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Im ganzen Landkreis stürzen die Bäume um, auch in Ismaning.

Niklas wütet im Landkreis

„Überall fliegen die Bäume“

Sturmtief Niklas hat den Landkreis am Dienstag fest im Griff. Umgekippte Anhänger, abgebrochene Bäume, gesperrte Straßen. Polizei und Feuerwehr kommen kaum noch hinterher. Sie fahren Hunderte Einsätze, eine Schadensbilanz steht noch aus.

Gegen 10.15 Uhr setzt Sturmtief Niklas im Landkreis ein erstes Ausrufezeichen. Heftige Böen erfassen auf der A8 nach Salzburg kurz vor der Ausfahrt Ottobrunn den Planenanhänger eines Münchner Autohauses und werfen ihn während der Fahrt um. Wie eine Mauer bleibt der Anhänger quer über beiden Fahrspuren und dem Seitenstreifen liegen. Die Autobahn ist versperrt, das Hindernis lässt sich kaum bergen. Denn der Sturm hat den Anhänger weiter im Griff, auf der Autobahn liegend bewegt er sich hin und her. Mit Gurten und Seilen bändigt die Feuerwehr Unterhaching das Hindernis. Während der Arbeiten rutscht eine große Schachtel unter der Plane vom Anhänger, in der eine Motorhaube steckt. Das Trumm wird vom Sturm erfasst, fliegt über die Leitplanke auf die Gegenfahrbahn und trifft den Ford eines 26-jährigen Rumänens. Er und sein Beifahrer bleiben unverletzt. Die Autobahn ist eine Stunde gesperrt, am Ende beidseitig.

 Kein Einzelfall im Landkreis: „Gegen 10 Uhr wurde auf der A9 Richtung Nürnberg zwischen Garching Süd und Garching Nord ein Anhänger von der Fahrbahn geblasen. Auf der A92 Richtung München zwischen Unter- und Oberschleißheim kippte durch ein Windböe der Anhänger eines Pkw um“, meldet die VPI Freising.

 In Grafing hat ein Motorradfahrer (28) aus Grasbrunn, derweil noch Glück im Unglück. In der Aiblinger Straße bricht Sekundenbruchteile vor ihm eine Fichte auf die Straße. Der Mann hat keine Chance zu reagieren. Der Baum fällt fast direkt auf ihn. Der Grasbrunner ist zwar schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt.

Der Sturm tobt weiter. „Überall fliegen die Bäume“, sagt Robert Wittmann von der Polizeiinspektion 31 in Unterhaching um 11 Uhr. Die Staatsstraße 2368 (Dietramszeller Straße) zwischen Deisenhofen und Oberbiberg hat die Polizei da schon gesperrt. „Da draußen kann man nicht mehr Autofahren“, sagt Wittmann.

Gegen 13 Uhr spricht Ottobrunns Feuerwehr-Kommandant Eduard Klas von „katastrophalen Zuständen“ auf den Straßen. „Wir stehen unter fürchterlichem Druck.“ 140 Einsätze sind es bis 18 Uhr für die Ottobrunner.

Alle Feuerwehren im Landkreis hetzen den ganzen Tag über von Einsatz zu Einsatz. Am Nachmittag ist der Unterhachinger Kommandant Christian Albrecht während der Rückkehr von einem Einsatz kurz auf der Wache erreichbar. „Es geht hauptsächlich um umgestürzte Bäume“, auch die S-Bahn sei immer wieder betroffen. Albrecht muss wieder los. 16 Einsätze hat die Unterhachinger Feuerwehr da gerade offen. Oder mehr? „Genau weiß ich es gar nicht.“ Auch die Feuerwehreinsatzzentrale im Landratsamt ist am Nachmittag kaum zu erreichen. Ständig sind alle Leitungen belegt. Währenddessen ist die A995 zwischen Unterhaching und Oberhaching zwischenzeitlich gesperrt.

„Die Lage ist angespannt“, sagt auch Garchings Feuerwehrkommandant Christian Schweiger. 14 Einsätze von 9 bis 16 Uhr verzeichnen die Helfer – so viele, wie selten an einem Tag. Der größte Einsatz für die Garchinger Wehr spielte sich schon am Vormittag auf der A 9 ab. Eine Böe hat den Anhänger eines Sattelzugs zwischen Garching-Nord und Eching erfasst und umgeworfen. Die Bergung zog sich über Stunden hin. Ein Einsatz jagt seit dem Morgen den nächsten. „Glücklicherweise ist niemand bisher schwer verletzt worden“, sagt Schweiger erleichtert.

Der Sachschaden ist teils um so schmerzhafter. Auch für Hausbesitzer, deren Dächer von umgestürzten Bäumen beschädigt werden. In Ottobrunn entwurzelt der Sturm in der Ahornstraße am Vormittag eine 20 Meter hohe Fichte. Sie kracht in ein nebenstehendes Wohngebäude und reißt dabei eine Starkstromleitung mit sich. Erst als der Energieversorger den Strom vorübergehend kappt, können die Feuerwehrleute den Baum zersägen und beseitigen.

Unterstützt werden die Feuerwehren im gesamten Landkreis von der Polizei. „Wir haben Sonderstreifen im Einsatz“, sagt Grünwalds Polizeiinspektionsleiter Andreas Aigner. Immer wieder müssen wegen umgestürzter Bäume Straßen gesperrt werden, wie etwa die Grünwalder Brücke oder die Isarquerung. Aigner: „Man kann eigentlich drauf warten.“ Äste in den Hochspannungsleitungen legen zeitweise den Trambahnverkehr lahm. Auch Ortschaften wie Ödenpullach, Straßlach, Oberbiberg und Sauerlach sind zwischenzeitlich wegen Sperrungen abgeschnitten.

Erst am späten Nachmittag hat auch Unterschleißheims Feuerwehr-Kommandant Markus Brandstetter Zeit für eine kurze Bilanz: „Seit heute Früh sind 40 Mann im Einsatz, wir hatten 28 Unwettereinsätze, dazu kamen zwei First-Responder-Einsätze und eine Wohnungsöffnung.“ An der Baustelle für das Carl-Orff-Gymnasium fing die Feuerwehr lose Blechteile ein, die durch die Gegend flogen. Die Zufahrt zum Unterschleißheimer See ist gesperrt. „Zehn bis 15 Bäume sind dort im Wald und an der Straße umgefallen.“

Eine Gefahr, die auch Hildegard Schneider aus Ismaning kennenlernt: Sie hat gestern Mittag gerade den kleinen Ford ihres Sohnes in der Ismaninger Mühlenstraße geparkt und ihr Haus betreten, da knackt es laut und die alte Erle fällt direkt auf das Auto. Vor 40 Jahren hatten die Schneiders den Baum gepflanzt – Sturmtief Niklas hält er nun nicht mehr Stand. Glücklicherweise aber wird niemand verletzt. Eine Autofahrerin kommt mit dem Schrecken davon, als die Erle vor ihr auf die Straße knallt.

Nur wenige Meter entfernt und wenige Minuten zuvor am Eckgrundstück zur Krautgartenstraße stürzt eine 20- Meter-Fichte um. Alexander Kügel, der Vorsitzende des Kulturvereins „arsNoah“ steht gerade in seiner Wohnung und blickt mit einem Kaffee in der Hand fasziniert auf den heftig wippenden Baum – wenige Sekunden später ist er nicht mehr da.

Sebastian Horsch, Patricia Kania
und Annette Gansmüller-Maluche

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