Lass ihn beten: Hamlet will seinen Stiefvater erst töten, wenn die Zeit reif ist. Foto: fkn

Neues Globe Theater in Pullach

Pullach - Maik Hamburgers Übersetzung dient als Grundlage für die Inszenierung des Neuen Globe Theaters. Eine auf drei Stunden gekürzte Fassung davon im Bürgerhaus Pullach konzentriert sich auf das Wesentliche.

Hier wird kein Text verschenkt. Die Sprache wird in dieser lustvollen Inszenierung von Kai Frederic Schrickel zum Genuss.

Die Bühnenarchitektur ist einfach - gestaffelte Podeste mit einer Aussichtsplattform, ein Bühnenkarree, ein Schlussvorhang, aus dem Hamlet (Saro Emirze) gelegentlich wie von oben hinaus katapultiert und auf die Bühne springt. Waffenständer, Koffer, Handtuch, Gehhilfe, Plattenspieler und Keyboard genügen dem Ensemble, um eine Theaterwelt entstehen zu lassen. Die Kampfszenen, die auf den Schluss vorbereiten, sind hollywoodreif. Das Ensemble hat sie präzise mit dem Kampfchoreograph Kai Fung Rieck einstudiert. Sie wirken nicht nur athletisch, sondern sind dazu geeignet, den Spieltrieb und das Kräftemessen ebenso zu demonstrieren wie den Ekel, die Entlarvung und den Todeskampf.

In einer All-Male-Fassung des Stücks wird den Schauspielern nicht nur die Verwandlung in das andere Geschlecht abverlangt, jeder Protagonist spielt außerdem mehrere Rollen. Saro Emirze verkörpert Hamlet vorzüglich als sensiblen Intellektuellen, der Geist und Körper schärft, die Welt analysiert und zu dem zynischen Schluss kommt, dass nur das Denken vor dem Selbstmord abhält.

Sein Ekel vor der Welt, sein Zögern sind begründet. Er will Gewissheit und erkennt das Privileg des Erkennens als Last. Sein Wahnsinn ist Methode, er nutzt ihn als Waffe, gipfelnd in der herrlichen Parodie einer Theateraufführung, bei der Emirze als Drag-Queen mit Seidenstrümpfen und High Heels seiner davon peinlich berührten Mutter Gertrud (Andreas Erfurth) den Spiegel vorhält. Und dann gelingen Emirze als Hamlet anrührende Momente, wo er seine „Freunde“ in der Flötenszene als gekauft entlarvt und in ödipaler Eifersucht um seine Mutter kämpft: „Geh nicht in sein Bett!“ bittet er fast kindlich.

Man wird sich diesen Hamlet merken müssen. Ihm zu Seite steht Studienfreund Horatio, von Till Artur Priebe als Verbindung aus jugendlicher Frische und kluger Lebensweisheit überzeugend verkörpert. Mit Hamlet ist er der Einzige, der Distanz zum Geschehen hat. Die Vorahnung steht ihm im Gesicht. Die Absurdität der Szenerie wird offenbar, wo Rituale derart überzeugend persifliert werden. Thomas Kellners überragende Leistung als Ophelia setzt Maßstäbe. Es gelingt ihm, Verletzlichkeit und Wahnsinn zum Heulen mitreißend zu spielen. Und Sebastian Bischoff glänzt als Polonius, der das Stück in Gang hält, ein facettenreicher Alter, dessen Geschwätzigkeit sich mit den besten Absichten paart. Als Kanzler sucht er Hamlets Wahnsinn auf den Grund zu gehen.

Der Premierenabend in Pullach vergeht wie im Flug, und im Ohr bleiben nicht nur die Sentenzen Shakespeares sondern deren umfassende Weisheit, weil jedes Wort exakt platziert ist. Ophelia/Thomas Kellner singt zum Abschluss ein Sonett Shakespeares als melancholische Diva. (mm)

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