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Über Masskrüge und ein Krokodil

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Von: Martin Becker

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30 Stationen genau 903 Klettermeter bietet der Kletterwald in Grünwald nach dem Umbau, der sowohl die Interessen der Betreiber als auch die der Anwohner berücksichtigt. Die längste Seilrutsche erstreckt sich über eine Distanz von 120 Metern. © Clemens Mahler

Spannender, länger und auch leiser: Der Kletterwald in Grünwald hat sich erneuert.

Grünwald - Sechs Jahre lang schwelte in puncto Lärm der Disput zwischen Anwohnern und den Betreibern vom Grünwalder Kletterwald. Jetzt ist ein Kompromiss gefunden worden – und der Kletterwald nach dem Umbau attraktiver als zuvor.

Nur etwa 140 Meter Luftlinie liegen zwischen den Wohnhäusern an Tatzelwurmweg oder Wendelsteinstraße und dem Kletterwald. Seit der 2008, vom Landratsamt geprüft und genehmigt, seinen Betrieb aufnahm, gab es immer wieder Diskussionen: Geschrei sei zu hören, wenn sich Kletterwaldbesucher an besonders spektakuläre Stellen wie den freien Fall wagen würden, monierten Anwohner. Im Frühjahr 2014 gab’s einen runden Tisch mit beiden Seiten sowie dem Landratsamt. Und eine Lösung, in die nahezu alle Anwohner-Vorschläge integriert wurden.

Die Umsetzung erfolgte im Winter – und dann wirbelte, als fast alles fertig war, kurz vor Ostern Orkan Niklas den Kletterwald durcheinander. Vier Bäume mussten sich der Sturmgewalt beugen, neuerliche Umbauten waren erforderlich.

Inzwischen passt aber alles, und alle sich zufrieden: die Betreiber der Baumwipfel-Turnerei, die Besucher und die Anwohner. „Wir haben gemeinsam ein dauerhaftes Konzept erarbeitet, das den Anwohnern beim Thema Lärm Entlastung bringt und zugleich die Qualität der Anlage steigert“, freut sich Kletterwald-Geschäftsführer Rainer Pietzsch (31).

Im Detail sieht der Kompromiss so aus: Auf der Westseite, also zum Grünwalder Ortsrand hin, wurden auf einem 38 Meter breiten Streifen sämtliche Elemente abgebaut, darunter der Tarzan-Sprung und die beliebte, zwischen zwei Bäumen luftig aufgehängte Kletterwand. Dieses Areal wird nun renaturiert – und der neue Kletterwald-Schwerpunkt liegt weiter im Osten, Richtung Walderlebniszentrum. Der Vorteil, über die größere Distanz zur Wohnbebauung hinaus: Die einzelnen Stationen sind jetzt weniger dicht gedrängt, die Waldkletterer verteilen sich besser – Grüppchenbildung auf Plattformen mit entsprechend lauter Kommunikation bleiben aus. Außerdem wurden besonders lange Seilrutschen Richtung Osten – weg vom Ort – situiert. Der neue Kletterwald ist jetzt also größer, luftiger – und anspruchsvoller: Statt bisher vier gibt es fünf Routen, und die fünfte ist eine wirklich knackige Herausforderung.

Schwierigste Elemente sind eine Hangel-Leiter und, angelehnt an die berühmt-berüchtigte Passage in der Eiger-Nordwand, ein „Hinterstoißer-Quergang“. Die 120 Meter lange Seilrutsche, nach der im Münchner Olympiastadion die zweitlängste in der Region, dient eher zur Erholung.

Apropos Seilrutschen, auch Flying-Fox genannt: Insgesamt gibt es davon jetzt 15, die meisten im äußerst beliebten Parcours Nummer drei. Weitere liebevolle Neuerungen sind Schnitzereien wie ein Krokodil (in einem Stück aus einem Baumstamm kreiert), Pilze oder eine Schlange, über die man balancieren muss. Schwankende Masskrüge und Brezn prägen den Bayern-Teil, fordernd ist auch eine Seilrutsche, bei der man an einem Fahrradlenker hängt.

Insgesamt kommen so an 30 Stationen genau 903 Klettermeter zusammen, deutlich mehr als zuvor. Deshalb wurde auch die Kletterzeit von zweieinhalb auf drei Stunden verlängert.

Kleiner Wermutstropfen: Die Erweiterung nach Osten – mit Holzschnitzel-Wegen mehreren Sitzgruppen zum Verweilen – ließ sich der Forst mit einer zehnprozentigen Umsatzbeteiligung versüßen. Das sind über 20 000 Euro im Jahr. Just die Summe, die aktuell in den turnusmäßigen Austausch der Sicherungsgurte investiert werden müssen. Insgesamt macht der Kletterwald bei etwa 15 000 Besuchern pro Saison einen Jahresumsatz von über 200 000 Euro.

Dass Qualität und Individualität bei den Grünwalder Kletterwald-Betreibern im Vordergrund stehen, hat sich mittlerweile international herumgesprochen. Das Fachwissen und Ideen-Portfolio im Hinblick auf originelle Stationen verkaufen Rainer Pietzsch und sein Team, indem sie anderswo schlüsselfertige Kletterwälder bauen, Trainerschulung inklusive. In Schweden hat der 31-Jährige gerade den vierten Kletterwald fertiggestellt; 350 000 Euro kostet eine Anlage der Größenordnung wie in Grünwald.

Dort, unweit des Walderlebniszentrums „Sauschütt“, baumelt Krokodil Sophie hoch droben und wartet auf Bewegungskünstler. Denn bei allem Spaß: Sportlich herausfordernd sind die schwierigeren der bis zu elf Meter hoch gebauten fünf Routen allemal.

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