahres in Kenia, um dort mit eigens gesammelten Spenden ein neues Dorf zu errichten. Und auch in Deutschland scheint Hertschek um seine Kunden stehts besonders bemüht.

München: Kritik an neuen Corona-Maßnahmen - Verband warnt vor psychologischem Effekt

Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverbands Bayern, kritisiert die verschärften Maßnahmen* ebenso. „Darüber kann ich nur den Kopf schütteln.“ Schließlich sei bisher kein einziges Einzelhandelsgeschäft in Bayern zum Corona-Hotspot* geworden. „Die Hygienekonzepte sind gut und funktionieren“, so Ohlmann. Er fürchtet ebenso, dass es nicht nur zu langen Schlangen vor den Geschäften kommen wird, sondern eben auch zu den berüchtigten Hamsterkäufen. „Schlangenbildung kann schnell ein Gefühl von drohender Gefahr auslösen“, erklärt Ohlmann den psychologischen Effekt. Und dann landen schnell mal mehr Packungen Klopapier und Nudeln im Einkaufswagen als vorgesehen.

Filialleiter Robin Hertschek ist unzufrieden - und kann die verschärften Corona-Vorschriften für den Einzelhandel nicht nachvollziehen.

Allerdings seien die Logistikketten seit dem ersten Lockdown im März optimiert worden, so Ohlmann. „Es wird auch zu Weihnachten keine Lieferengpässe geben“, betont er und ergänzt: „Wenn jeder nur so viel einkauft, wie er auch wirklich braucht, ist genug für alle da.“

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Um den großen Ansturm auf die Supermärkte kurz vor den Weihnachtsfeiertagen zu entzerren, raten viele Branchenexperten dazu, sich bereits im Vorfeld mit nicht verderblichen Lebensmitteln einzudecken. „Es muss in diesem Jahr dringend mit Weitsicht gekauft werden“, betont auch Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. So sieht das auch Robin Hertscheck: „Besonders die Getränke wie Bier, Wein und Sekt sollte man am besten frühzeitig einkaufen.“

Doch auch wenn viele Kunden vorsorgen: Robin Hertscheck macht der Blick in den Dezember Sorgen. Darüber, dass die nun erlaubte Kundenzahl nicht überschritten wird, wacht in seinem Edeka ein elektronischer Zähler. Die ungute Stimmung vor dem Laden müssen Hertscheck und sein Team jedoch selbst handhaben. „Und es wird bei langen Wartezeiten bestimmt Ärger geben“, ist der 33-Jährige sich sicher. Für ihn steht außerdem schon jetzt fest: Er wird an Heiligabend länger öffnen, vielleicht sogar auch an den Wochentagen. Auch wenn er damit Ärger riskiert. Denn Robin Hertscheck ist sich sicher: „Anders ist das nicht zu schaffen.“ *merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

Rubriklistenbild: © Achim Schmidt

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